Unterwegs mit "Little Sunshine"


30. Mai 2000. Nach einer knappen Woche Ruhepause für Little Sunshine, geht die Reise heute weiter Richtung Norden. Kurz nach Woodland Park zweigen wir auf den Highway 67 ab, welcher uns in herrlichen Kurvenkombinationen über die Rampart Range und durch den Pike National Forest führt. Die Strasse windet sich entlang dem Trout Creek und vorbei an kräftig grünen Ponderosa-Pinien, in deren Schutz die Espen ihre neuen Blätter spriessen lassen.

Mit viel Gefühl drücke ich auf's Gaspedal, um den Motor von Little Sunshine auf der gebirgigen Strasse nicht zu sehr zu strapazieren. Bei den etwas länger gezogenen Kurven nehme ich soviel Schuss wie möglich mit, damit uns die Geschwindigkeit geschmeidig um die nächste, ansteigende Kurve trägt. Meine Erfahrung zeigt, dass ich die Kurven, welche mit 30 mph (50 km/h) gekennzeichnet sind, problemlos mit 40 mph fahren (65 km/h) kann und so gleite ich mit Little Sunshine in gleichmässigen Schaukelbewegungen bergauf. Das Wetter ist wieder einmal phantastisch und die Temperatur mit 28° Celsius gerade richtig zum Motorradfahren.

Etwas weiter vorne sehe ich Marco auf unserer schneeweissen Goldwing gerade noch durch die nächste Kurvenkombination cruisen, als sich in mir plötzlich ein Unmut breit macht und ich mich ernsthaft frage: "Was um alles in der Welt mache ich eigentlich hier alleine in dieser klimatisierten Kiste, während ich da vorne bei Marco auf dem Töff sitzen und das irre Töfffahrer-Feeling geniessen könnte?" Ein paar dicke Selbstmitleidstränen rinnen mir über die Wangen und ich denke daran, Little Sunshine einfach stehen zu lassen und mit Marco weiterzufahren. Doch in diesem Moment holt mich das verzweifelte Hinuntersschalten von Little Sunshine aus meinem Mitleidskummer zurück. Die lange, steile Steigung macht Little Sunshine echt zu schaffen und das10 Zylinder starke Herz unter Little Sunshines Motorhaube pocht wie verrückt. Die 268 Horsepower scheinen schlapp zu machen.

"Na toll!" Ich verringere meinen Druck vom Gaspedal und nun kriechen wir gerade noch im Schneckentempo vorwärts, während Marco in einer solchen Situation einfach ein bisschen mehr am Gasgriff dreht und die Goldwing absolut mühelos über die Steigung flitzten lässt. Der krächzende Möchtegern-Sänger im Radio trägt mit seinem Schnulzesong auch nicht gerade zu einer besseren Stimmung bei und auf dem nächsten Kanal versucht mir irgend so ein doofer "Heini" weiss zu machen, dass ich unbedingt an meine Altersvorsorge denken muss und sofort einen Retired-Plan (Ruhestand-Plan) abschliessen soll. "Shut up!" brülle ich den Typen im Radio wütend an und bringe ihn mit einem Druck auf den "off"-Knopf ein für allemal zum Schweigen.

Was ich jetzt brauche ist etwas ganz anderes. Ich will das Zwitschern der Vögel, das Zirpen der Grillen, das Rauschen der Blätter und das Plätschern des Bergbaches hören und was gäbe ich dafür, wenn ich jetzt eines von Marco's unmelodischen Pfeifkonzerten über's Helmmikrophon hören könnte - ich verspreche, dass ich mich nie mehr über seine unmusikalische Veranlagung beschweren werde!

Ich sehne mich nach der wärmenden Sonne auf meinem Rücken und der frischen Brise um die Nase. Am meisten aber vermisse ich das würzige Aroma des Waldes und den herrlichen Duft von frischer, feuchter Erde. In meiner geschlossenen, klimatisierten Kiste kann ich nicht einmal den ekelhaften Gestank des totgefahrenen Skunks (Stinktiers), der da so flachgedrückt in der Mitte der Strasse liegt, wahrnehmen und ich würde heute sogar diesen brechreizerregenden Mief in Kauf nehmen, wenn ich bloss meinen Fahrersitz mit dem Soziussitz auf der Goldwing tauschen könnte.

Frustiriert kurble ich das Fenster hinunter und versuche mich mit allen Mitteln und positivem Denken selbst zu motivieren. "Hey, come on little Lady", sage ich zu mir selbst, "du hat es doch ganz bequem hier drin, kannst sogar während des Fahrens eine kühle Cola trinken und Guetzli essen ...". Doch während ich da mit mir so aufmunternde Selbstgespräche führe, realisiere ich, dass ich all diesen Komfort auch auf dem Töff habe und dass es eben nicht diese Dinge sind, welche bei mir Glücksgefühle auslösen. Ich bin ein Mensch der mit allen Sinnen geniesst und erlebt und dies ist für mich trotz offenem Fahrerfenster in einem Auto ganz einfach nicht möglich.

Aber was soll's, wir haben uns nun einmal für diese Art des Reisens entschieden und wenn wir dann am Abend so gemütlich vor unserem kleinen Zuhause auf Rädern sitzen und uns anschliessend ins knuddelige Bett kuscheln, ist alles nur noch halb so schlimm.

Ich wische mir die letzten Tränen von den Wangen, putze meine Nase und konzentriere mich wieder voll und ganz auf's Fahren. In der Zwischenzeit ist die Steigung wieder etwas flacher geworden und ich schwinge mit Little Sunshine in zügiger, wiegender Fahrt von Kurve zu Kurve. Die unzähligen Bremsspuren vor den Kurven bringen ein verschmitztes Lächeln auf mein Gesicht zurück. Tja, so fahren sie eben die Ami's. Mit vollem Garacho auf die Kurve los und im letzten Moment, bevor es um die Ecke geht, rutscht ihnen das Herz in die Hose und sie treten voll in die Bremse, bis die Reifen quietschen und qualmen. Am coolsten sind jedoch die Weekend-Harley-Fahrer, welche mit voll Speed auf eine Haarnadelkurve zurasen und dann im 5. Gang rumwürgen wollen. Logischerweise geht das auch mit einer Harley nicht und so fallen sie mitten in der Kurve um wie die toten Fliegen. Unbelievable! Das Tollste erlebst Du hier aber, wenn es von einem Pass runter geht. Diese Knallfrösche haben noch nie etwas von Hinunterschalten gehört und so stehen sie von der Passhöhe bis hinunter ins Tal auf der Bremse, bis diese vor Überhitzung zu qualmen beginnen, und wie heissgelaufene Bremsen stinken, brauche ich wohl hier nicht näher zu erklären. Igitt, Igitt!

Na ja, was soll's. Little Sunshine und ich haben auf der heutigen Talfahrt Glück und keinen dieser stinkenden Dauerbremser vor uns. In schüssiger Fahrt sausen wir den Pass hinunter und der Interstate 70 entgegen, wo Marco auf uns wartet. In Idaho Springs stellen wir Little Sunshine auf einem dieser No-name-Campgrounds ab, wo das Vacancy-Schild nie ausgeht und welcher eher einem Drogenumschlagplatz als einem Campingplatz gleicht. Doch mir ist es egal, denn als Marco mir den Vorschlag macht mit dem Töff auf den Mount Evans zu fahren, hält mich gar nichts mehr.

Wie der Blitz stürze ich in meine Töffklamotten und kann es kaum erwarten, bis wir endlich losdüsen. Vom 7'500 feet (2'286 m.ü.M.) hohen Idaho Springs windet sich die Passstrasse in 'zig Serpentinen hinauf auf die Passhöhe des 14'264 feet (4'348 m.ü.M) hohen Mount Evans, welcher somit für die höchste Autostrasse in den USA bekannt ist.

Ich geniesse die rasante Schräglagenfahrt vorbei am kristallklaren Echo Lake und durch den Arapaho National Forest. Gierig ziehe ich den aromatischen Duft des Waldes ein, lausche dem Rauschen des vom Schmelzwasser gespiesenen Bergbaches und nehme die schrillen Signalrufe der fetten Murmeltiere auf den Bergwiesen wahr. Unmittelbar neben der Strasse sucht eine Herde Schneeziegen zwischen den letzten Schneefeldern nach den ersten saftigen Kräutlein und ein Falke schwingt sich graziös ein paar Meter über unseren Köpfen durch die Luft.

Ich lege meine Hand auf Marco's Schulter und deute an, dass ich am liebsten heulen würde, diesmal aber vor lauter Glücksgefühlen. Mit nichts und niemandem auf der Welt will ich in diesem Moment tauschen. Die Naturverbundenheit, die sich unvergesslich in die Erinnerungen einbrennt, wenn man gemeinsam auf dem Töff sitzt und spürt, dem Himmel ganz nahe zu sein. Wir halten an und geniessen die wärmenden Sonnenstrahlen, während wir einem putzigen Pärierhundepärchen beim Spielen zusehen.

Plötzlich werden wir von einem schrecklichen, uns bekannten Geräusch aufgeschreckt. Ein dumpfer Knall und dann das Quietschen von Bremsen lässt uns für einen Moment das Blut in den Adern gefrieren. Blitzschnell drehen wir uns um und sehen, dass mein Helm vom Sattel hinuntergefallen und einem daherfahrenden Autofahrer direkt vor die Vorderräder gerollt ist. Im letzten Moment kann er mit einer Vollbremsung verhindern, dass mein Helm unter seinem Auto verquetscht wird. Wäre ja nicht das erste Mal, dass einer meiner Helme unter einem Auto eingeklemmt ist!!!

Nach dieser Schrecksekunde schwingen wir uns wieder auf den Töff und fahren weiter dem Gipfel des Mount Evans entgegen. Immer höher hinauf windet sich die Strasse, doch die Goldwing nimmt's mit Gleichmut. Nach jeder Kurve haben wir das Gefühl: "Das ist die Letzte und gleich sind wir oben." Doch dann kommt noch eine und noch eine und ... es scheint uns, als würde sich die Strasse in den Himmel schrauben. Schon fast trümmlig von den vielen Kurven - oder von der dünnen Luft - erreichen wir schliesslich die Passhöhe.

Kräftige Windböen pfeifen uns um die Ohren und die Temperatur ist merklich gesunken. Einmal mehr sind wir um unsere wetterfesten, warmen Coretex-Jacken froh und wir nehmen den Fussmarsch über die schneebedeckten Felsen hinauf zum Gipfelkreuz in Angriff. Doch schon nach einigen Metern spüren wir die Wirkung der Höhenmeter. Die Luft hier oben ist schon ganz schön dünn und so gehen wir die Sache ganz schön langsam und mit viel Genuss an. Ein irres Gefühl macht sich in uns breit, als wir ganz oben auf dem Gipfel stehen und unseren Blick über das faszinierende Panorama der noch immer tief verschneiten Rocky Mountains schweifen lassen. Es ist, als ob wir auf dem Dach der Welt stehen würden.

Wir lassen uns für die Rückfahrt sehr viel Zeit, holen uns im Visitor-Center noch ein paar interessante Informationen über die hier vorkommende Pflanzen- und Tierwelt und ich kann der Versuchung nicht widerstehen, meine Füsse neben ein paar Eisschollen im Summit Lake zu schwenken. "Brrrrrrr!" Schon nach ein paar wenigen Minuten ziehe ich meine "Chuenagel" blauen Füsse aus dem Wasser und bin froh, dass ich in meine warmen Socken und Wanderschuhe zurückschlüpfen kann. Meine Füsse kribbeln, als ob tausend Ameisen darauf herumtanzen würden und ich spüre, wie so langsam aber sicher wieder Leben in meine Füsse zurückströmt. Doch "I did it!" und nach dieser Schocktherapie und der traumhaft schönen Fahrt zum Mount Evans ist auch der letzte Rest der frustrierenden Camper-Fahrt von heute morgen vergessen.

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