Ein ganz normaler Spaziergang


30. Aug. 2000. Nach den letzten paar, erlebnisreichen Tagen haben wir uns entschieden, heute einen "Ruhetag" einzulegen. Wir liegen lange im kuschelweichen Bett und schlemmen ein tolles Frühstück mit Speck, Eiern und Pancake. Hhmmm, lecker!

Gegen Mittag fahren wir mit dem Bus los, doch schon beim Teklanika Restroom entscheiden wir, wieder auszusteigen und ein bisschen spazieren zu gehen. Von der Plattform aus überblicken wir das riesige Flussbett des Teklanika-Rivers. "Hier unten tummeln sich öfters Bären und manchmal sogar Wölfe", verrät uns der Bus-Driver. Doch was wir sehen, scheint heute die Luft rein zu sein. Weit und breit ist keiner dieser pelzigen Vierbeiner zu sehen. "Okay, let's go!" fordere ich Marco auf und so marschieren wir auf der Strasse los zur Teklanika-Brücke, von wo aus man problemlos ins Flussbett hinuntersteigen kann. Durch das überdimensional breite Flussbett fliessen nur ein paar Flussarme, der Rest davon ist trockenes Geröll und Sand, über welches man einige Kilometer weit flussauf- und abwärts wandern kann.

Wir werden heute flussabwärts bis zum Campground spazieren und uns an der wunderschönen Herbstfärbung und dem phantastischen Wetter erfreuen. Eines sind wir uns jedoch immer bewusst, wir bewegen uns hier in der wildesten Wildnis und hinter jeder Ecke kann eine "Überraschung" auf uns warten. Doch heute scheint hier am Fluss wirklich nicht's los zu sein und so marschieren wir in einer Seelenruhe unseres Weges. Vorsichtshalber habe ich jedoch das Bärenglöckli am Rucksack befestigt und Marco sich den Bären-Pfefferspray am Gürtel festgeschnallt. "Haha, soll er doch kommen, der grosse Bär oder der böse graue Wolf!"

Wir stolpern über Stock und Stein und ein paar Mal stehen wir in einer Sackgasse, wo zwei Flussarme zusammenfliessen. Da gibt es jeweils keinen anderen Ausweg mehr, als über einen dieser Flussläufe zu jumpen. Gottseidank sind sie nie so tief, das wir unsere Schuhe ausziehen und barfuss hinüber waten müssen. Das Wasser des Teklanika-Rivers ist nämlich von den umliegenden Gletschern gespiesen und somit - brrrrrr - empfindlich kalt.

Bingo! Schon wieder stehen wir vor einem dieser verlixten Flussarme-Sackgassen. Fachkundig suchen wir das Flussbett nach der seichtesten Stelle ab. "Mist!" Der eiskalte Fluss ist hier einfach zu tief und die Strömung zu stark, als das wir eine Chance hätten, trockenen Fusses ans andere Flussufer zu gelangen. Und ein Blick auf den anderen Flussarm verrät uns, dass dieser eher für eine wilde River-Rafting-Tour als für eine barfüssige Überquerung geeignet ist. "Chumm mer gönd nachli zrugg," schlage ich Marco vor und wir marschieren suchend ein Stück den Weg zurück. "Hey, hier! Hier müsste es gehen!" ruft Marco siegessicher und ich begutachte mit ihm zusammen die etwas seichtere Stelle. Ein paar grössere Steine schimmern knapp unter der Wasseroberfläche hindurch und wenn wir ganz vorsichtig sind, könnten wir es hier tatsächlich schaffen.

Marco geht vor und versucht die sichersten Steine zu finden. Doch der Unterschied zwischen uns beiden ist ganz eindeutig, dass er die längeren Beine hat. Behende hüpft er von einem Stein zum anderen, mit solchen Riesenschritten, dass ich mit meinen kurzen Beinen nicht darum herumkomme für die gleiche Distanz zwei Schritte zu machen. Das eiskalte Wasser umspült für einen kurzen Moment meine Goretex-Wanderschuhe, als ich auf einem etwas tiefer liegenden Stein abstehen muss. Es ist gerade kurz genug, dass der Schuh noch dicht hält. Wie zwei Seiltänzer balancieren wir über die glitschigen Steine. "Bloss nicht ausrutschen!" denn auf ein Bad in diesem eisigen, graublauen Gletscherwasser wäre schaurig kalt.

"Yeah, geschafft!" jubelt Marco, als er trockenen Fusses am anderen Flussufer steht und mit einem kühnen Sprung bringe auch ich mich am trockenen Ufer in Sicherheit. Wir hoffen, dass dies die letzte Flussüberquerung für heute war und setzen gerade zum Weitermarsch an, als - "Ups!" - keine 10 Meter vor uns eine Grizzly-Bärin mit ihrem kleinen Jungen im Gebüsch steht und zu uns herüber schaut. Wir waren so voll und ganz auf unsere Flussüberquerung konzentriert, dass wir die beiden nicht bemerkt haben und nun ohne es zu wollen in ihr Revier eingedrungen sind. Wir haben jetzt zwar trockene Füsse, dafür aber vor Angst schon bald nasse Hosen. "Scheisse!" höre ich Marco neben mir sagen und wir beide sind unfähig uns auch nur einen Zentimeter vom Fleck zu rühren. Ein hektischer Blick fliegt zu Marco, welcher ebenso fragend zu mir herüber schaut. "Was nun?" Das einzige was wir im Moment wissen ist: "You are definitely to close to each other!" (ihr seid einander definitiv zu nahe!). Oh boy! Jetzt ist guter Rat teuer.

Auf einmal kommt mir der Campfire-Bärenvortrag vom Kluane N.P. wieder in den Sinn. Was war das noch, was uns da Deborah gelehrt hat?

Komm niemals einer Bärin mit Jungen zu nahe - Bingo! Genau das ist im Moment der Fall!

Versuche niemals vor einem Bären davonzurennen - Wie auch, denn die beiden stehen direkt vor uns und hinter uns rauschen die eiskalten Fluten des Rivers!

Sprich in einer klaren, ruhigen Stimme zum Bären - Na toll! Und was um alles in der Welt sollen wir den beiden erzählen?

Schau dem Bären nie direkt in die Augen - Wohin bitte schön sollen wir ihnen sonst schauen, wir sind so nahe dran!

Entferne dich langsam vom Bären, ohne ihm dabei den Rücken zuzukehren - Okay, wir werden es versuchen!

Noch immer stehen die beiden fast regungslos uns gegenüber und mustern uns als ob wir zwei Ausserirdische wären. Sie müssen uns bei der Flussüberquerung beobachtet haben und wahrscheinlich haben sie sogar bei meinem Schlusshüpfer das Bärenglöcklein bimmeln gehört. Nur komisch, dass sie dann nicht abgehauen sind.

Als wir uns endlich wieder etwas gefasst haben und der erste Schrecken verflogen ist, fassen wir all unseren Mut zusammen und schleichen uns langsam flussabwärts davon, ohne die beiden aus den Augen zu lassen. Marco umklammert den Bärenspray so krampfhaft, dass sich seine Finger weiss färben. Mama-Bär scheint durch unseren langsamen Rückzug beruhigt zu sein und gräbt sorglos weiter nach ein paar fetten Indianer-Wurzeln. Nur der kleine Teddy ist noch immer gwundrig, stellt sich auf die Hinterbeinchen, mault etwas und schaut uns verwundert nach. "Wow, das war vielleicht knapp!" sind wir beide uns einig. Doch als wir uns ein paar Meter weiter von den beiden entfernt haben, hole ich meine Videokamera hervor, um von den beiden noch ein paar Aufnahmen zu schiessen. Schliesslich hat man nicht jeden Tag die Möglichkeit, so nahe vor einer Bärin mit ihrem Jungen zu stehen!!!

Das Videoband surrt gerade los, als die Bärin, gefolgt von little Bear, plötzlich in unsere Richtung losmarschiert. "Oh, nein!" Erneut packt uns das ungute Gefühl, dass wir vielleicht noch immer zu nahe bei den beiden sind und wir schleichen uns noch etwas weiter davon. Wieder trotten uns die beiden Teddies hinterher, gerade so, als wollten sie uns zum Campground begleiten. Doch an unserem kleinen Esstisch ist unmöglich noch Platz für zwei weitere Gäste.

Auf der Teklanika-Plattform stehen etwa an die 50 Touristen und schauen uns zu, wie wir mit dem Bären-Gefolge einen Riverwalk (Flussspaziergang) machen. Die Fotokameras hoch über uns klicken und jeder will uns verrückte Hiker mit den Bären für's Fotoalbum ablichten. So langsam aber sicher haben wir uns an unsere Verfolger gewöhnt und wir setzen unsere Wanderung so "easy-peace" als möglich fort. Doch uns pocht das Herz immer noch bis zum Hals und während Marco's schweissnassen Hände den Bärenspray umklammern, suche ich Halt an den Rucksackgurten. Kurz vor dem Campground entscheidet sich Mama-Bär jedoch das Flussufer zu wechseln. Zusammen mit klein Teddy schwimmt sie über den breiten, eisigen Flussarm und die beiden trotten nun parallel zu uns den Fluss hinunter. Noch ein paar Mal schauen wir zu den beiden hinüber und sind froh, dass dieses Erlebnis so glimpflich ausgegangen ist.

Als wir am Abend unseren Freunden Thomy, Stefan und Antje von unserem Erlebnis erzählen, scheinen die uns erst nicht so recht zu glauben. Ein Blick auf die Videoaufnahmen beseitigt jedoch all ihre Zweifel und wir stossen gemeinsam auf unser eindrückliches Erlebnis und unser Glück, nicht gefressen worden zu sein, an.

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