Ein ungebetener Gast


12. Sept. 2000. Von Prince Rupert aus geht es heute auf dem Yellowhead Highway entlang dem Skeena River ostwärts. Die heutige Etappe macht uns wieder einmal klar, wie gross dieses Land ist. Die Sehnsucht nach unseren Freunden Lisa und Andy treibt uns zügig vorwärts. Bestimmt liegt da auch ein bisschen von Marco's Sehnsucht nach seinem Töff mit drin, der seit gut 9 Wochen in Salmon Arm geduldig auf ihn wartet.

In der Hoffnung, dass die Lachse auch hier schon auf ihrer Reise Fluss aufwärts sind, machen wir am Creek in Moricetown Halt. Schon von weitem sehen wir ein paar Indianer, die mit ihren langen Speeren auf den Wasserfallklippen nach den fetten Lachsen Ausschau halten. Wir haben gerade ein paar Schritte auf den Fluss zu gemacht, als uns ein paar Leute entgegen eilen und uns aufgeregt warnen: "Seid vorsichtig, da unten am Fluss schleicht ein riesiger Schwarzbär herum!" "Okay, thanks a lot!" Wir haben nach unseren 'zig Bärenerlebnissen nicht gerade Angst vor dem pelzigen Freund, doch haben wir es auch nicht nötig, die Helden zu spielen. Also eile ich zum Camper zurück und krame den Bärenspray hervor. "Just for our safety!" Irgendwie ist es einfach ein beruhigendes Gefühl, dieses Ding bei sich zu haben, obwohl dieser amerikanische Bärenspray hier in Kanada verboten ist. Er ist für kanadische Verhältnisse viel zu hoch konzentriert und gilt hier somit als Waffe. Tja, wir haben ihn ganz einfach nach Kanada reingeschmuggelt - Psssst! Nicht verraten! Doch der Schwarzbär muss wohl gerochen haben, dass sich die Seewer's bis an die Zähne bewaffnet dem Flussufer näher. Jedenfalls lässt er sich während unseres Aufenthalts am Fluss kein einziges Mal blicken. War wohl besser für uns alle!

Wieder zurück auf dem Yellowhead Highway geht es jetzt südwärts bis zum Tyhee Lake Provincal Park, wo wir für heute "Little Sunshine" auf dem gleichnamigen Campground abstellen. Es ist wunderschön hier und endlich wieder einmal herrlich warm. Freudig öffnen wir Fenster und Tür um die warme Brise hereinströmen zu lassen. Mit einer erfrischenden Cola und der Strassenkarte setzen wir uns an den gemütlichen Esstisch und diskutieren über unsere Weiterreise. "Also, me chöntet vo Prince George us "straight ahead" uf Salmon Arm fräse oder en Abstächer über dä Jasper und Banff N.P. mache. Was meinsch Du min Chäfer däzu?" will Marco von mir wissen. Doch ein unüberhörbares Rascheln von draussen, zieht meine Aufmerksam auf sich. "Was cheibs isch dänn da usse los?" frage ich stattdessen. Gwundrig schreite ich zur Tür, um dem unbekannten Geraschel auf den Grund zu gehen. Und - "Ups!" - was da draussen neben unserem Camper herumschleicht, ist wesentlich grösser als der von mir vermutete Chipmunk (Streifenhörnchen). "Scheisse. Da draussen ist ein Schwarzbär!" rufe ich aufgeregt Marco zu, der sich seine Nase an der Fensterscheibe platt drückt und den ungebetenen Gast ebenfalls gesichtet hat.

"Oh boy!" Reglos stehe ich für einen Augenblick unter der Türe und starre auf den schwarzen Teddy, der mich ebenfalls mit seinen grossen, dunklen Augen anstarrt. Ganz langsam trottet er auf unseren Camper zu. "Holly cow!" Ich mache mir vor Angst fast in die Hose und verstecke mich knieschlotternd neben dem Kühlschrank. Mit Schrecken erblicke ich dabei die offene Partypackung Timbits (kleine Donuts) welche da neben mir auf der Küchenablage steht. "Perfekt!" Es passt wirklich alles zusammen und die Einladung für Blacky könnte nicht deutlicher sein. "Come on Buddy, let's have a party!"

Die ganzen Bärenerlebnisse der letzten Wochen sind nichts, im Vergleich zu der momentanen, brenzligen Situation. Ganz vorsichtig "güggsle" ich um die Kühlschrank-Ecke. Blacky steht etwa 3 Meter neben unserer Campertüre und schnuppert mit seiner feinen, feuchten Stupsnase durch die Luft. "Hey, was soll ich machen?" flüstere ich mit bebender Stimme Marco zu, der noch immer mit weit aufgerissenen Augen aus dem Fenster starrt. "Mach doch eifach d'Türe zue!" gibt er mir leichtfertig zur Antwort und ich glaube, meinen Ohren nicht zu trauen. Da draussen steht ein gefrässiger, ausgewachsener Schwarzbär, der mindestens zwei Köpfe grösser ist als ich und mein Mann schlägt mir ganz cool vor, nach draussen zu gehen und die Türe zu schliessen. Dies ist deshalb nicht so einfach, weil diese mit einem Riegel an der Camper-Aussenwand eingehängt ist. Zu allem Elend habe ich heute morgen auch den Bärenspray schon wieder feinsäuberlich im Schrank neben der Eingangstüre versorgt und nun ärgere ich mich darüber, dass ich so ordentlich bin!

Noch einmal fordert mich Marco auf: "Mach doch ändlich die Türe zue!" Und nun reisst bei mir der Geduldsfaden: "Verflucht nochmal, die ist doch draussen eingehängt!" entgegne ich ihm wütend und befürchte, dass dies die neueste Methode ist, wie man seine Ehefrau los wird! "Bitte schön, versuch es doch selbst einmal, wenn Du den Mut dazu hast!" mache ich ihm den Vorschlag, doch auch Marco zieht es vor, einfach ganz ruhig im Camper abzuwarten, was unser Besuch da draussen vor hat. Für alle Fälle bewaffne ich mich mit ein paar Sofakissen, obwohl ich weiss, dass ich damit ziemlich bescheuert dastehe, wenn unser ungebetene Gast wirklich hereinkommt. Marco dagegen zieht es vor, sich für einen Blitzstart vorzubereiten. Krampfhaft hält er den Autoschlüssel in der Hand, während wir beide durch das Seitenfenster den schwarzen Teddy da draussen beobachten.

Noch einmal streckt er seinen Kopf ganz gwundrig in Richtung Eingangstüre, doch auf einmal dreht er sich um und trottet ein paar Schritte davon. Das ist der Moment um zu handeln. Sofort eile ich nach draussen um die Türe zu schliessen. Doch als ich mit schlotternden Knien draussen stehe, bleibt Blacky neben der Beifahrertüre stehen, dreht sich um und schaut mir gwundrig zu, wie ich verzweifelt versuche, die verflixte Türe vom Rückhalteriegel zu lösen. Endlich gelingt es mir und mit einem letzten Blick zu Blacky, verziehe ich mich im Camper und schlage hinter mir die Türe zu. "Uff, geschafft!" Erleichtert setze ich mich auf's Sofa und wir schauen Blacky zu, wie er brummend Richtung Campground-Strasse davonschleicht. Wir brauchen ein Weilchen, bis wir uns von diesem Schrecken erholt haben, schliesslich bekommt man nicht jeden Tag Besuch von einem ausgewachsenen Schwarzbären.

Da es am Campground-Eingang ein öffentliches Telefon gibt, wollen wir die Gelegenheit nutzen um unsere E-Mails zu versenden und zu empfangen. Irgendwie trauen wir dem pelzigen Freund nicht so ganz über den Weg und da er immer noch in der Nähe sein kann, nehmen wir vorsichtshalber den Bärenspray und das Bärenglöckli mit. Bis an die Zähne bewaffnet machen wir uns auf den Weg und als wir um die nächste Ecke biegen, da - "oh, oh!" - steht Blacky mitten auf der Strasse und empfängt uns mit einem tiefen Brummen. "Es ist wohl besser, wenn wir uns zurückziehen," meint Marco und so schleichen wir ganz langsam aber sicher rückwärts davon, ohne Blacky aus den Augen zu lassen. Jetzt scheint ihm das Versteckspiel mit uns beiden Angsthasen langsam zu stinken. Murrend dreht er sich um und trottet Richtung Wald davon. An einer riesigen Tanne wetzt er sich noch einmal seine Krallen, bevor er im Dickicht verschwindet.

Wir warten noch ein Weilchen und beobachten die Stelle, an der er im Wald verschwunden ist. "Ich glaube, die Luft ist rein," meint Marco und wir nehmen einen neuen Anlauf, um zur Telefonzelle zu gelangen. Ganz kräftig bimmele ich mit dem Glöckli um Blacky zu signalisieren, dass wir nun kommen. Und prompt streckt er etwas weiter vorne noch einmal seine Nase aus dem Gebüsch um zu sehen, ob wir uns diesmal trauen an ihm vorbeizuziehen oder uns wieder feige aus dem Staub machen. Ohne weiteren Zwischenfälle gelangen wir schliesslich zur Telefonzele. Offen gestanden, so aufregend war es noch nie ein paar E-Mails zu versenden. Selbstverständlich sind wir auch auf dem Rückweg wieder auf der Hut, doch Blacky lässt sich nicht mehr blicken.

Dass so ein herumstreunender Schwarzbär nicht ganz ungefährlich ist, signalisieren auch die verschiedenen Informationstafeln auf dem Campground und so beschliessen wir, die eben angekommenen Camper über unsere Bären-Begegnung zu informieren. Nur ein paar Plätze neben uns haben es sich drei ältere Männer gemütlich gemacht. Mit einem freundlichen "Hello!" begrüssen wir die Clique und Marco teilt ihnen mit: "Watch out, a Blackbear is sneaking around." Die Männer schauen uns nur dumm an und statt eines Dankeschön erhalten wir bloss ein blödes "Hähhhh?" zur Antwort. Schliesslich versuche ich mein Glück und teile den Herren ganz langsam und gestikulierend mit: "A Bear ist sneaking around the campground." Wieder scheinen die Drei nur Bahnhof zu verstehen. Einer der drei Deppen zuckt Grimasse schneidend mit den Schultern, der zweite kratzt sich verwundert im schütteren Haar und der dritte quetscht wieder ein unfreundliches "Hähhhh?" über seine wulstigen Lippen. Jetzt endlich schaltet es Marco: "Sprecht ihr etwa deutsch?" will er von den begriffsstutzigen Herren wissen und der "Häh-Mensch" mit dem Kännchen Kaffee in der Hand erwidert in einem arroganten Tonfall: " Na klar doch!" als ob das hier im tiefen Kanada ganz selbstverständlich wäre. Trotz dieser schnudrigen Antworten gibt Marco nicht auf und erklärt den drei Blindgängern auf Deutsch, dass auf dem Campground ein Schwarzbär herum schleicht. Toll, das haben die Drei verstanden. Doch statt sich für unseren Hinweis zu bedanken zucken sie bloss mit den Schultern und ohne uns eines weiteren Blickes zu würdigen, widmen sie sich ihrem Nachmittags-Kaffee. Für dieses unfreundliche Pack hat Marco nur noch ein "Stupide Guys!" übrig und wir entfernen uns so schnell als möglich von diesen Deppen.

Doch als wir am Abend am Firepit sitzen und dem Knistern, des nach Harz duftenden Holzes, lauschen, sind die Blödmänner längst schon wieder vergessen. Was soll's, wir lassen uns von solchen Typen nicht mehr den Tag vermiesen!

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