Campfire Talk am Kathleen Lake
23. Juli 2000. Petrus meint es überhaupt nicht gut mit uns. Einmal mehr hat es die ganze Nacht durchgeregnet und heute morgen zeigt sich der Himmel noch immer grau und verhangen. Wir kriechen nochmals tief unter die warme Decke und würden bei diesem Schmuddelwetter am liebsten gar nicht aufstehen. Doch die Hoffnung auf besseres Wetter im Norden macht uns Mut. Die Heizung im Camper läuft auf Hochtouren und erst als es angenehm warm ist, wagen wir uns aus dem weichen Bett heraus.
Gleich nach dem feinen Schinken-Käse-Toast-Frühstück brechen wir auf und besichtigen in Haines das interessante Bald-Eagle-Museum. Da gibt es einen tollen Film und so erfahren wir einiges über diesen stolzen König der Lüfte, den Weisskopfseeadler. Haines ist für eine grosse Bald-Eagle Ansammlung im Winter bekannt. Doch jetzt bei diesem Huddelwetter und zu dieser Jahreszeit können wir uns glücklich schätzen, dass wir wenigstens 2 dieser gefiederten Freunde antreffen.
Je weiter wir auf dem Haines Highway Richtung Norden fahren, desto schöner wird es Wetter. Sonne und Wolken wechseln sich in einem schier regelmässigen Wechselspiel ab und das nasse, dunkle Fell eines im Gras sitzenden Schwarzbären glänzt in der Vormittagssonne wie schwarzer Samt.
Die heutige Etappe ist ein wahres Grenzhüpfen. Wir starten in Haines / USA, setzen kurz hinter Porcupine nach British Columbia / Canada über und gelangen über den kanpp 3'500 m.ü.M. hohen Chilkat Pass in das Yukon Territory. Im Kluane N.P. - mit den gewaltigen St. Elias Mountains, welche zum grössten Teil von Gletschern bedeckt sind - finden wir den wunderschönen Kathleen Lake Campground am gleichnamigen See. Mitlerweile lacht die Sonne in voller Grösse vom stahlblauen Himmel und bei einer Campground Besichtigung erfahren wir, dass heute abend ein Campfire Talk (Lagerfeuer Vortrag) zum Thema Bären stattfindet. "Perfect!" Genau das ist es, was uns interessiert und wer weiss, vielleicht können wir noch ein paar gute Tips auf unsere Alaska-Reise mitnehmen.
Um 20:00 Uhr ist Besammlung am Campfire und das einzige was wir mitbringen müssen ist gute Laune und eine Tasse für den Gratis-Tee bzw. die Hot-Chocolate, welche nach alter Pioniersart in riesigen Metallkannen auf dem Grill des Lagerfeuers brodeln. Deborah, die junge, hübsche Parkrangerin begrüsst die gemischte Touristengruppe. Von Schweizern über Neuseeländer bis hin zu Hawaiianern sind auch ein paar Amis und Canadier vertreten. Keiner von uns Greenhorns hat wirklich Erfahrung mit Bären und Marco und ich gehören zu den wenige in der Runde, welche überhaupt schon einmal einem Bären in freier Natur begegnet sind.
Zu den absoluten Grünschnäbeln gehört allerdings das Männer-Dreamteam aus Hawaii. Die drei Burschen haben - obwohl einer von ihnen Lehrer ist - keinen blassen Schimmer von den pelzigen Freunden und ihren Gepflogenheiten. Mit besonders grossem Interesse begutachten sie das von Deborah mitgebrachte Anschauungsmaterial, welches während dem Vortrag durch die Bankreihen kursiert. Nach dem Motto: "Kenne deinen Feind!" inspizieren sie jedes kleinste Detail. Sie klappern mit dem imposanten Grizzly-Bär-Gebiss, begutachten die kariesfreien, pepsodent-weissen Zähne und nehmen an ihren Hinterteilen Mass unter der Begründung: "You should know how much the bear will eat of your Arsch!"
Als nächstes sind die Bärenfelle an der Reihe. Debby erklärt uns an den beiden Exemplaren den Unterschied zwischen einem Schwarz- und einem Grizzly-Bären. Selbstverständlich werden auch diese wuscheligen Pelzknäuel von unseren braungebrannten Kollegen genaustens unter die Luppe genommen. Diesmal kann auch ich es nicht verkneifen, und so wühle ich mit beiden Händen im dichten, struppligen Fell herum, betouche die ledrige Stupsnase und knuddle an den kleinen Knubbel-Öhrchen herum. Mike, der kleinste Hawaiianer, meint, dass ihm so ein Grizzly-Bärenfell-Mantel bestimmt ganz gut stehen würde und so zieht er sich das riesige Fell über den Kopf, welches ihm natürlich ein paar Nummern zu gross ist. "No problem! Vielleicht geht's ja in der Wäsche noch ein." Einzig die 10 cm langen, messerschwarfen Krallen müssten wieder einmal geschnitten werden, beanstandet er kopfschüttelnd.
Wir lachen uns halb tot ab den lustigen Hawaii-Boy's und selbst Debby hat mittlerweile schon Bauchkrämpfe vom Lachen. Gekonnt wechselt sie zum Thema Ernährung über, als sich das Publikum wieder einigermassen beruhigt hat. Wieder lauschen wir gespannt ihren Worten und das einzige was uns nun zu schaffen macht, sind die riesigen Mosquito-Schwärme, die uns auf einmal erbarmunglos attackieren. Sie sind nicht gerade angenehm und je mehr wir uns gegen die Plaggeister wehren, um so blutrünstiger jagen sie auf uns los. Da hilft am Schluss nur noch das völlig behämmert ausschauende - dafür aber wirkungsvolle - Anti-Mosquito-Kopfschutznetz! Selbstverständlich kassieren wir für unser Aussehen ein paar dumme Lacher aus der Runde, doch dafür haben wir nun Ruhe von den surrenden Blutsaugern.
Aber nun zurück zum Speiseplan von Meister Petz. Die Bären hier im Kluane N.P. - welcher übrigens zweimal so gross wie die Schweiz ist - sind nicht sonderlich gross, da sie sich ausschliesslich vegetarisch, von Horsetail (einer Art Wolfsmilch), verschiedenen Beeren und Gräsern ernähren. Im Gegensatz dazu sind ihre Artgenossen - die Kodiak-Bären - welche sich fast ausschliesslich von Fischen ernähren, um einiges grösser und schwerer. Selbstverständlich hat Debby uns auch ein paar Pflanzen vom Speiseplan der Park-Bären hier mitgebracht und sie animiert uns dazu, dass wir ruhig einmal ein paar von den Soapberries probieren sollen, welche die Bären zu tausenden verschlingen. "Igitt, igitt!" Die kleinen Schnudderbeeren machen ihrem Namen wirklich alle Ehre und schmecken tatsächlich nicht viel besser als Abwaschwasser. Die schlauen Hawaiianer behalten die abgefressenen Soapberry-Zeige gleich als Mückenwedel und fuchteln sich damit die Quälgeister von den Köpfen.
Als nächstes werden zwei Zip-Loc-Plastiksäcklein in der Runde herumgereicht, in welchen sich verdörrter Bärenkot befindet. Selbstverständlich müssen die Hula-Hula-Boys auch hier ihre Nase hineinstecken und bevor sie auf dumme Gedanken kommen, ruft ihnen Marco zu: "Hey Guys, don't eat the shit!" und wieder einmal bricht die Campfire-Gesellschaft in schallendes Gelächter aus.
Jetzt wechseln wir zu einem überaus interessanten Thema: dem Sexualverhalten der Bären über und auf einmal herrscht Ruhe im Kreis und jedermann/-frau spitzt interessiert die Ohren. Eine Bärin wird mehrmals von verschiedenen Bären begattet. Das Ei wird allerdings erst befruchtet, wenn sie zur Winterruhe geht. In der Winterzeit kommen die Jungen absolut blind und nackt zur Welt und es ist durchaus möglich, dass jedes Junge aus dem gleichen Wurf durch den Samen unterschiedlicher Männchen entstanden ist. Somit sind diese Junge eigentlich nur Halbgeschwister und die Natur regelt damit das Problem der Inzucht.
Die Bären benötigen während der Winterruhe viermal mehr Vitamin C und das absolut phänomenale ist, dass der Kot während dieser Zeit im eigenen Körper recycelt wird. Im Frühling, wenn der Schnee zu schmelzen beginnt, verlässt die Bärin mit ihren Jungen den Bau um nach Futter zu suchen. Der erste Sommer ist für die Bären-Jungen besonders gefährlich, denn die Bärenmännchen versuchen die Jungen zu töten, damit die Bärin wieder in Hitze kommt, das heisst, die Bärin wird, sobald sie keine Jungen mehr säugen muss wieder befruchtungsfähig. Wir sind alle völlig fasziniert von diesen Erkenntnissen und staunen über die Vollkommenheit der Natur.
Besonders interessiert uns aber auch, wie wir uns gegenüber Bären zu verhalten haben, denn darüber streiten sich die Gemüter. Am allerwichtigsten ist es, niemals zu rennen! Auch wenn man noch soviel Angst hat. Ein Bär kann auf kurze Distanzen 60 km/h schnell rennen und ist ein ausgezeichneter Schwimmer. Selbst auf Bäume klettern hat keinen Sinn, denn Schwarzbären sind hervorragende Kletterer und ein Grizzly rüttelt einfach solang am Baum, bis man wie ein fauler Apfel zu Boden fällt. Am besten ist es, wenn man beim Wandern lautstark auf sich aufmerksam macht. Sei es nun mit einer Bärenglocke oder durch Singen, Pfeifen und Klatschen. Falls es dennoch zur unerwarteten Begegnung kommt ist es wichtig, Ruhe zu bewahren und sich langsam zurückzuziehen. Ebenso sollten beim Campen ein paar Regeln beachtet werden: Halte den Campingplatz sauber. Abfälle gehören in den bärensicheren Abfalleimer und alle riechenden Produkte wie Essen, Zahnpasta, Shampoo, Dusch etc. in einen Bären-Food-Container.
Trotz aller Vorschrifts- und Aufklärungsmassnahmen gibt es immer wieder Leute, die gegen diese Anweisungen verstossen und schlussendlich ist es immer wieder der Bär, der dann die Konsequenzen tragen muss. Ein Bär, welcher Menschen-Food gefressen hat kann zur echten Bedrohung werden und muss meist getötet werden. Hier im Park hat man versuchsweise einen Bären, der Schwierigkeiten machte, 500 km weit weg gebracht. Doch nach nur drei Tagen wurde er bereits wieder auf dem Campgorund gesichtet. Es ist fast unvorstellbar, welche Distanzen die Bären ihrem Instinkt folgende zurücklegen können.
Nach gut 1½ Stunden ist der äusserst interessante Vortrag zu Ende und wir um einen saftigen Bauchmuskelkater und ein paar Informationen reicher. Wir geniessen den herrlichen Sommerabend und sitzen noch lange am Lagerfeuer. Selbst um 23:30 Uhr, als wir uns so langsam aber sicher für's Zubettgehen fertig machen, steht die Sonne noch immer am Horizont. Es ist schon etwas gewöhnungsbedürftig bei Sonnenschein schlafen zu gehen. Doch so ist es nun einmal während der Sommermonate hier im Norden, die Sonne geht hier, wenn überhaupt nur für ein paar wenige Stunden unter. Have a good night!