"Wie es Bändeli um es Gschänk"
20./21. Okt. 2000. Wir sind sie schon oft gefahren, die Strecke von San Francisco hinunter nach Los Angeles, doch immer wieder zieht uns dieser Abschnitt in seinen Bann. Der Highway No 1. Ein wahrer Mythos. Amerikas Traum in Asphalt (600 km zwischen Los Angeles und San Francisco)
Hier, zwischen dem 34. und dem 38. Breitengrad verläuft eine der schönsten Strassen der Welt. Normalerweise hat eine Strasse die Aufgabe, den Reisenden möglichst schnell von einem Ziel zum nächsten zu bringen. Doch der Highway 1 ist anders. Hier macht der Mensch Urlaub auf der Strasse, er erholt sich, indem er sich von dem silbergrauen Asphaltband einfangen und auf dem schmalen Grat zwischen Meeresküste und Bergen entlangziehen lässt. Es passiert selten, dass sich ein Mensch in eine Strasse verliebt, doch uns ist es tatsächlich passiert!
Nach den tollen Shopping-Tagen in San Francisco, gelangen wir über Monterey - welches vor allem für sein tolles Sealife-Aquarium und die alte Pier bekannt ist - hinunter zur Pazifikküste. Kurz hinter Monterey lässt der Verkehr merklich nach und wir können uns voll und ganz auf unsere Traumstrecke - den Big Sur Highway - konzentrieren.
"Wie es Bändeli um es Gschänk" windet sich der Highway 1 der wilden Brandung der Pazifikküste entlang und wie Perlen auf einer Kette sind darauf die atemberaubenden Aussichtspunkte aufgereiht. Ein himmlisches Fleckchen Erde. Die ungezähmte Natur von Horizont zu Horizont und die wilde Küste sind in jeder Himmelsrichtung fantastisch und an den windgepeitschten Klippen wimmelt es von brütenden, kreischenden Seevögeln. Wir lassen uns endlos viel Zeit auf diesem herrlichen Streckenabschnitt und haben ein easy-stopp-and-go-Fahren entwickelt, um immer wieder anzuhalten und uns an der faszinierenden Natur satt zu sehen bzw. einfach nur zu staunen.
Einer meiner Lieblings-Aussichtpunkte ist ganz eindeutig die Lagune im Julia Pfeiffer Burns S.P. Die türkisfarbenen Wogen des Pazifiks brechen sich am feinen Sandstrand und an den steilen Küstenhängen wiegen sich die langen, goldgelben Wedel der Pampasgräser im Wind. Wenn dann noch über allem die wärmende Sonne vom makellos blauen Himmel strahlt, dann fühle ich: "It's just another nice day in paradise!"
Gemütlich gondeln wir auf der Traumstrasse südwärts und haben Glück, dass wir auf dem idyllischen Campground im Kirk Creek State Park noch einen Platz finden. Lieblich eingebettet liegt dieser Campground auf einer mit saftig grünem Gras bewachsenen Felsklippe und die riesigen Pampasgras-Büsche geben einen wunderschönen Kontrast dazu. Schon auf unseren früheren Reisen haben wir uns diesen traumhaft schönen Campground angeschaut und nun stehen wir mit "Littel Sunshine" tatsächlich hier. Einmal mehr geht ein Traum von uns in Erfüllung. Auf einem Felsvorsprung warten wir, bis die Sonne glutrot im Meer untergeht und alles in anheimelnd warme Farbtöne taucht. Es ist eine Geborgenheit, ein Sich-wohl-fühlen-und-nie-mehr-wegwollen-Gefühl, dass sich in so einem Moment in uns breit macht. Bis spät in die Nacht hinein sitzen wir an diesem herrlichen Abend am wärmenden, knisternden Feuer und reden über Erlebtes und Zuküunftiges. Wir besitzen momentan nicht viel, aber wenn Marco und ich uns nachts im Bett aneinander kuscheln, dem Zirpen der Grillen lauschen und die Sterne zählen, fühle ich mich wie eine Königin der Nacht.
Als uns heute morgen die ersten Sonnenstrahlen an der Nase kitzeln wissen wir, dass es Zeit ist um aufzustehen und Neues zu entdecken. Durch das offene Fenster streicht mir eine Brise Meeresluft um die Nase, als wir unter einem tiefblauen Himmel weiter Richtung Süden tuckern. In rhythmischen Bewegungen schwingt sich Marco vor mir auf seiner Goldwing durch die Kurven und geniesst den Fahrspass in vollen Zügen. Wir sind dankbar für diese wunderbare Zeit und die Natur und immer wieder erleben wir dieses intensive Gefühl der Zufriedenheit.
An der Piedras Blancas Point-Beach parken wir unsere Fahrzeuge auf dem Vista-Point-Parkplatz und stapfen beharrlich durch den wie Pfeffer feingemahlenen Sand zu den fetten See-Elefanten. Schon von weitem sehen, hören und riechen wir die beleibten Tiere. Die einen von ihnen räkeln sich faul in der Morgensonne während ein paar andere erstaunlich quirlig im Meer herumtoben. Besonders imposant ist es dem tonnenschweren See-Elefant-Bullen zuzusehen, wie er sich bei seiner Herde in Szene setzt. Lange schauen wir den Tieren bei ihren Ritualverhalten zu. Was für ein lächerlicher Schrott ist dagegen das pompöse Hearst-Castle, dass da hoch über San Simeon auf einem Hügel thront. Wir schauen uns gerade mal das Visitor-Center dieses Prunkpalasts an und haben dann schon mehr als genug von diesem geschmacklosen Kitsch gesehen. Viel lieber verbringen wir unsere Zeit in der freien Natur und erfreuen uns der vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt. Einmal mehr lassen wir uns an diesem Abend von einem flammenden Sonnenuntergang in seinen Bann ziehen. Wir sind uns sicher, kurz nachdem Gott die Welt geschaffen hatte, muss er in der Gegend zwischen San Diego und San Francisco einen sehr, sehr langen Spaziergang gemacht haben. Immer der Küste entlang, dort, wo heute der Highway 1 entlang führt. Jedoch nur, wer die Strecke schon einmal gefahren ist, kann nachvollziehen, wovon wir hier schwärmen!