Die Idylle am Lake Louise
8. Juli 2000. Der idyllische Lake Louise mit dem imposanten Gletscher im Hintergrund ist eines der meist besuchten Ziele des Banff Nationalparks und die vielen wunderschönen Bilder dieses glasklaren Bergsees locken auch uns an seine Ufer.
Gerade eben sind wir vor den Pauschal-Touristenscharen am Takakkaw Wasserfall geflüchtet, als wir hier am Lake Louise von der nächsten Touristenmasse überrollt werden. Riesige Reisebusse spuken massenhaft Touristen aus, welche hier für eine knappe Stunde die Idylle des Sees und der Berge geniessen sollen.
Der auf drei Ebenen angelegte Riesenparkplatz ist bereits schon zum Bersten voll und nur mit viel Glück erhaschen wir einen gerade frei gewordenen Platz. Wie in einer riesigen Völkerwanderung schieben wir uns inmitten von schnatternden Touristen dem See entgegen. Wir sind gefangen in diesem Strom und umgeben von einem wilden Stimmengewirr. Wortfetzen aus allen möglichen Sprachen prasseln auf uns ein und wir machen uns einen regelrechten Sport daraus, herauszufinden, wer die meisten Sprachen identifizieren kann.
Endlich sind wir am See. Überall posieren zahnpasta-lächelnde Reisende "Cheeeeese!" vor dem Bergsee-Panorama und warten ungeduldig darauf, dass der Auslöseknopf ihrer Snapshot-Kamera endlich klickt, damit sie zum nächsten Fotospot rennen können. Zwischen all den posierenden Leuten finden wir schliesslich ein Plätzchen, von wo aus wir einen kurzen Blick auf den See erhaschen können. Doch mit dem ganzen Geschwafel im Hintergrund fällt es uns wirklich schwer, die Idylle zu geniessen.
"Kannst Du ein Foto von uns machen?" fragt uns ein junges Schlitzaugen-Pärchen und drückt Marco, bevor er überhaupt antworten kann, die Kamera in die Hand. Eng umschlungen stellen sie sich in Position und es scheint sie überhaupt nicht zu interessieren, dass dieses Foto eine fürchterliche, absolut unbrauchbare Gegenlicht Aufnahme geben wird. Völlig egal, Hauptsache die Situation ist im Kasten festgehalten!
Um dem grössten Rummel zu entfliehen, schlendern wir ein Stück weit dem Seeufer entlang. "Gar nicht gewusst das Fasnacht ist", lachen wir, als uns eine grell geschminkte Japanerin, auf ihren hochhackigen Bleistift-Stöckelschuhen und Federstola über der Schulter entgegen balanciert. Da kommen wir uns in unseren Wanderschuhen und Jeans schon ein bisschen komisch vor. "Hoppla!" Plötzlich werde ich von der Seite angerempelt und ein fetter Kerl schiebt sich mit einem flüchtigen: "Oh, I'm sorry!" an mir vorbei, als müsste er gerade noch den 12:00 Uhr Zug erwischen. Na logisch, wer sich hier nicht in der gleichen Hektik wie alle anderen bewegt, gilt als Verkehrshindernis und wird "Ups!" einfach über den Haufen gerannt.
Ich muss mich erst einmal von dieser Rempelei erholen und so höckeln wir uns auf ein paar Steine am Seeufer. Wir schauen den Leuten zu, wie sie ungeduldig am Kassehüüsli anstehen um sich ein Kanu zu mieten, mit welchem sie dann in der halbstündigen, fast halsbrecherischen Zickzack-Fahrt über den von Kanufahrern nur so wimmelnden See paddeln dürfen. Dankeschön, auf so einen Kanutrip können wir verzichten.
Wir wollen gerade aufstehen und weiter schlendern, als sich zwischen uns eine feuchte Hundeschnauze schiebt und ein alte Grösi es toll findet, dass ihr "Fifi" uns mit seinem nervigen Gekläffe begrüssen will. "Get out of here!" kläffe ich zurück und die alte Oma zieht mit einem kräftigen Ruck an der Hundeleine ihren Schützling zu sich zurück.
Vorsichtig fädeln wir uns wieder in den Touristen-Strom ein, welcher sich dem See entlang schiebt und so nähern wir uns langsam aber sicher dem gigantischen Château-Hotel, wo all die Schönen und Reichen für ein paar Nächte in den hoch klimatisierten Supersuiten absteigen. Eine mir bekannte Melodie lässt mich auf einmal aufhorchen. "Hey, das war doch der Klang eines Alphornes", sage ich zu Marco und wir gehen den vertrauten Tönen nach. "Oh, nein! Das gibt's doch wohl nicht", entrinnt es mir und ich glaube meinen Augen nicht zu trauen. Da steht doch tatsächlich ein korpulenter Holländer in bayrischen Lederhosen mit einem Schweizer Alphorn in der Hand und gibt ein paar fürchterliche Jodeltöne von sich. Ein paar Japaner warten ungeduldig darauf, dass sie sich endlich neben diesen schrägen Vogel stellen können, um sich für ein paar harte Dollars und mit einem vorgeschriebenen "Holl-de-radio"-Juchzer für's Familienalbum ablichten lassen dürfen.
Uns fehlen regelrecht die Wort und wir können es uns nicht verkneifen und als wir einander ansehen, brechen wir beide in lautes Gelächter aus. Als dann auch noch die Abfalleimer, über Sensoren gesteuert, wie Frösche zu quaken beginnen, ist die Idylle perfekt und für uns der Spass vorbei. Geradezu fluchtartig verlassen wir diesen eigentlich wunderschönen Ort und sind froh, nicht im Anfahrtsstau zu stehen, welcher sich nun auf der Zufahrtsstrasse zum Lake Louise hoch schiebt.
Kurz hinter Lake Louise biegen wir auf den Icefields Parkway ein und hoffen, für heute dem Touristen-Rummel entronnen zu sein.
Wir verabscheuen solche, hektischen Menschenansammlungen und dies ist wohl der Grund dafür, weshalb wir noch nie auf dem Jungfraujoch waren.