Im Reich der Biber
2. Sept. 2000. Auch heute meint's das Wetter vorerst nicht sehr gut mit uns und leichter Regen begleitet uns, als wir im Bus Richtung Wonder Lake aufbrechen. Peter ist heute unserer Driver und er ist mit Abstand der beste. Noch einmal unternehmen wir (Thomy und ich) heute den Versuch, um zu den Bibern zu gelangen und zu meiner Freude begleitet uns Marco.
Wieder ist der Weg gespickt mit vielen Tierbeobachtungen. Kurz vor dem Igloo Creek Campground kreuzt ein wunderschön gezeichnetes Spruce Grouse (Moorhuhn) unseren Weg und ein Stück weiter vorne beobachten wir eine Bärin mit ihren beiden Spring-Cubs (Bärenjunge, die dieses Frühjahr zur Welt kamen), welche im trockenen Flussbett nach Indianer-Wurzeln gräbt. Jetzt im Herbst sind die Tiere hier im Park besonders aktiv, denn jedes versucht sich, auf den langen, harten Winter vorzubereiten, der hier bereits schon vor der Türe steht. Die Caribou-Herden ziehen zu ihren Winterquartieren und die Dall-Sheeps (Bergschafe) kommen langsam aber sicher von den steilen Berghängen herunter. So können wir sie von Tag zu Tag etwas näher beobachten.
Auf dem Polychrom-Pass herrscht ein solch scheussliches Huddelwetter, dass wir nur ganz kurz zum Pinkeln aussteigen und auf der Weiterfahrt zum Eielson Visitor-Center kommen wir sogar in einen regelrechten Schneesturm, der innert kürzester Zeit die ganze Gegend in eine weisse Winterlandschaft verwandelt. Ein Rotfuchs, der wie wir von diesem Schneefall überrascht wurde, stapft durch das Schneegestöber und schüttelt sich dann und wann den Schnee vom Fell. Hartnäckig setzt sich die weisse Pracht auf der Strasse fest und ich befürchte schon, dass wir demnächst die Schneeketten am Bus montieren müssen um dem frühen, arktischen Wintereinbruch trotzen können. Doch je näher wir dem Visitior-Center kommen, desto mehr klart der Himmel auf und es hört auf zu schneien. Wir Drei sind uns einig: Wir werden weiterfahren.
An der fast gleichen Stelle wie gestern, sehen wir auch heute wieder die Elch-Familie. Peter hält den Bus an, damit wir die Moose - natürlich vom Bus aus - beobachten können. Ein paar Profi-Fotografen nähern sich gerade den drei ässenden Tieren und bringen ihre riesigen Kameras in Position, als plötzlich ein Parkranger in seinem Chevy-Truck dahergerast kommt. Aufgebracht springt er aus dem Auto und ruft wütend zu den Fotografen hinüber: "Hey guy's! You are definitively to close to the moose. Step back! NOW!" Paff! Das war aber sehr deutlich und die Autorität des Rangers zeigt seine Wirkung. Sofort packen die Fotografen ihre Ausrüstung zusammen und stapfen zur Strasse zurück. Thomy und ich schauen uns nur an, denn gestern waren wir deutlich näher bei den Moose als die Fotografen vorhin, nur, uns hat eben keiner dabei erwischt. Glück gehabt!
Fast ein bisschen schadenfreudig setzen wir unsere Fahrt fort und mit Marco's Hilfe finden wir problemlos den versteckten Biber-Teich. Keiner im Bus ahnt etwas, als wir hier, "in the middle of nowhere", für einen vermeintlichen Spaziergang aussteigen wollen. Als der Bus ausser Sichtweite ist, stapfen wir durch's Gestrüp zum Teich hinunter. Alles ist ruhig, weit und breit kein Biber zu sehen und so setzen wir uns erwartungsvoll am Ufer in Position und warten auf unsere breitschwänzigen Freunde.
Wir haben uns gerade eingerichtet, als wie auf Kommando der erste Biber aus dem Bau auftaucht. Ins Gras geduckt, beobachten wir ihn. Er scheint sich durch unsere Anwesenheit nicht gross stören zu lassen, obwohl wir nur etwa 5 Meter von seinem Bau entfernt sitzen. In einem sicheren Abstand schwimmt er an uns vorbei und kommt nach kurzer Zeit mit einem Zweig zwischen den Zähnen zurück. Unmittelbar vor uns taucht er unter und zieht den Ast mit sich unter's Wasser. Es dauert nur einen kurzen Augenblick und schon taucht er wieder auf, um sich einen neuen Zweig für seinen Biberbau zu holen. "Es wäre ja toll, wenn sich der kleine Kerl direkt vor unseren Kameras einen Zweig abholen würde", meint Thomy und schleicht sich davon, um vom nahen Willow-Busch (Weide) einen Zweig abzuschneiden, den er direkt vor uns ins Wasser legt.
Wieder taucht der Biber auf und ... "Oh nein!" ... schwimmt mit einem flüchtigen Blick auf den Zweig an uns vorbei. "Wahrscheinlich ist es ihm doch etwas zu nahe", meint Thomy und entscheidet sich, zu der Stelle zu gehen, von wo der Biber seine Zweige herholt. Marco schliesst sich Thomy's Idee an und ich mache es mir auf dem moosebewachsenen, ein Quadratmeter kleinen Halbsinselchen, ganz unten am Wasser bequem, wo der abgeschnittene Weidenzweig dümpelt. Marco und Thomy versuchen den Trick mit einem abgeschnittenen Zweig nun auch auf dieser Seite des Teiches. Sie legen dem Biber einen leuchtend grünen Zweig ins Wasser. "Der ist doch viel zu gross für den kleine Kerl", denke ich für mich, als ich sehe, was für einen Riesenzweig die beiden dem Biber da hingelegt haben. "Da könnt ihr sicher sein, dass er dieses Riesending nicht holen wird."
Das Wetter klart je länger je mehr auf und der Biber wird immer aktiver. Marco und Thomy haben unter dessen mitten im Sumpf am oberen Biberdamm Position bezogen und jetzt geht's hier am Teich wirklich rund. Ein weiterer Biber taucht aus dem Bau auf und während der eine zum Biberdamm unterwegs ist, kommt der andere gerade mit einem Zweig dahergeschwommen. Sie fleissigen Kerlchen bieten den beiden die tollsten Fotopositionen, als sie auf sie zuschwimmen und aus dem Wasser steigen um sich neue Zweige zu holen. Doch für den abgeschnittenen Riesenzweig scheinen sie sich genauso wenig zu interessieren, wie für den mundgerechten Zweig vor meinen Füssen. Thomy's Kamera klickt wie ein Maschinengewehr und die beiden Biber mustern die komischen Gestalten, die da knöcheltief im Sumpf stehen, ganz besonders kritisch. Doch schon beim nächsten Durchgang scheinen sie sich an die beiden kuriosen Typen mit ihren klickenden Ungetümen gewöhnt zu haben und setzen ihre Arbeit in einer Seelenruhe fort.
Ein dritter Biber taucht auf. Er scheint etwas vorsichtiger zu sein als die anderen beiden. Misstrauisch beschnuppert und begutachtet er die Umgebung um den Bau. Ganz vorsichtig schwimmt er an mir vorbei und mustert mich mit einem kritischen Blick. Ich sitze ganz ruhig da, um den armen Kerl nicht zu erschrecken. Nach ein paar Metern wendet er und kommt zurückgeschwommen. "Bloss nicht bewegen!" mahne ich mich selbst, denn sonst erschreckt er sich bestimmt. So ruhig als möglich lasse ich meine Atem fliessen und beobachte den immer näher kommenden Biber, als sich ... "oh, nein!" eine Mücke direkt auf meine Nasenspitze setzt. Vorsichtig hebe ich meine Hand um den Plaggeist wegzuscheuchen, doch das ist für den Biber schon zuviel. Mit - "Platsch!" - einem kräftigen Schwanzschlag auf's Wasser taucht er unter und ich bin sicher, dass er sich für heute nicht mehr blicken lässt, und das alles nur wegen dieser dummen Mücke. Doch weit gefehlt! Ich habe das blutrünstige Biest gerade erfolgreich vernichtet, als der kleine Freund wieder auftaucht und in die Richtung zum unteren Biberdamm davon schwimmt. Wow, nun sind drei Biber im Teich unterwegs und es herrscht ein stetes Kommen und Gehen hier beim Bau.
Der zuletzt aufgetauchte Biber scheint das Arbeiten nicht gerade erfunden zu haben, denn nach dem zweiten Ästchen, dass er da angeschleppt bringt, braucht er schon dringend eine Pause. Er schwimmt zur kleinen Sandbank hinüber, wo er sich genüsslich über einen Erlenzweig hermacht. Erst nach einer zehnminütigen Lunchpause macht er sich wieder an die Arbeit. Unterdessen arbeiten die beiden anderen Biber emsig weiter. Jetzt wird jedoch das Arbeitsgebiet aufgeteilt. Biber Nr. 1 - ich nenne ihn "Big-Boss" - holt sich die Zweige nach wie vor vom Gebiet am oberen Biberdamm. Biber Nr. 3 - der Faulpelz - ist für das Gebiet am unteren Biberdamm zuständig und Biber Nr. 2 - Sunny-Boy - verlegt sein Ressort auf's gegenüberliegende Teichufer. Um zu seinen Büschen zu gelangen, muss er den Teich verlassen und ein Stück weit den Hang hinauf kraxeln. Uns bietet sich damit ein phantastisches Bild. Sein dunkles, nasses Fell glänzt in der hellen Nachmittags-Sonne wie schwarzer Samt und bildet einen wunderschönen Kontrast zu der leuchtend rot-braunen Tundra mit den gelb-grünen Willow-Büschen dazwischen.
Es ist ein grossartiges Erlebnis für uns alle! Ich sitze für einen Moment einfach da und staune. Manchmal ist es unglaublich schwierig, in so einem Moment die richtigen Worte zu finden um all das zu beschreiben.
Nur schwer finde ich aus meinen Tagträumen zurück. Marco und Thomy - die beiden "Sumpfmännchen" - werden von "Big-Boss" ganz schön auf Trab gehalten. Als sich die beiden gerade mal unterhalten und dem kleinen Kerl keine Aufmerksamkeit schenken, schwimmt er zu den beiden hin, um auf sich aufmerksam zu machen. So als wollte er sagen: "Hey Jungs, aufgepasst, hier bin ich!" Beim nächsten Durchgang habe ich das Gefühl, dass "Big-Boss" nun auch so langsam aber sicher müde ist, oder täusche ich mich etwa? Ganz langsam schwimmt er, in einem sicheren Abstand, an mir vorbei, wendet und kommt langsam immer näher. "Oh boy!" er scheint tatsächlich den immer noch vor mir liegenden Zweig im Visier zu haben. Behutsam schalte ich die Videokamera ein und hoffe, dass er sich heran traut. Hoffentlich versaut mir diesmal nicht wieder so ein dummes Mistvieh (Mücke) die Szene. Nun ist er schon ganz nahe am Zweig dran. Er beschnuppert ihn mit seiner Stupsnase, schwimmt etwas zur Seite und ... "nein, nein, nein, schwimm jetzt bloss nicht davon" - ... packt ganz behutsam das Zweigende mit seinen langen Schneidezähnen und verschwindet damit in seinem Bau. "YEAH! Er hat ihn tatsächlich geholt!" juble ich und ich kann mich vor Freude kaum noch zurückhalten. "Big-Boss" ist damit zu meinem Lieblings-Biber geworden. Marco und Thomy haben das ganze Schauspiel von ihrer sumpfigen Position aus mitverfolgt. "Hey Jungs, habt ihr das gesehen?" rufe ich zu den beiden hinüber. Das möchte ich nochmals erleben. Geschwind krieche ich zum nächsten Weidenbusch und hole nochmals einen Zweig, den ich an der gleichen Stelle ins Wasser lege.
Doch als "Big-Boss" das nächste Mal auftaucht, schwimmt er wieder wie gewohnt zu seinem Arbeitsplatz am oberen Damm. "That's okay!" ich hatte ja meinen Erfolg. Marco und Thomy sind gerade damit beschäftigt, "Sunny-Boy", der mit einem goldgelben Zweig zwischen den Zähnen über die rotglühende Tundra spaziert, zu fotografieren, als "Big-Boss" zu ihnen hinüber schwimmt und doch tatsächlich den grossen Ast abholt, welchen Thomy ihm ins Wasser gelegt hat. Tja, am Teich ist so viel Action, dass es manchmal schwierig ist zu entscheiden, welche Szene man gerade ablichten soll und so sehen die beiden nur noch aus den Augenwinkeln heraus, wie sich "Big-Boss", praktisch vor ihren Füssen, mit dem grossen Zweig auf und davon macht.
Ein ohrenbetäubendes Kreischen - Krächz, Krächz - durchbricht auf einmal die Stille hier am Teich. "What the heck is going on?" fragen wir uns und schauen in den nun fast wolkenlosen Himmel hinauf. Es wird immer lauter und als sich unsere Augen an das grelle Licht gewöhnt haben, sehen wir, dass die schwarze Wolke, die da auf uns zukommt, ein riesiger Schwarm Vögel ist. "Doch weiter hinten kommt noch eine, und da noch eine und dort noch eine ...!" wir haben aufgehört zu zählen, wieviele dieser Vogelschwärme da auf uns zugeflogen kommen. Die ersten Formation Vögel ist nun direkt über uns und fliegt über unseren Köpfen die tollsten Formationsflüge. Es sind tausende von Sandhill Cranes (Kraniche) die sich für ihre Reise gegen Süden formieren. Es ist sehr beeindruckend. Noch nie in meinem Leben habe ich soviel Vögel auf einmal gesehen. Tja, ein sicheres Zeichen, dass der Winter vor der Türe steht!
In der Zwischenzeit haben die Biber fleissig an ihrem Bau weitergearbeitet und noch einmal holt sich mein Lieblings-Biber einen Zweig, den ich ihm bereitgelegt habe bei mir ab. Jetzt braucht auch er eine Stärkung und ich beobachte ihn, wie er einen Erlenzweig herbeiholt, an welchem er genüsslich knabbert. Der Imbiss scheint ihm geschmeckt zu haben und nachdem er sich mit seinen Pfötchen die Schnauze geputzt hat, macht er sich wieder an die Arbeit.
Wir sind nun schon bald 3 Stunden hier am Teich und ich glaube, so langsam aber sicher wird es für uns Zeit zum Gehen. Nur noch ein paar Minuten, wollen wir den arbeitsamen Tieren zuschauen und ich mache es mir nochmal so richtig in meinem Moos-Sitz bequem. Biber "Big-Boss" taucht erneut aus dem unter dem Wasser liegenden Baueingang auf, schüttelt sich das Wasser aus dem Fell und schwimmt um den Biberbau herum. Nach einem Weilchen kehrt er um und schwimmt ganz langsam aber gezielt in meine Richtung. "Aha, du willst dir nochmals einen Zweig holen", denke ich ihn durchschaut zu haben, doch stattdessen nähert er sich mir diesmal ganz behutsam auf der linken Seite meines Halbinselchens. Es gibt da eine kleine, enge Einbuchtung und auf diese hält er geradewegs zu. Wie angewurzelt sitze ich auf meinem moosgepolsterten "Sitz" und traue mich kaum zu rühren, geschweige denn, meine Videokamera hochzuheben und einzuschalten. "Plitsch, platsch, plitsch, platsch" - gaaanz, gaaanz langsam nähert er sich mir. "Hat er denn überhaupt keine Angst?" frage ich mich, denn mittlerweile ist er nur noch etwa einen halben Meter von mir entfernt. Wenn ich jetzt die Hand ausstrecken würde, könnte ich ihn streicheln. Ich will ihn auf keinen Fall erschrecken und so verhalte ich mich so ruhig als möglich. Mit seinem nassen Stubsnäschen schnuppert er neugierig durch die Luft und mustert mich mit seinen kleinen, dunklen Knopfaugen. "Hey guy, how are you?" spreche ich ihn mit ganz ruhiger Stimme an und "Big-Boss" spitzt seine kleinen Öhrchen, so als könnte er mich verstehen. Jetzt scheint er mich genug lang beschnuppert und gemustert zu haben. Ganz gemütlich schwimmt er aus der Bucht heraus, doch zu meinem Erstaunen biegt er nur gerade um die Ecke und holt sich auf der anderen Seite des Halbinselchens nochmals einen der bereitgelegten Zweig für seinen Bau ab.
Wow, das war nun wirklich der absolute Höhepunkt des heutigen Tages. Leider ist es nun wirklich Zeit zum Gehen und wir packen widerwillig unseren Kram zusammen und verlassen den Teich und unsere breitschwänzigen Freunde. Überglücklich fahren wir mit dem nächsten Green-Bus zum Campground zurück, wo wir Marco's und Thomy's Schuhe zum Trocknen aufhängen. Bei einem feinen Nachtessen lassen wir diesen sensationellen Tag nochmals Revue passieren und weihen unsere Freunde Antje und Stefan in unser Geheimnis ein.
Wir sassen heute wieder einmal in der ersten Reihe, doch die Vorstellung war definitiv 'zig Mal besser als der allerbeste Dokumentarfilm.