Die verlorene Wette!


6. Juni 2000. Das Gebiet der Black Hills in South Dakota hat einiges an Sehenswürdigkeiten zu bieten und für den heutigen Prachtstag haben wir uns für eine Fahrt zum Custer State Park entschieden.

Mit der amerikanischen Landeshymne im Ohr: "Oh, oh say can you see...." passieren wir die vier bedeutungsvollen Präsidentenköpfen, welche seit jahrzehnten mit versteinerter Miene vom Mount Rushmore herunterblicken. Vorbei am Horsethief Lake umrunden wir den Harney Peak und gelangen so zum Eingang des Custer State Parks und dem malerischen Sylvan Lake. Hier decken wir uns in der Lodge mit reichlich Proviant und Getränken ein, weil wir "Dösel" unsere Verpflegung im Camper liegen gelassen haben.

Eigentlich wissen wir gar nicht so recht, was uns hier im Custer State Park erwartet. Was wir aber bis jetzt mit den idyllisch kleinen Seen, der kurvigen Bergstrecke durch den aromatisch duftenden Kiefernwald und den spektakulär niedrig bzw. engen Einspur-Tunnel erlebt haben, ist schon allein ein Ausflug wert. Ganz zu schweigen von der skurrilen Felsformation des Needles-Eye-Rock, bei welchem man wirklich das Gefühl hat, vor einem riesigen Stein-Nadelöhr zu stehen. Aber nun beginnt der Custer State Park-Loop erst und wir sind gespannt, was da noch alles auf uns zukommen wird.

Auf dem Needles Highway passieren wir nochmals zwei dieser einspurigen Zwergen-Tunnels, deren Ausmasse so um die 3 m Höhe und 3 m Breite liegen, was für die Ami's mit ihren bulligen Pickups schon hart an der Grenze des Möglichen liegt jedoch für uns auf der Goldwing ein wahrer Genuss bietet. Die Strasse windet sich in 'zig Serpentinen und Kurven vorbei an bizarren Felsnadeln und einmal mehr bietet sich uns hier Motorrad-Fahrspass pur.

Die Sonne lacht vom Himmel und ich zitiere ein paar Zeilen von Erich Kästner's Gedicht: "Mit dem Auto (Töff) über Land":

An besonders schönen Tagen ist der Himmel sozusagen wie aus blauem Porzellan,
und die Federwolken gleichen, feinen, zart getuschten Zeichen,
wie man sie auf Bildern sah...

Genau so präsentiert sich uns heute der Himmel hier über dem Custer State Park und ich rufe direkt verwegen: "Ein Wetter glatt zum Eier legen!" und ich übertreibe nicht bloss nur.

Weiter geht unsere Schräglagenfahrt vorbei am stahlblauen Legion Lake zur Blue Bell Lodge, wo wir uns nochmals mit frischen, eisgekühlten Getränken eindecken. Kurz hinter der Blue Bell Lodge legen wir im kühlen Schatten einer riesigen Ponderosa-Kiefer unseren Z'mittag-Halt ein. Wir laben uns gerade an zwei Schlabber-Schwabbel-Turkey-Sandwiches, als ein Ami mit seinem Schosshündchen auf uns zukommt und uns die Köpfe voll labbert, dass sein armer "Fifi" heute morgen mit seinen kurzen Stummelbeinen voll in einen Bison-Shit-Haufen gestanden ist und ihn das fürchterlich geärgert hat.

"Ja, ja, wer's glaubt wird seelig! Mir jedenfalls braucht er keine solchen Schauermärchen aufzutischen!" sage ich zu Marco, als der "Schnorri" mit seinem Kläffer wieder abgezogen ist. "Wahrschiinlich isch dä doofi Köter mit allne Viere in en frische Chuefladde gstande", lache ich und kann mir das Fiasko mit dem Hund in dem Schei...haufen sehr gut bildlich vorstellen. Marco lacht zwar mit, meint aber auf einmal ganz ernst: "Glaubst Du nicht, dass es im Park Bisons gibt?" "Neiiiiin, sicher nicht", lache ich ihn aus, "wahrscheinlich haben hier vor hundert Jahren einmal Bisons gelebt, aber heute sind sie bestimmt alle verschwunden." Mit einem verschmitzten Lächeln fordert mich Marco zu einer Wette auf: "Ich wette mit Dir um ein Nachtessen, dass wir heute Bisons sehen!" 'Schon wieder so ein Spinner', denke ich für mich, 'das muss wohl am heissen Wetter liegen', doch ich schlage siegessicher ein und freue mich insgeheim schon auf ein feines Nachtessen.

Vorbildlich packen wir unsere ganzen Abfälle zusammen und fahren auf der Wildlife-Loop-Road weiter in den südlichen Teil des Parks. Noch einmal muss ich über den "Kot-Hund" lachen, als wir um eine Kurve biegen und Marco plötzlich einen lauten Freudenschrei ausstösst: "Yeah, ich habe ein Nachtessen gewonnen!" Wow! Wie versteinert sitze ich auf dem Töff und glaube meinen Augen nicht zu trauen; vor uns steht eine riesige Herde Bisons und mir wird klar, dass ich soeben eine Wette verloren habe.

Links und rechts und sogar auf der Strasse stehen die stämmigen Tiere und lassen sich scheinbar von nichts und niemandem stören. Die Herde zählt über 200 erwachsene Tiere und um die 80 Kälber. Während sich die "Alten" am üppigen Präriegras laben, saugen die Jungtiere kräftig an den Zitzen der Muttertiere. Uns bietet sich ein friedliches Bild und wir stehen mit unserem Töff inmitten dieser riesigen, freilaufenden Büffel-Herde.

Eine von der Gegenseite kommende Autofahrerin macht uns darauf aufmerksam, dass sich etwas weiter unten nochmals eine Bison-Herde befindet und so fahren wir langsam weiter. Im Schritttempo tuckern wir an einer kleinen Gruppe Büffel mit fünf weiblichen Tieren, einem stattlichen Bullen und drei Kälbchen vorbei, die da friedlich am Wegrand grasen. Als waschechter Tourist lasse ich mir es nicht entgehen, dieses idyllische Bild mit meiner Videokamera festzuhalten. "Jöhhh, wie herzig", schnulze ich gerade, als wir plötzlich hinter uns ein wütendes Schnauben und Scharren vernehmen und der eben noch friedlich grasende Bulle uns mit vollem Garacho verfolgt. Marco schmeisst einen Gang ein und rast mit quietschenden Reifen davon, doch der wilde Bulle trampelt uns mit gallopierenden Hufen hinterher. Oh mein Gott, mir ist das Herz für einen Moment regelrecht in die Hose gerutscht und ich bin froh, als das Riesenvieh seine Verfolgung endlich abbricht und gemütlich zu seiner Herde zurkücktrottet.

So interessant die imposanten Bisons auch anzusehen sind, so gefährlich können sie auch sein und für heute haben wir eindeutig genug Büffel gesehen. So fahren wir weiter über die Prärie und beobachten die weit weniger gefährlichen, graziösen Gabelböcke und etwas weiter nördlich eine putzige Präriehund-Kolonie. Wie Soldaten stehen ein paar der quirligen Kerlchen in der Wiese und beobachten die Umgebung, während ein paar gefrässige Gesellen sich mit Futter vollstopfen und ein paar Faulpelze sich genüsslich in der wärmenden Nachmittagssonne räkeln und alle Viere von sich strecken. Kurz vor dem Visitor Center werden wir von ein paar vorwitzigen Wildeseln begrüsst, die bei den Autofahrern nach Futter betteln und den ganzen Weg versperren. Wir mit unserer Goldwing können uns mühelos einen Weg durch das Verkehrschaos bahnen und amüsieren uns über die gerissenen Langohr-Viecher und die genervten Ami's.

Aus Erfahrung wissen wir, dass sich ein Besuch im Visitor Center auf jeden Fall lohnt und so informieren wir uns auch hier über die im Park vorkommende Tier- und Pflanzenwelt. Die freundlich Parkrangerin macht uns darauf aufmerksam, dass sich ein Abstecher auf die Road 16A auf jeden Fall lohnt, weil es da zu dieser Jahreszeit Dickhornschafe gibt, die auf der Strasse das Streusalz vom Winter auflecken. Also nichts wie hin. Wir hüpfen auf unsere Goldwing und kurven los in nordwestlicher Richtung. Vorbei am wunderschönen Game Lodge Campground, wo nochmals ein paar Bisons weiden, fahren wir auf der Road 16A westwärts und stossen tatsächlich etwa auf halbem Weg auf ein weidendes Dickhornschaf Pärchen. Ich kann es kaum glauben, wieviel verschiedene Tiere wir heute wieder gesehen haben und ich bin schlichtweg überwältigt von dieser abwechslungsreichen Gegend hier mit den Wäldern, Seen und Prärien.

Über die Iron Mountain Road verlassen wir den Custer State Park in nördlicher Richtung und als krönender Abschluss der heutigen Strecke folgt nun der zweite Teil mit den kleinen Tunnels. Vom drittletzten Tunnel aus kann man in der Ferne die vier Präsidentenköpfe sehen. Der zweitletzte Tunnel hat es wirklich in sich und gefällt mir am besten. Es ist ein Doppeltunnel und das zweite Stück führt eigentlich durch einen riesigen Felsbrocken hindurch, hinter dem eine einfache Holzkonsturktion-Sauschwänzli-Brücke folgt. Wir sind von dieser Szenerie so fasziniert, dass Marco den Töff wendet und gleich nochmals durchfährt. Weiter schlängelt sich die Strasse durch das bewaldete Tal und vom letzten Tunnel aus hat man nochmals einen phantastischen Blick auf den Mount Rushmore mit den Präsidenten. "So, that's it!" sagen wir und fahren gemütlich dem Wildwest-Städtchen Keystone entgegen. Doch schon nach ein paar hundert Metern werden wir gleich nochmals von einer weiteren Attraktion überrascht. Die Strasse schraubt sich in einer 3-fach Sauschwänzli-Kehre von einer Anhöhe hinunter und wir kommen uns vor wie auf einer riesigen "Chügelibahn".

Wow! Das war heute wieder ein erlebnisreicher Tag und als wir am Abend so gemütlich vor dem Lagerfeuer sitzen und den Tag Revue passieren lassen, können wir es kaum glauben, dass wir all dies an einem einzigen Tag erleben durften.

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