Der vermeintliche Überfall
1./2. Okt. 2000. Habt Ihr auch schon von Überfällen auf Camper-Touristen gehört? Wir schon und zwar ganz schaurige Geschichten, bei welchen wir allerdings nie nachvollziehen konnten, wie wahr sie sind und ob sich die Touristen selbst vielleicht auch falsch verhalten haben.
Und dann, letzte Nacht auf dem Nairn Falls Provincial Park-Campground,...
Doch Halt! Fangen wir ganz von vorne an:
Nach dem gut 14-tägigen Schlaraffenland-Aufenthalt bei unseren Freunden Lisa & Andy heisst es heute wieder einmal Abschied nehmen. Ein Abschied, der uns besonders schwer fällt, denn wir wissen nicht, wann wir die beiden wieder sehen. Von Salmon Arm aus fahren wir über Kamloops westwärts, folgen dem Highway 1/97 bis nach Cache Creek und biegen dann auf den Highway 99 Süd ab, welcher uns über die Lillooet Range hinunter ins Pemberton Valley bringt.
Eine sehr schöne, kurvenreiche Strecke, welche jedoch einigen Tribut von Mensch und Maschine fordert. Besonders die letzte, haarnadelkurvige Etappe, mit einem Gefälle von 13%, hat es in sich. Natürlich, für Marco auf seiner Goldwing ist es "just a piece of cake", doch für mich mit dem 5-tönnigen Haus auf Rädern eine recht anspruchsvolle Angelegenheit. Auf jeden Fall bin ich völlig knuffi, als ich auf dem Nairn Falls Provincial Park-Campground ankomme und freue mich darauf, "Little Sunshine" für heute abstellen zu können und mich auszuruhen. Aber weit gefehlt: der Campground ist seit heute morgen 11:00 Uhr "closed for season". Mit anderen Worten, der Campground bleibt bis zum nächsten Frühling geschlossen. "Na Bravo!" Ein Blick in den Campground-Führer verrät uns, dass wahrscheinlich auch die anderen Campgrounds auf der Strecke bereits in den Winterschlaf gefallen sind.
Völlig frustriert stehen wir vor dem geschlossenen Tor und ich lasse meinem Ärger freien Lauf: "Ich fahre heute keinen Meter mehr weiter!" fluche ich lautstark. "Es ist mir völlig 'wurscht', ob es erlaubt ist oder nicht, auf jeden Fall werde ich nun "Little Sunshine hier, auf dem Tagesparkplatz vor dem Gate parkieren und da auch übernachten!" "Okay, okay!" beruhigt mich Marco und wir parkieren unsere beiden Fahrzeuge auf dem hintersten Parkfeld des Provincial Park "Day use only"-Parkplatz.
Ein kurzer Abendspaziergang stimmt mich allerdings nachdenklich: Im Kies auf dem Parkplatz neben uns entdecke ich haufenweise Glassplitter von einer zertrümmerten Autoscheibe. "Hey, was ist wohl hier vorgefallen?" frage ich mich besorgt und plötzlich kommen mir die kurrligen, besoffenen Kerle in den Sinn, die wir heute nachmittag im Dorf unweit von hier über die Strasse torkeln sahen. Wer weiss, vielleicht haben die Schauerstories, die uns immer wieder von überfallenen Campern erzählt werden, doch etwas Wahres an sich. "Ach Quatsch, so etwas dämliches!" mache ich mir selbst wieder Mut und ich bin froh, dass wir heute nacht schon früh in die Federn kriechen, denn ich bin todmüde. Wohlweislich, dass wir hier auf dem Tages-Parkplatz völlig illegal stehen, wünschen wir uns gegenseitig eine gute Nacht.
Doch wie gut ein ehrlicher Mensch schläft, wenn er genau weiss, dass er etwas verbotenes tut, wird mir erst bewusst, als ich versuche, meinen wohlverdienten Schlaf zu finden. Was, wenn mitten in der Nacht ein Parkranger kommt und uns vom Parkplatz verweist? Ich werde mich ganz einfach weigern! Doch auf einmal kommen mir die Glasscherben auf dem Parkplatz wieder in den Sinn und was es wohl damit auf sich hat. Die schlimmsten Horrorgeschichten jagen mir durch den Kopf und nur mit viel Mühe gelingt es mir, doch endlich in den Schlaf zu finden.
Ich bin gerade so richtig eingenickt, als mich plötzlich: "Tuuuuuut, tuuuuuut, tuuuuuut!" ein weiss-der-Geier-wie-langer Güterzug mit seinen unzähligen, nach Öl quietschenden Wagen aus dem Schlaf reisst. "Oh nein, auch das noch!" Wieder finde ich nur schwer in den Schlaf zurück und jedes kleinste Geräusch lässt mich zusammenzucken und aufwachen. Einmal ist es ein vorbeifahrendes Auto, ein andermal irgendein Tiergeräusch, doch jedesmal bin ich hellwach.
Die Morgendämmerung schiebt sich langsam über den Horizont, als ich durch einen Spalt in den Vorhängen den Lichtkegel eines herrannahenden Autos erspähe und das Knirschen von Autoreifen auf dem gekiesten Parkplatz vernehme. 'Oky-doky, jetzt haben die Parkranger uns also doch noch entdeckt', denke ich für mich und schiebe den Vorhang vorsichtig zur Seite um zu sehen, wer da draussen hingefahren ist. Ich kann jedoch nur den Lichtschein der Autoscheinwerfer erkennen und höre, wie zwei Autotüren geöffnet und gleich darauf wieder zugeschlagen werden. Jetzt setzt sich das Auto wieder in Bewegung, fährt zum Parkplatz-Ausgang, hält kurz an, kehrt und fährt auf den Parkplatz zurück. Diesmal hält es geradewegs auf uns zu. Gespannt schaue ich aus dem Fenster und kann erkennen, dass es sich bei dem herannahenden Auto nicht um das eines Parkrangers handelt. Es ist ein sportlicher Personenwagen, der da zwei Parkfelder neben uns anhält.
Die Türen werden geöffnet und im Schein der Innenbeleuchtung kann ich die Umrisse von zwei Personen erkennen. Sie steigen aus und schauen in unsere Richtung. In diesem Moment kommen zwei weitere Gestalten - der Postur an müssen es zwei Männer sein - über den Parkplatz geschlichen und zwar aus der Ecke, wo vorhin das Auto gehalten hat. Auch sie schauen verstohlen zu uns herüber und dann öffnet einer der Bande den Kofferraum.
Mittlerweile ist auch Marco aufgewacht. "Was ist denn da draussen los?" will er wissen und ich schildere ihm ganz genau, was da draussen vor sich geht. "Die Typen ziehen sich Jacken über und fummeln im irgendetwas im Kofferraum herum." Mir schlägt das Herz vor Aufregung bis zum Hals und ich möchte Aufstehen und den Bären-Pfefferspray aus dem Schrank in meine Reichweite holen, doch ich bleibe wie angewurzelt hinter dem Vorhang sitzen und spähe weiter in die dunkle Nacht. Na toll! Jetzt haben wir den Schlamassel für's "wilde" campen und ich fürchte, dass wir nun ganz schön tief in der Tinte sitzen.
"Sag schon, was machen sie jetzt!" will mein Superhero, Marco, nach einer Weile des Schweigens ungeduldig wissen. "Ich weiss es nicht. Sie fummeln noch immer im Kofferraum herum." Und in diesem Moment ziehen zwei der finsteren Typen dunkle, längliche Säcke aus dem Kofferraum und die beiden anderen werfen sich je eine Decke über die Schultern. "Mensch, ich glaube die haben "Knarren" (Gewehre) dabei!" flüstere ich Marco stotternd zu und beisse in den Bettdeckenzipfel um nicht gleich loszuschreien. Marco steht auf und holt den Autoschlüssel in die Nähe, damit wir abhauen können, falls es brenzlig wird.
Die beiden Gestalten mit den länglichen Säcken in den Händen verschwinden im Wald - so dass ich sie aus meiner Position nicht mehr sehen kann - während die beiden anderen mit den decken beim Auto stehen bleiben. Der Postur nach zu urteilen, muss die eine Person eine Frau sein. Wie empörend! Plötzlich tauchen die beiden Kerle aus dem Wald wieder auf. Sie stellen sich zu den anderen beiden und diskutieren miteinander, während einer von ihnen in unsere Richtung zeigt. Langsam gehen sie ein paar Schritte auf unseren Camper zu, bleiben stehen und öffnen langsam die beiden schwarzen Säcke.
"Sollen wir nun abhauen?" höre ich Marco hinter mir fragen, als die beiden etwas dunkles, langes aus den Säcken herausziehen und ich glaube im Schein des Mondlichtes etwas Metallenes funkeln zu sehen. "Nein, warte noch!" flüstere ich ihm zu, "da tut sich gerade etwas sonderbares". Und dann endlich kann ich es ganz deutlich erkennen. Ich breche in schallendes Gelächter aus und rufe Marco zum Fenster um sich selbst anzusehen, was die Vier da draussen machen und wovor wir uns so schrecklich gefürchtet haben.
Das schwarze, lange, nach Metall schimmernde Irgendwas ist nichts anderes als ein kleines Igluzelt und die Gruppe will nichts anderes, als hier auf dem Parkplatz noch ein paar Stunden zu schlafen. "Wow!" uns fällt ein Stein vom Herzen als sich die Nachteulen in ihr Zelt verkriechen und wahrscheinlich kurz darauf einpennen. Ich gehe nochmals kurz zur Toilette um meinem Angstbisi freien Lauf zu lassen und krieche dann völlig erleichtert ins Bett zurück. So, nun bin ich sicher, dass diese Nacht nichts mehr schlimmes passieren wird.
Was es jedoch mit den Glasscherben auf dem Parkplatz neben uns auf sich hat? Wir werden es nie erfahren und wollen es auch gar nicht wissen. Wahrscheinlich war alles nur ein dummes Missgeschick, doch bestimmt hat bereits jemand eine dieser schlimmen Horrorgeschichten daraus gesponnen!