Über Stock und über Steine ...


14. Mai 2000. Auf dem wunderschönen San Juan Skyway fahren wir von Ridgway über den 10'222 feet (3'116 m.ü.M.) hohen Lizard Head Pass hinunter in Richtung Cortez. Die Scenic-Road windet sich durch den San Juan National Forest und der Dolores River, welcher jetzt von der Schneeschmelze reichlich Wasser führt, begleitet uns auf unserer gemütlichen Fahrt ins Tal.

Einige Meter vor mir legt sich Marco auf der Goldwing genüsslich in die Kurven und ich kann mir sehr gut vorstellen, was für ein berauschendes Feeling es sein muss, hier durch dieses herrliche Tal zu cruisen und den Dolores River neben sich rauschen zu hören. In Gedanken versunken biege ich mit Little Sunshine um eine Kurve, da sehe ich Marco etwas weiter vorne auf einem Campground Parkplatz stehen und auf mich warten. 'Hey Boy, eigentlich haben wir doch abgemacht, dass wir heute bis nach Durango fahren?' denke ich so für mich, doch als ich den Campground sehe, ist mir sofort klar, weshalb Marco hier angehalten hat.

Die Plätze liegen im lichten Wald, direkt am Dolores River, etwas abseits der Strasse. Genau das, was wir schon lange suchen. Wir sind uns sofort einig, dass wir die nächste Nacht hier bleiben wollen und melden uns im Office an. Da in dieser Gegend zu dieser Jahreszeit noch nicht so viel Betrieb ist, bekommen wir einen der schönsten Plätze auf dem Campground. Um dahin zu gelangen, müssen wir mit Little Sunshine über eine kleine Holzbrücke zum gegenüberliegenden Flussufer fahren, wo sich unser Platz unter ein paar Tannen direkt am River befindet. Neben dem obligaten Campingtisch-/Bank gibt es einen tollen Firepit (Feuerring) und zudem steht das Feuerholz hier gratis zur Verfügung. Einmal mehr funktionieren wir unsere Goldwing zum Holztransporter um und karren zwei riesige Fuhren Feuerholz heran, damit wir am Abend auch ein ordentliches Campfire machen können.

Das traumhaft schöne Frühlingswetter fordert uns geradezu auf: "Let's go hiking!" Doch Marco will sich heute nachmittag seinem Hobby, dem Aquarell malen, widmen und so mache ich mich alleine auf, die Gegend zu erkunden. Gleich auf der gegenüberliegenden Seite des Campgrounds beginnen ein paar Hikingtrails. Auf der grossen Informationstafel studiere ich die verschiedenen Wanderwege und entscheide mich schliesslich für den gut 5 km langen Priest Gulch Trail-Loop. Frohen Mutes und ohne Sorgen marschiere ich, mit der Fotokamera bewaffnet, los. Über eine kleine Holzbrücke gelange ich zum Aufstieg des Hikingtrails und von da aus windet sich der Trampelpfad ca. 1,5 km lang ganz schön steil hinauf zum Taylor Mesa, von wo aus ich eine wunderschöne Sicht auf den Dolores River und den Campground habe. Ganz da unten kann ich Marco sehen, der von hier oben aussieht wie ein Floh mit Baseball-Mütze.

Der Weg führt über eine mit Espen bewachsene Hocheben und ich bin absolut alleine hier oben inmitten dieser herrlichen Natur. Nur das Knacken von dürren Zweigen unter meinen Füssen, das Säuseln des Windes, der durch die frischen Espenblättern streicht und das Zwitschern der Vögel sind zu hören. Mit dynamischen Schritten marschiere ich weiter und erfreue mich ob der bunten Blumen, die am Wegrand blühen und lausche dem unermüdlichen Klopfen eines Spechtes.

Immer wieder finde ich Kothaufen von Rehen und anderem Getier auf dem Weg und ich hirne darüber, wieso diese Viecher immer mitten auf dem Wanderweg ihr Geschäft verrichten müssen. Während ich noch immer krampfhaft grüble, stehe ich auf einmal vor einem Schlachtfeld. Ein paar ausgerissene Feder- und Fellbüschel weisen auf einen wüsten Kampf hin und machen mich darauf aufmerksam, dass hier oben anscheinend doch ein paar grössere wilde Tiere leben. So richtig ernst habe ich die Campground Besitzerin nicht genommen, als sie mir vor dem Abmarsch ein Bärenglöcklein in die Hand drückte und meinte: "Just for your safety and be careful!". Doch jetzt auf einmal fühle ich mich beobachtet und ein mulmiges Gefühl macht sich in meiner Magengegend breit. "Was wird wohl von mir übrig bleiben, wenn mich einer dieser gefrässigen Gesellen erwischt?" frage ich mich ironisch. "Ich bin doch kein Schisshas und es wär würklich en riesige Zufall, wänn grad ich em Meister Petz über dä Wäg laufe würd!" So mache ich mir Mut und marschiere weiter.

Schon bald komme ich zu einer grossen Lichtung, wo sich die Wege teilen. Ohne Kompass und Karte kann ich nur erahnen, wo der Weg weitergeht und so erwische ich prompt den Falschen. Nach ca. 200 Metern ist bei einem Felsabbruch jedoch Feierabend und ich kehre wieder auf die Lichtung zurück um mich neu zu orientieren. So, wie ich die Karte vom Infobrett noch in Erinnerung habe, habe ich hier auf der Anhöhe etwa die Hälfte des Hiking-Loops hinter mir und müsste nun eigentlich wieder Richtung Tal marschieren. Da drüben, auf der anderen Seite der Lichtung sieht es so aus, als ob ein Weg nach unten führen würde. "Bingo!" Am Waldrand steht ein Wanderwegschild und weist mir die Richtung ins Tal.

"Uff!" dieser Pfad ist noch viel steiler als der Aufstieg und ich bin froh, dass ich nicht in der umgekehrten Richtung marschiert bin. Vorsichtig mache ich mich auf den Abstieg um auf dem losen Untergrund nicht auszurutschen. Da plötzlich schreckt mich ein Knacken und Rascheln im Unterholz auf. Das Geräusch kam ganz eindeutig von einem grossen Tier und auf einmal wird mir Angst und Bange. Ich bewaffne mich mit einem dicken Stecken und schüttle wie verrückt an meinem Bärenglöcklein, doch das winzig kleine Ding gibt bloss ein feines, liebliches Tönchen von sich gibt und ich zweifle daran, dass ich damit einen ausgewachsenen Bären verscheuchen kann. Die Angst steckt mir in den Knochen und meine Knie schlottern wie Espenlaub. Verzweifelt fange ich an zu pfeiffen und hoffe, damit das aufgescheuchte Monster zu vertreiben. Wie angewurzelt stehe ich da und beobachte die Umgebung, als sich plötzlich ein paar Meter vor mir ein kapitaler Hirsch aus dem Dickicht herauswagt, mich für einen kurzen Moment mustert und dann wieder im Wald verschwindet. "Wow!" was habe ich mich erschreckt und ich muss über mich selber Lachen, dass ich mich wegen eines Hirsches so gefürchtet habe.

So, jetzt wird es aber höchste Zeit, dass ich weiterkomme, denn ich weiss, dass sich Marco sonst so langsam aber sicher Sorgen um mich macht. Fast 2/3 des Weges habe ich schon hinter mir und ich bin nun schon über 1½ Stunden unterwegs. Immer steiler hinunter führt der Weg und ich bin froh, als ich endlich den Bergbach rauschen höre, welcher beim Campground unten in den Dolores River mündet. Vor mir springen acht Rehe über den Weg und verschwinden behende im Unterholz. In Gedanken sehe ich mich schon beim Camper sitzen, eine kühle Cola in der Hand und Marco von meinen Erlebnissen erzählen als ich plötzlich - "ups!" - vor dem reissenden Wildbach stehe und bemerke, dass der Weg zwar auf der anderen Seite weitergeht, aber es für mich kein Hinüberkommen gibt. So sehr ich mich auch nach einer Möglichkeit umsehe - eine seichte Stelle zum Hinüberwaten oder einen umgeknickten Baumstamm zum Hinüberbalancieren suche - es gibt ganz einfach keine Lösung, den reissenden, vom Schneeschmelzwasser gespiesenen Wildbach gefahrlos zu überqueren. Ich habe gar keine andere Wahl, als den ganzen steilen Weg wieder zurückzugehen.

Noch ein letztes Mal sehe ich mich nach einer Überquerungsmöglichkeit um, doch es ist völlig aussichtslos. Völlig verzweifelt stehe ich am Fusse des steilen Aufstiegs und wünsche mir: ' Ich wett ich chönt flüge!' Jetzt bin ich mir sicher, dass sich Marco Sorgen machen wird, denn bis ich wieder beim Camper bin, wird es noch eine gute Stunde dauern und er hat keine Ahnung in welche Richtung ich losmarschiert bin und wo er mich suchen muss.

Wenn ich mich beeile, kann ich den Weg zurück vielleicht in einer knappen Stunde schaffen und so mache ich mich zielstrebig auf den Rückweg. Der ungemein steile Aufstieg macht mir ganz schön zu schaffen, doch ich habe keine Zeit mich auszuruhen. So schnell mich die Füsse tragen hetze ich den Hang hinauf. Mein Herz pocht wie verrückt und ich kriege vor Erschöpfung kaum noch Luft, immerhin befinde ich mich hier oben auf knapp 3'000 m.ü.M. und konditionsmässig kann ich mich auch nicht gerade mit einem Spitzensportler messen. Endlich habe ich das Hochplateau erreicht. Für einen kurzen Moment setze ich mich auf einen Baumstumpf und ruhe mich für ein paar wenige Minuten aus.

"Steh auf und geh weiter", mahne ich mich und obwohl ich mich völlig schlapp fühle, raffe ich mich auf und marschiere weiter. Um schneller vorwärts zu kommen, renne ich sogar ein Stück weit über das Hochplateau, bis ich im linken Bein einen fürchterlichen Krampf bekomme und mir ein ekelhafter Schmerz durch den Kopf jagt. Ich bin völlig ausser Atem und muss mich regelrecht dazu zwingen ruhig und gleichmässig zu atmen. In meinem Mund macht sich der Geschmack von Blut bemerkbar und ein schrecklicher Hustenreize hindert mich für einen kurzen Moment am Weitermarschieren. Erschöpft bleibe ich stehen und versuche mich zu erholen, dann gehe ich langsam weiter und spreche mir immer wieder Mut zu: "Ich weiss, dass ich es schaffen werde!" Doch mein Kopf droht vor lauter Schmerzen zu zerplatzen und ich verspüre einen fürchterlichen Durst. Ich Idiot habe in meiner Wandereuphorie vergessen Wasser mitzunehmen und nun ärgere ich mich fürchterlich über meine Nachlässigkeit.

Tja, ich habe so einiges auf dieser Wanderung falsch gemacht und ich schwöre mir, dass wenn ich heil zurückkomme, so einen Mist nicht noch einmal machen werde. Alleine, ohne Karte und Kompass, ohne Wasser und Verpflegung durch die Wildnis zu marschieren ist schon sehr leichtsinnig. Aber eigentlich habe ich gar keine Zeit mir Vorwürfe zu machen, ich muss mich auf den Weg konzentrieren und die vertrödelte Zeit aufholen. Über Stock und über Steine renne ich auf der gegenüberliegenden Seite des Hochplateaus den Trampelpfad hinunter. Immer wieder knicken mir unter der enormen Belastung meine weichen Knie weg und ich werde mir bewusst, wie leicht ich dabei stürzen und mir den Fuss verstauchen oder sogar etwas brechen kann. Also verringere ich mein Tempo wieder um nicht ein noch grösseres Risiko einzugehen.

Endlich kann ich durch eine Waldlichtung hindurch die winzig kleinen Motorhomes des Campgrounds sehen. Jetzt trennt mich nur noch ca. 1 km vom Campground und ich nehme nochmals alle Kraft zusammen und eile weiter durch den Wald. Da auf einmal glaube ich, etwas Rufen zuhören. Für einen Moment stehe ich still und lausche gespannt den Geräuschen um mich herum. Neben dem Vogelgezwitscher kann ich nur das leise Rauschen des Bergbaches hören und so vermute ich, dass es bloss eine Einbildung von mir war, dass ich eine Stimme rufen hörte. Doch das Rauschen des Baches macht mir bewusst, dass ich es bald geschafft habe und tatsächlich, hinter der nächsten Wegbiegung kann ich die kleine Brücke sehen, von wo aus ich zu meiner Wanderung gestartet bin.

"Geschafft!" schreie ich voller Übermut in den Wald hinaus und als ich unten bei der Brücke Marco sehe, der schon sehnsüchtig auf mich wartet, schiessen mir die Tränen in die Augen. Also habe ich mich doch nicht geirrt, als ich das Rufen hörte. Es waren Marco's Rufe, der mich schon seit einer Weile verzweifelt suchte. Überglücklich schliessen wir uns in die Arme und jetzt macht sich meine Erschöpfung sichtlich bemerkbar. Nach dem über 3-stündigen Fussmarsch bin ich völlig am Ende meiner Kräfte und ich bin froh, dass ich es geschafft habe und diesmal alles nochmals gut ging.

Während ich mich im Camper hinlege um mich von der kräftezehrenden Wanderung zu erholen, macht Marco im Firepit Feuer und brutzelt uns zum Z'nacht ein saftiges Steak. Zum Dessert gibt's selbstgemachte Caramel-Köpfli und während wir so gemütlich bei unserem Campfire sitzen, erzähle ich Marco von meiner heutigen erlebnisreichen Wanderung und Marco zeigt mir voller Stolz seine tollen Aquarellzeichnungen. Noch lange sitzen wir an diesem herrlichen Abend vor unserem Traper-Fernseher (Lagerfeuer), lauschen dem Knistern des Feuers und dem sprudeln des Rivers und schnitzen mit unseren "Swiss-Army-Knifes" an Holzstecken herum.

Trotz der bleiernen Müdigkeit spüre ich ein unglaubliches Glücksgefühl, das mich bisher nur an wenigen Orten überkommen hat. Wir sind uns einig, hier auf diesem Campground werden wir noch ein paar Tage bleiben!

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