Kenai Fjord Tour


8. Aug. 2000. Nachdem unsere Schiffstour in Valdez eine regelrechter "R(h)ein-Fall" war - allerdings nur was das Wetter anbelangte - wollen wir hier in Seward nochmals zu einer Cruise-Tour starten, Bedingung: das Wetter muss mitspielen.

Es hat die ganze Nacht wie aus Kübeln gegossen und eigentlich habe ich die 'Böötlitour' schon abgeschrieben, doch als wir heute morgen aufwachen, lachte uns die Sonne vom stahlblauen Himmel entgegen und verspricht uns einen klaren, herrlichen Tage. Geradezu optimal für eine Schiffstour in den Kenai Fjord.

Geschwind hüpfe ich aus den Federn, wecke meinen Siebenschläfer Marco auf und eile zum nächsten Telefon, um uns zwei Plätze für die heutige Cruise zu reservieren. Alles paletti! Zwei Plätze sind auf der Tour für uns reserviert, doch jetzt geht die Hektik los. Wir haben noch nicht gefrühstückt und bis spätestens 9:15 Uhr muss einer von uns beiden die Tickets am Schalter abholen. Ein kurzer Blick auf meine Armbanduhr verrät mir, dass es bereits schon nach 8:30 Uhr ist. Tja, und da Marco noch immer im knuddelig warmen Pijama steckt und mich mit seinem verträumten "Sandmändli"-Blick anschaut, ist wohl klar, wer von uns beiden nach dem Z'morgen gleich losdüst. Dafür muss er das Z'morgen-Geschirr abräumen und den Rucksack und die Kameras schleppen. Soviel zum Thema Gleichberechtigung.

Am Ticketschalter ist ganz schön was los. Es scheint sich heute Jedermann/-frau auf diese Schiffstour gehen zu wollen und ich bin froh, dass ich die Tickets telefonisch vorbestellt habe. Als ich endlich an der Reihe bin, erklärt mir die nette Dame, dass sie heute wegen der Anzahl Passagiere gleich zwei Schiffe auf die Tour schicken und ich noch auslesen könne, mit welchem Schiff wir mitfahren wollen. Ich entscheide mich für das frühere Schiff und nehme dankend meine Tickets in Empfang. In 20 Minuten ist Abfahrt und so gehe ich nach draussen, um nach Marco Ausschau zu halten.

Von Minute zu Minute werde ich nervöser. "Hoffentlich ist er mit seinem EMS (Early-Morning-Stink) bald fertig!" schimpfe ich vor mich hin und kaum habe ich fertig gewettert, sehe ich ihn tatsächlich schon des Weges kommen. Wie verrückt winke ich ihm zu, dass er sich beeilen soll. Der Ärmste weiss ja überhaupt nicht wieso, doch zu meiner Beruhigung fängt er wirklich an zu rennen. "Gschnäll, min Schnägg, mer müend uff's Schiff!" rufe ich ihm zu, als er in Höhrweite ist und zusammen spurten wir über den wackligen Steg zum Schiff und schaffen es gerade noch. Völlig ausser Atem suchen wir uns zwei Plätze aus und dann geht die Fahrt auch schon los.

Unser Kapitän Sam, ist der Besitzer dieser Cruise-Tour und er begrüsst uns über den Bordlautsprecher zur heutigen Kenai Fjord Tour. Er erklärt uns, dass er sich heute morgen entschieden habe zwei Boote einzusetzen, damit auch alle Passagiere genügend Platz haben und die Fahrt wirklich in vollen Zügen geniessen können. Als ich mich nun etwas genauer auf dem Boot umschaue, stelle ich erstaunt fest, dass das Boot nicht einmal zur Hälfte voll ist und da man sich auf zwei Decks völlig frei bewegen kann, verteilen sich die paar Leute ganz toll.

Wir haben gerade eben das Dock verlassen, als uns Sam schon auf das erste Fotomotiv des Tages aufmerksam macht. Auf einem Masten der aus einer Plattform empor ragt sitzt inmitten einer Horde kreischender Möwen ein Bald-Eagle (Weisskopfseeadler) und überblickt mit seinen scharfen Argus-Augen das Revier. Im Schritttempo umkreisen wir die Plattform um den stolzen König der Lüfte zu begutachten. Ein paar aufgescheuchte Möwen fliegen über unsere Köpfe hinweg und ich bin froh, dass ich meine Baseball-Mütze dabei habe, denn ich kann mir angenehmeres vorstellen, als von einem dieser feucht-pflütterigen Möwen-Kacke mitten auf dem Kopf getroffen zu werden. Igitt, igitt!

Gott sei Dank bleiben wir jedoch von einer Möwen-Kacke-Dusche verschont und als sich der Adler mit seinen Riesenschwingen majestätisch in die Lüfte erhebt, drehen wir ab und starten zu unserer vielversprechenden Schiffstour. "Wow, das war toll!" rufen sich einige der Passagiere begeistert zu und Sam verspricht uns, dass wir heute noch so einiges erleben werden. "Okay, let's go, wir lassen uns gerne überraschen!"

Nur ein paar wenige Seemeilen weiter reduziert unser erfahrener Kapitän erneut das Tempo und lotst uns zu einem auf dem Wasser treibenden Stück Irgendwas. Wir können es von Weitem noch nicht recht erkennen. Es ist braun und sieht fast aus wie ein grosser Wollknäuel. "Na klar, das ist ein Seaotter!" Ganz vorsichtig nähern wir uns dem gemächlich auf dem Wasser daherdümpelnden Otter, welcher hier auch liebevoll "The old man of the sea" genannt wird. Genüsslich räkelt er sich in der wärmenden Morgensonne, putzt sein dichtes, kuschelweiches Fell und mustert uns mit seinen glänzenden Knopfaugen. Er lässt sich durch unsere Anwesenheit keineswegs stören und wir haben die Möglichkeit bis auf ein paar wenige Meter an ihn heranzupirschen. Lange schauen wir dem munteren Burschen zu, der sich für unsere Kameras regelrecht zur Schau stellt. Sogar Sam ist hingerissen von dieser entzückenden Szene und meint, dass er auf seiner bald 20-jährigen Cruise-Tour-Karriere noch nie einen so kooperativen Seaotter gesehen hätte.

Es fällt uns unglaublich schwer, uns von dem putzigen Kerlchen zu trennen, wir hätten ihm noch stundenlang zusehen können, doch auf Fox Island wurden wir schon bald zum Z'mittag erwartet und bis dahin war es noch ein ganz schönes Stück. In zügiger Fahrt geht es nun südwärts, Kurs Fox Island. Die Strömung rund um die Insel ist sehr stark und nur mit jahrelanger Seemanns-Erfahrung und mit einigem Geschick gelingt es unserem Kapitän, unser Schiff sicher in die vom Wind gepeitschte Bucht zu manövrieren. Auf dem Steg werden wir bereits von der Insel-Crew erwartet und in den riesigen, aber dennoch gemütlichen Speisesaal geführt. Wow, am "all-you-can-eat-Z'mittags-Buffet" gibt es knackigen Salat, frisch gegrillte Lachsfilets, Reis mit Broccoli und Mandeln und Corn on the cob. Selbstverständlich stehen auch Getränke und Kaffee in reichlicher Menge zu Verfügung und das Essen schmeckt wirklich hervorragend.

Wir haben genügend Zeit um das Essen zu geniessen und uns noch ein wenig auf der Insel umzusehen, bevor unsere Fahrt weiter geht. Der Wellengang hier draussen ist nun bedeutend stärker als vorhin im Schutze des Fjords. Hier macht sich die rauhe Strömung des Golf von Alaska bemerkbar. Mein Magen beginnt zu rebellieren. "Jetzt bloss nicht seekrank werden," ermahne ich mich selbst, denn bei so einer Attacke habe ich immer das Gefühl sterben zu müssen und vor uns liegt mit dem Holgate Gletscher noch der eigentliche Höhepunkt des heutigen Tages.

Immer trümmliger wird es mir im Kopf, ich scheine jede Welle zu spüren und der Mageninhalt nähert sich bedrohlich nahe meiner Kehle. Oh nein! Wie eine Betrunkene wanke ich zur Toilette. Ein Blick in den Spiegel lässt mich erschrecken. Ich bin kreidebleich und sehe mit dem kalten Schweiss auf der Stirne aus wie zum Tode geweiht. Mit etwas kaltem Wasser kühle ich mir die Stirn und den Nacken und jetzt hilft nur noch eines, die gute altbewährte Reisetablette. Für eine halbe Stunde kuschele ich mich auf der plastikbezogenen Sitzbank zusammen, schliesse die Augen und warte die Wirkung der Tablette ab. Gerade rechtzeitig zur nächsten Attraktion zeigt die Tablette ihre Wirkung und eine kühle Cola belebt meine Geister wieder zu neuem Leben.

Vor unserem Boot schwimmt eine Traube bunter Luftballons auf dem Wasser und angetrieben von unseren Jubelrufen fischt die Crew mit langen Enterhaken die farbige Pracht aus dem Wasser. "Let's have a party!" ruft uns der Kapitän über's Mikrophon zu und die Kinder stürmen aufgeregt in die Kabine, wo die Luftballons verteilt werden. Die fröhlichen Kinderaugen strahlen mit der Sonne um die Wette und auf dem Schiff herrscht eine tolle, ausgelassene Stimmung.

Während die Passagiere gemütlich auf dem Sonnendeck sitzen und so völlig relaxt auf's Meer hinaus schauen, manövriert Sam unser Boot ganz vorsichtig auf eine steile Felsklippe zu, wo sich zwei kleine Harbor-Seals (Seehunde) auf einem Felsvorsprung sonnen. Ihr grau-schwarz gesprenkeltes Fell leuchtet in der Sonne wie Samt. Es sind sehr scheue Tiere und sie schauen uns mit ihren kugelrunden Knopfaugen misstrauisch an als wir in einigen Metern Entfernung vor ihnen hergondeln. Wir wollen sie nicht zu lange stören und ziehen einer kurzen Zeit des Bestaunens wieder weiter. Natürlich wusste Sam auch einiges über diese, immer selter werdenden Tier zu berichten. Man merkt richtig, dass der Mann seinen Job hier draussen auf dem Meer liebt. Er nimmt sich sehr viel Zeit, uns die Natur und Tiere mit ihren Lebensgewohnheiten näher zu bringen. Bis jetzt war es wirklich eine tolle Fahrt.

Zahlreiche Wasservögel, darunter auch die bunten Puffins (Papageientaucher), erfreuen uns auf der Weiterfahrt mit ihrer Anwesenheit und tummeln sich in der wärmenden Mittagssonne. Die quirlligen Puffins sind ausgezeichnete Unterwasserschwimmer, doch wenn sie durch die Luft fliegen, machen sie den Anschein, als ob sie mit ihren hastigen Flügelschlägen völlig unkontrolliert durch die Gegend flattern würden. Wieder verlangsamt unser Kapitän das Tempo und so haben wir Gelegenheit, uns die lustigen Gesellen, die da auf dem Wasser dümpeln etwas genauer anzusehen. Sie haben eine wunderschöne Zeichnung und wir amüsieren uns ob den clowngesichtigen Puffins, als unser Kapitän "Ahab" plötzlich: "Wal in Sicht! Da vorne blässt er," über's Bord-Mikrophon schreit. Mit einem Mal sind die Puffins vergessen und alle halten fieberhaft Ausschau nach den vermeintlichen Walen.

Eine gespannte Ruhe macht sich an Bord breit und dann tatsächlich, tauchen die Meeresgiganten ein paar Meter "in front of us" auf, stossen eine meterhohe Wasserfontäne in die Luft und tauchen mit einem herrlichen Flunkenschlag (Schwanzflosse) wieder ins Wasser. Insgesamt zählen wir etwa sechs Wale, die da vor uns herschwimmen.

Jahr für Jahr wandern tausende von Walen 10'000 Kilometer weit von der arktischen Beringsee und dem Golf of Alaska gegen Süden, um sich in den tropisch warmen Gewässern vor der mexikanischen Küste zu paaren und ihre Jungen zu gebären, bevor sie im Frühling den langen Weg zurück in den Norden antreten. Schon das Waljunge hat eine Länge von drei Meter und bringt das Gewicht eines VW-Käfers auf die Waage. Weich und samtig wie nasse Pfirsichhaut fühlt sich das Walbaby an. Die Walkuh misst über zwölf Meter und wiegt mit 35 Tonnen soviel wie acht Elefanten oder 50 Ochsen.

Wir geniessen jeden Augenblick dieser einmaligen Fahrt und hören schon von Weitem das unverkennbare Rufen der behäbigen Sealions (Seelöwen), welche in einem fürchterlichen Chaos neben- und übereinander auf dem grossen Felsvorsprung liegen und sich genüsslich in der Sonne räkeln. Erstaunlich, wie graziös und behende sich diese phlegmatischen Tiere unter Wasser bewegen.

Von hier aus geht es in zügiger Fahrt dem Holgate Gletscher - dem eigentlichen Ziel unserer heutigen Reise - entgegen. Der Fjord wird immer enger und die Klippen immer steiler. Vereinzelt treiben ein paar Eisschollen im Wasser und künden uns den nahenden Gletscher an. Ein eisig kalter Wind pfeifft uns um die Ohren, als wir direkt auf jenes majestätische Naturwunder zu steuern. Und dann endlich stehen wir vor ihm. Meter hoch ragt die imposante, blauweisse Eiswand vor uns in die Höhe und ein schauriges Donnern und Krachen macht uns bewusst, dass sich der Gletscher wie ein riesiger Strom aus Eis ganz allmählich in seinem Felsbett vorwärts bewegt. "Wow!" wir stehen am Bug und können nur noch staunen.

Der Holgate Gletscher gehört zum gigantischen Harding Icefield, welches zum grössten Teil im Kenai Fjords Nationalpark liegt. Das Harding Icefield besteht aus 38 Gletschern und bedeckt eine Fläche von ca. 1'813 km2. Das Eis ist bis zu 150 Meter dick. Auf spektakuläre Art und Weise lösst sich von Zeit zu Zeit ein Teil des Gletscherabbruches und donnert mit lautem Getöse in die kühlen Fluten der Aialik Bay. Und genau auf so einen Moment warten wir alle ganz gespannt. Immer wieder knirscht und kracht es im Eispanzer, doch nichts tut sich. "Tja, that's nature!" entschuldigt sich Sam über den Bordlautsprecher, als er uns nach einiger Zeit des Wartens bekannt gibt, dass wir so langsam aber sicher Aufbrechen müssen. Enttäuscht ziehen sich einige der Passagiere in die warme Kabine zurück und während unser Kapitän das Schiff zur Rückfahrt wendet, lösst sich ein beachtliches Stück des Eispanzers und kracht laut donnernd in die Tiefe. "Yeah!" nur gut, dass ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben und gewartet habe. Das war eine sensationelle Abschiedsvorstellung.

Zufrieden ziehen sich nun auch die andern Passagiere in die Kabine zurück und nun haben wir eine kräftige Stärkung verdient. Neben saftigen Äpfeln gibt es einen leckeren Streusselkuchen und Kaffee oder Tee. Gerade als wir das letzte Stück Kuchen verdrückt haben, geht draussen ein riesiges Hallo los. "Was ist denn nun schon wieder los!" fragen wir uns verwundert. Mit unseren Kameras bewaffnet stürmen wir nach draussen und glauben unseren Augen nicht zu trauen. In den Bugwellen unseres Schiffes schwimmen ein paar schwarz-weisse Delphine mit.

Das sind Dall's Porpoise, erklärt uns der Kapitän und animiert uns dazu Lärm zu machen, da diese Delphine das anscheinend lieben. Nichts leichter als das und so hüpfen wir gemeinsam - ob gross, ob klein, ob dick, ob dünn, ob alt, ob jung - wie verrückt auf dem Schiff herum und klatschen mit den Händen gegen die metallenen Schiffsplanken. Ein ohrenbetäubender Lärm entsteht und je mehr wir Krach machen, desto wilder reiten die Delphine in den Wellen mit und springen vor Freude sogar in die Luft. Wir haben alle "riesig de Plausch" und freuen uns über unsere fröhlichen Begleiter.

Nur mit Mühe hören wir bei diesem Rabatz die heisere Stimme von Kapitän Sam über den Lautsprecher: "Nicht weit von hier wurden Orcas (Killerwale) gesichtet. Let's go guys!" Geschwind ändert er den Kurs und wir brausen los um die Orcas zu suchen. "Das wäre nun wirklich noch das Tüpfchen auf's i," sage ich zu Marco, "wenn wir auch noch Orcas sehen würden". Skeptisch lehne ich mich in meinen Sitz zurück und geniesse die rasante Fahrt über die Wellen des Golf von Alaska - wie gut, doch so eine Reisetablette wirkt! Erst als Sam die Schiffsmotoren drosselt und die Passagiere nervös hin und her rennen, bin ich mir sicher, dass wir wieder auf etwas sehenswertes gestossen sind. Aber Orcas? Na, ich weiss nicht so recht. Doch dann schreien es alle wie wild durcheinander "Orcas, Orcas! Da vorne schwimmen sie!". Jetzt ist auch meine Aufmerksamkeit geweckt und mit all den anderen Passagieren halte ich nach den schwarz-weiss gefleckten Orcas Ausschau. Ich bin zu nervös um ein paar gescheite Bilder von den Tieren schiessen zu können. Es ist das erste Mal dass wir Orcas in freier Wildbahn sehen und so stehen wir an der Reling und geniessen einfach den Anblick dieser elegant durch's Wasser gleitenden Tiere. Eine verstohlene Träne löst sich aus meinem Augenwinkel. Ich kann es kaum glauben, was wir heute wieder alles erleben durften!

Um 18:30 Uhr steuert Kapitän Sam, nach dieser phantastischen Schiffstour - den Hafen von Seward an. Überglücklich und äusserst zufrieden steigt eine ausgelassene Horde von Passagieren von Bord und alle sind sich einig: diese Tour war EINSAME SPITZE!

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