Camping am Walensteen Lake
27./28. Juni 2000. Einmal campen, völlig ausserhalb der Zivilisation, das war schon immer unser Traum gewesen. Und hier in Kanada soll so etwas tatsächlich noch möglich sein. Also packen wir unsere Siebensachen, laden den ganzen Zelt-Plunder in den Pickup-Truck - welcher uns Andy für unseren Outdoor-Trip zur Verfügung stellt - zurren das Kanu auf der Ladebrücke fest und tuckern mit einem halben Steher Holz auf der Ladefläche los zu den Flyhill Mountains, oberhalb Salmon Arm. Mit Lisa's reich gefüllter Kühlbox und Andy's Brennholzvorrat können wir ohne weiteres durch den Winter kommen, wir machen uns ernsthaft Gedanken darüber, ob die beiden Schlaumeier uns einfach los sein wollen!!!
Schon kurz hinter den letzten Häusern von Salmon Arm endet die Teerstrasse und windet sich als Gravelroad (Kiesstrasse) den Berg hinauf. Es rüttelt und schüttelt und der klepprige, alte Dodge ächzt und stöhnt vor sich hin, als würde er demnächst in seine Einzelteile zerfallen. Doch Andy hat uns schon vorweg beruhigt, 'that's okay, das muss so sein', und tatsächlich hält das bullige Ding tapfer durch und bringt uns mühelos über die etlichen Serpentinen hinauf zum Ufer des Walensteen Lakes. Der idyllische See, mit der kleinen Insel, liegt wie ein Juwel eingebettet in dem saftig grünen Mischwald. Jetzt, mitten unter der Woche, ist hier oben, ausser uns beiden, keine Menschenseele zu sehen und wir haben den ganzen See für uns alleine.
Behende schlagen wir unser Zelt auf, hieven das Kanu vom Pickup und paddeln frohen Mutes auf den See hinaus. Na ja, gross zu paddeln brauchen wir auf diesem kleinen See nicht, ich würde es schon eher "in der Suppe rühren" nennen, was wir da machen, doch wir haben den Plausch und geniessen es, so gemütlich über's Wasser zu gondeln und einem verspielten Entenpärchen zuzusehen. Nur das gelegentliche Platschen der ins Wasser eintauchenden Paddel oder das Ploppen der nach Mücken springenden Fische ist zu hören und für einen Moment habe ich das Gefühl in einem Traum zu sein, aus dem ich so schnell nicht mehr aufwachen möchte. Doch ein dumpfer Schlag und das Knirschen von Sand unter dem Rumpf machen mir klar, dass wir am Ufer und somit am Ende unserer heutigen Kanutour sind.
Da es noch früh am Nachmittag ist, beschliessen wir, die Gegend mit Andy's 4WD-Pickup-Truck auszukundschaften. Auf der immer enger werdenden Log-Road (Waldweg), welche von den tonnenschweren Holztransporter-Trucks benutzt wird und die vor Wochen ihre knietiefen Spuren hinterlassen haben, bahnen wir unseren Weg durch den Wald. Selbstverständlich haben auch die Regengüsse der letzten Tage nicht gerade zu einem optimalen Strassenzustand beigetragen und nur noch die blanke Angst ums Durchkommen ergreift von mir Besitz, als ich die Kartoffelacker ähnliche Strasse vor mir sehe. Krampfhaft klammere ich mich an meinem Sitz fest und kämpfe mit der aufkommenden Übelkeit, als wir quer durch diesen Gemüsegarten hoppeln. Aber Marco ist mein Adrenalinspiegel ziemlich egal, er findet es einfach megageil und "ruechet" weiter durch den knietiefen Matsch. Tyyyypisch Mann!
Keine einzige dieser "Strassen", durch den frisch abgeholzten Wald, ist auf unserer Karte eingezeichnet und nur unser Pfadfinder Instinkt lässt uns erahnen, wo wir uns in etwa befinden. Als es dann wirklich nicht mehr weiter geht, kann ich Marco endlich davon überzeugen umzukehren und noch einmal wühlen wir uns mit dem bulligen 4WD-Truck durch den schmierigen Dreck. So abenteuerlich eine solche Schüttelpistenfahrt auch ist, für meinen Geschmack war das genug für heute.
Also mache ich mich auf, die Umgebung um den See zu Fuss zuerkunden, während Marco seine überschüssige Energie beim Holzhacken auslässt. Mit Bärenglöcklein und Schweizer Sackmesser bewaffnet gehe ich auf Entdeckungstour. Allzuweit kann ich allerdings nicht mehr springen, denn Marco's knurrender Magen verlangt so langsam aber sicher nach etwas Essbarem und mit der einsetzenden Abenddämmerung wird es hier oben merklich kühler. Gerade als ich mich auf den Rückweg mache, entdecke ich ganz in der Nähe unseres Camps einen grossen Pfotenabdruck im Morast. 'Der könnte von einem Bären sein', sage ich zu mir selbst und wieder einmal überkommt mich dieses komische Angstgefühl. Nur gut, dass ich das Bärenglöcklein dabei habe und das Swiss-Army-Knife in meiner Hosentasche fühlt sich jetzt echt gut an. Ich schüttle ein paar Mal kräftig am Bärenglöcklein um mich bemerkbar zu machen und schleiche mich dann langsam zum Zelt zurück. Da ich mir nicht ganz sicher bin, was für eine Fährte ich da entdeckt habe, beschliesse ich, Marco vorerst nichts von meiner Entdeckung zu erzählen, um keine unnötige Aufregung zu veranstalten. Doch kaum beim Zelt angekommen, ist mein guter Vorsatz verflogen und voller Aufregung berichte ich Marco von meiner Entdeckung. Entgegen meinen Befürchtungen nimmt er die Neuigkeit ganz cool zur Kenntnis und wir beginnen unser Nachtessen zuzubereiten. Es gibt Suppe, Bären-Buureschüblig und von Lisa's frisch gebackenem Zopf. "Hhmmm lecker, so lässt sich's leben!"
Statt Touristenrummel geniessen wir hier oben die Ruhe der Abgeschiedenheit und machen es uns am romantisch knisternden Lagerfeuer bequem. Da plötzlich, gar nicht weit von unserem Lager entfernt, stapft eine riesige Moose-Dame (Elchkuh) aus dem Wald heraus, um am See zu fressen. Es ist wie im Freiluftkino und wir sitzen in der ersten Reihe. Eilig rücken wir unsere Campingstühle zurecht und schauen dem Tier mehr als eine Stunde gespannt zu. Langsam trottet sie um den See herum, bleibt stehen, frisst von den saftigen Gräsern und zieht dann ein Stück weiter. Zu unserer Überraschung watet sie schliesslich in den See hinein und schwimmt behende zur kleinen Insel hinüber, welche nur etwa 10 Meter von unserem Zelt entfernt ist. Aus nächster Nähe können wir der Elchkuh zusehen, wie sie sich genüsslich an den saftig grünen Blättern labt, bevor sie über den See zurück schwimmt und für die Nacht im dichten Wald verschwindet. Wir können es kaum fassen, dass wir soviel Glück haben!
Jetzt heisst es auch für uns langsam aber sicher in die Federn zu hüpfen - oder besser gesagt in den Schlafsack - zu kriechen, doch zuvor werden noch die Zähne geputzt, auch wenn wir hier in der Wildnis sind. Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn einem die Fische beim Zähneputzen am See zusehen und ich muss mich ganz schön zusammenreissen, dass ich vor lauter Lachen nicht den ganzen Zahnpastaschaum durch die Gegend puste. Noch einmal kurz für kleine Jungs und Mädchen ins Gebüsch gekauert und dann heisst's Lichterlöschen für heute. So ganz spurlos scheint meine Meldung von der Bärenspur doch nicht an Marco vorbeigegangen zu sein, denn er hat sich vorsichtshalber die riesige Axt ins Vorzelt gelegt und mich schon etwa zum dritten Mal gefragt, ob ich auch tatsächlich keine "Zältli" oder "Oh Henry" (Schokoriegel) mehr im Zelt habe. "Na dann, gute Nacht!"
Wir haben eine ruhige, ungestörte Nacht verbracht, obwohl ich glaube, einmal ein Tier herumschleichen gehört zu haben. In der Gewissheit, das alles was riecht auch wirklich bärensicher im Pickup-Truck verstaut ist und die Axt griffbereit im Vorzelt liegt, bin ich gleich wieder seelenruhig eingeschlafen.
"Plitsch, platsch, plitsch, platsch." Das Prasseln des Regens lässt uns noch einmal tief in unsere Schlafsäcke kuscheln und nur das dringende Bedürfniss die zum Platzen gefüllte Blase zu entleeren, bewegt uns dazu aus dem Zelt an die frische Luft zu kriechen. Der Regen hat aufgehört, doch mit der Feuchtigkeit sind nun auch die lästigen Mosquitos gekommen. Es ist gar nicht so einfach "to pee in the wood" (Pinkeln im Wald) wenn man eine Frau ist und ein paar dutzend Mücken geradezu danach lechzen, mich in den blanken Po zu stechen. Ich habe alle Hände voll zu tun, um mir die lästigen Plaggeister von meinem Allerwertesten zu halten und im Moment beneide ich Marco um seine praktische Einrichtung!
Getreu dem Motto "Mücken aller Länder vereinigt euch!" scheinen sich hier heute morgen die blutrünstigsten und wildesten Exemplare zusammengerottet zu haben. Diese Kamikazes sind zäh. Selbst diejenigen, die wir mit "Treffer und versenkt" verbuchen, rappeln sich manchmal wieder hoch und setzen erneut zum Angriff an. Unser Frühstück wird zum reinsten Kampf und da das Wetter nicht gerade vielversprechend aussieht, packen wir nach dem Z'morgen unsere Siebensachen zusammen und machen uns gemütlich auf den Rückweg ins Tal und zurück in die Zivilisation.
Vorbei an mit Türkenbund-Lilien, Paintbrush-Wedeln und Lupinien-Kerzen übersäten Berghängen tuckern wir Richtung Salmon Arm und erfreuen uns ob den vorwitzig guckenden Rehen, die uns über den Weg laufen. Wir haben trotz allem unseren kurzen Outdoor-Abstecher genossen und sind sicher, dass dies nicht unser letztes Wildnis-Abenteuer war!