"Du weisch doch ganz genau...!"


13. Okt. 2000. Gestärkt von einem aufbauenden, energiespendenen Pancake-Frühstück setzen wir uns heute morgen über Eureka in südlicher Richtung in Bewegung. Die Strecke führt uns auf der Avenue of the Gigants durch den Humboldt Redwoods State Park, welcher für seine wunderschönen, gigantischen Mammutbäume bekannt ist.

Selbstverständlich fahren wir danach nicht auf dem Highway 101 weiter, sondern biegen kurz vor Leggett auf den Highway 1 ab. Von unseren früheren Reisen her weiss ich, dass es das Stück über die Coast Ranges ganz schön in sich hat. Es ist eine ziemlich schmale, kurvenreiche Strasse, die sich da über das Küstengebirge windet. Also, "let's go Buddy!" motiviere ich "Little Sunshine" und wir machen uns auf die kurvige, rasante Fahrt hinunter zur Pazifik-Küste. Die Strecke lässt Marco's Töfffahrer-Herz natürlich höher schlagen und schon nach den ersten paar Kurven ist er auf und davon. Ich geniesse zusammen mit "Little Sunshine" die Herausforderung der Strasse und wir schwingen uns in geschmeidigem Takt von Kurve zu Kurve. Die Drehzahlen steigen und der Fahrspass auch. Wow, das nenne ich Asphalt-Abenteuer pur!

Auf einmal schmeckt die Luft nach Salz, der Wind weht kühler und durch einen Nebelschleier taucht vor uns der Pazifik auf. Marco wartet natürlich schon geduldig auf uns. Ich will gar nicht wissen wie lange er da schon steht, denn obwohl auch ich ganz flott unterwegs war, scheint er schon seit einiger Zeit zu warten (immer diese Raser!). "Yeah, we did it Buddy!" freue ich mich und streiche "Little Sunshine" ganz sanft über's Armaturenbrett, bevor wir hinter Marco her, auf dem Highway 1, der Pazifikküste entlang Richtung Süden düsen. Der Pulsschlag wird wieder ruhiger und passt sich dem schwingenden Rhythmus des Asphaltbandes und den endlosen Kurvenformationen an.

Es ist noch früh am Nachmittag als wir auf dem Campground im MacKerricher State Park eintreffen. Hier werden wir über Nacht bleiben und den angebrochenen Nachmittag für einen Küsten-Spaziergang nutzen. Wie auf Bestellung verziehen sich die dicken Nebelschwaden und die wärmende Sonne lacht uns vom stahlblauen Himmel entgegen. Warme Luft mit dem Aroma von Salz und Tang streicht um unsere Nasen. In beruhigender Regelmässigkeit bäumt sich das türkisfarbene Wasser auf und eine Welle nach der anderen verliert sich in der Brandung am Strand.

Es herrscht gerade Ebbe und somit der ideale Zeitpunkt für eine Exkursion zwischen den Klippen. Während Marco auf einem Felsvorsprung die Sonne geniesst, begebe ich mich mit meiner Kamera bewaffnet auf Entdeckungsreise. Mittlerweile bin ich darin schon eine richtige Expertin geworden. Aus Erfahrung weiss ich, auf welchen Felsen man sicher stehen kann und auf welchen man mit ziemlicher Garantie ausrutscht. Auch wo ich mit der grössten Wahrscheinlichkeit Seesterne und Seeanemonen oder Krebse finden kann habe ich auf meinen unzähligen Entdeckungsreisen herausgefunden.

Vorsichtig klettere ich über die Klippen zur Brandung hinunter. An einem Felsvorsprung entdecke ich 'zig kleine See-Anemonen, welche dicht nebeneinander am Fels haften und jetzt bei Ebbe zum Schutz ihre feinen Tentakel eingezogen haben. Bei diesem Anblick schlägt mein Botaniker-Herz höher. Noch nie habe ich soviel, wunderschöne See-Anemonen auf einmal gesehen. Erst das tosende Geräusch der plötzlich heranrauschenden Brandung lässt mich aus meinem Staunen aufschrecken. Mit rasanter Geschwindigkeit nähert sich mir eine ziemlich grosse Welle. Jetzt bricht Hektik aus und im letzten Augenblick kann ich mich mit einem kühnen Sprung vor dem kühlen Nass in Sicherheit bringen. "Wow!" da wo ich vor ein paar Sekunden noch voller Bewunderung gestanden habe, ist nun alles ca. ½ Meter tief unter Wasser. Tja, so unberechenbar ist der wilde Ozean und selbst bei Ebbe ist immer Vorsicht geboten. Gerade noch mal Glück gehabt!

Nach dieser Schrecksekunde ziehe ich es vor, mir das ganze aus sicherer Höhe anzusehen und so kraxle ich auf die Felsen zurück. Da entdecke ich auf einmal eine Vertiefung im Fels, es sieht fast aus wie eine kleine Fallgrube. Natürlich muss ich gleich hin um mir das Unbekannte aus der Nähe anzusehen. Mal schauen wie tief es ist und was sich da unten befindet. Ganz langsam nähere ich mich dem Abgrund um nicht herunterzufallen. Ich strecke meinen Hals und schaue über den Grubenrand in die gähnende Tiefe hinunter. "Ups!" - erschrocken weiche ich einen Schritt zurück. "Wow!" was habe ich mich erschreckt. Nein, nicht etwa weil das Loch so gross ist - es ist nur etwa 3 Meter tief - sondern weil mich ein einsamer Seehund mit seinen grossen Augen von da unten herauf angestarrt hat. Ich weiss nicht, wer von uns beiden mehr erschrocken ist. Als der erste Schrecken vorbei ist, schleiche ich mich ganz sachte zum Loch zurück, setze mich an den Rand und schaue zu "Robbie" hinunter. "Oick, oick, oick!" ruft er mir aufgeregt zu und erst als ich ganz ruhige mit ihm zu plaudern beginne beruhigt er sich wieder. Er muss durch eine seitliche Öffnung am Felsen in diese kleine Höhle gelangt sein und sich diese Grotte als seinen Schlafplatz ausgesucht haben. Nach einem Weilchen legt sich Robbie hin, schliesst seine grossen Knopfaugen und schnarcht gemütlich vor sich hin. Ich sitze noch lange da und beobachte den friedlich schlafenden Seehund.

Da auf einmal kommt mir die Idee, dass ich seinen Zugang vom Meer her erforschen könnte, der jetzt bei Ebbe sicherlich im Trockenen liegt. Möglichst lautlos schleiche ich nach unten und nähere mich behutsam dem Höhleneingang. Es läuft alles prima und ich bin nur noch ca. 1 Meter von der Felsgrotte entfernt, als ich - "Ohhhhhh... Ups!" - mit einem Fuss von einem wackligen Stein abrutsche und mich nur mit viel Glück auf den Beinen halten kann. Der Kies knirscht unter meinen Schuhen und durch meinen Rettungshüpfer habe ich prompt meinen kleinen Freund aus dem Schlaf aufgeschreckt. Mit lauten, wütenden "Oick-Oick"-Rufen kommt er zum Höhleneingang gewatschelt und schaut mich verärgert an. "Oh, I'm so sorry!" entschuldige ich mich und ärgere mich darüber, dass ich mich so tapsig angestellt habe. Breitspurig setzt sich "Robbie" in Position und gibt mir zu verstehen, dass ich ihm eindeutig zu nahe gekommen bin. Tja, auch mir ist seine Nähe nun doch ziemlich unangenehm und so entscheide ich mich zum Rückzug. Doch einfacher gesagt als getan! Denn vor mir sitzt ein ausgewachsener, verärgerter Seehund - in dessen Revier ich gerade eingedrungen bin - und hinter mir toben die Fluten des wilden Pazifiks. Also bleibt mir im Moment gar nichts anderes übrig, als ganz ruhig dazustehen und abzuwarten. Vielleicht kann ich so sein Vertrauen zurückgewinnen. Es funktioniert tatsächlich. Nachdem er sich noch ein Weilchen genüsslich in der wärmenden Sonne räkelt, zieht er sich wieder in seine Höhle zurück um sich hinzulegen. Okay, das war wieder einmal ein zünftiger Lehrblätz und mit sichtlich weichen Knien entferne ich mich aus meiner unsicheren Lage. Natürlich muss ich Marco gleich von meiner Entdeckung berichten. Zusammen schiessen wir vom oberen Höhleneingang aus noch ein paar Fotos und lassen dann den müden Gesellen in Ruhe weiter schlafen.

Auf den steilen Felsklippen vor der Küste räkeln sich ein paar Harbor Seals genüsslich in der warmen Nachmittags-Sonne und es muss wohl ansteckend gewirkt haben, denn plötzlich will Marco nur noch zum Camper zurück. Ich dagegen habe dazu noch überhaupt keine Lust, denn zu gross ist mein Entdeckungsdrang und vor mir liegen noch unzählige, unentdeckte Tümpel. Über von Algenspinat bedeckte Felsen kraxle ich der Küste entlang. Es ist unglaublich, was es hier alles zu sehen gibt. Neben feingliedrigen, rosaroten Korallenstöcken gibt es wunderschöne Seeanemonen, prachtvolle, verschieden farbene Seesterne und tausende von Muscheln. Unter einem Felsen entdecke ich eine Kolonie Krebse, welche mich mit ihren kleinen Stielaugen neugierig anstarren. Ganz besonders gefallen mir die kleinen Einsiedler-Krebse, welche sich in einem Schneckenhaus eingenistet haben. Dem einen oder anderen von ihnen ist jedoch sein Haus eine Nummer zu gross und so werde ich Zeuge, wie eines der Krebschen samt Mietshaus - "Plumps!" - auf die Schnauze fällt. Es ist unglaublich interessant und ich kann mich kaum satt sehen in diesem herrlichen Meeresgarten. Immer wieder gibt es Neues zu entdecken und plötzlich merke ich, dass - "oh, oh!" - die Sonne schon ziemlich flach am Horizont steht.

Ich habe auf meiner Klippen-Pirsch glatt die Zeit vergessen, genauso wie früher, wenn ich als kleines Mädchen draussen die Käfer, Schnecken, Würmer und Kaulquappen beobachtet habe. Noch heute klingt mir Grossmutters Stimme in den Ohren, wenn ich wieder einmal zu spät zum Essen kam: "Du weisch doch ganz genau wänn's Z'nacht gitt!" Sie hat es ja nur gut gemeint, mein liebes Grosi und meist ging es ihr gar nicht mal so sehr um das verpasste Nachtessen sondern viel mehr darum, weil sie nicht wusste, wo ich wieder stundenlang steckte. Und genauso ist es heute mit Marco. Manchmal macht er sich fürchterlich Sorgen, wenn ich alleine auf Entdeckungsreise gehe. Bestimmt wartet er auch jetzt schon wieder besorgt auf mich und hat Angst, dass ich über eine Klippe abgestürzt bin und über den grossen Ozean Richtung Japan davon drifte.

Mit einem fürchterlich schlechten Gewissen mache ich mich schleunigst auf den Rückweg. Vorsichtshalber halte ich mir schon eine Entschuldigung für mein langes Wegbleiben parat. Gerade als ich auf die Campgroundstrasse einbiege, kommt mir Marco entgegen. Doch statt eines verärgerten Blickes strahlen mir seine hellblauen Augen entgegen und mit einem dicken Kuss lädt er mich ein: "Komm, wir gehen uns den Sonnenuntergang anschauen!" "Paff!" Mit fällt ein Stein vom Herzen und Arm in Arm schlendern wir zur Beach um uns von der Faszination des Sonnenunterganges verzaubern zu lassen.

Noch ein letztes Mal schauen wir nach unserem Freund, Robbie, bevor wir in der Abenddämmerung zum Camper zurück spazieren. Er liegt noch immer in seiner Höhle und schnarcht friedlich vor sich hin. Bevor wir es ihm gleichtun, kochen wir uns einen feinen Z'nacht und Marco serviert mir dazu eine kühle Cola. Jeder Schluck schmeckt mir besser als der teuerste Champagner und die heutigen Erlebnisse sind mir tausendmal mehr Wert als alles Geld auf dieser Welt!

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