Bärenparty in Hyder
17./18. Juli 2000. Von Freunden habe wir gehört, dass die beiden Örtchen Stewart und Hyder ganz witzig sein sollen und so biegen wir in Meziadin Jct. vom Stewart Cassiar Highway ab. Wir fahren durch das enge Tal des Bear Rivers mit seinen imposanten hängenden Gletschern.
Ohne grenzüberschreitenden Terror überqueren wir in Stewart - Hyder die Grenze von Kanada in die USA und stehen somit das erste Mal in unserem Leben auf alaskanischem Boden. Das Dorf Hyder besteht aus einer verrauchten Kneipe, einem Souvenirladen der zugleich auch Museum ist - jedoch nur auf Klingelzeichen seine Türen öffnet - einem Motel, zwei Campgrounds und einer alten, orthodoxen Kathedrale, was wir eher als "Kapälleli" bezeichnen würden. Die Strassen hier sind noch wie zur Goldrush-Zeit ungeteert und somit wundert es uns nicht, dass bald jedes Auto eine von Steinschlag defekte Windschutzscheibe hat.
Wir folgen dem heissen Tip vom alten Onkel Sam - welcher zusammen mit einem zahmen Eichhörnchen das Visitor-Center in Meziadin Jct. leitet - und fahren auf der holprigen Strasse zum Fish Creek, wo man nach seiner Aussage die Möglichkeit haben soll, Schwarz- und Grizzly-Bären in freier Natur beim Fangen von Chum Salmon (Lachsen) beobachten zu können. "Die Lachse werden hier so gross wie nirgends sonst auf der Welt", erzählt er uns und seine Augen strahlen, wie die eines alten Fischermannes. Wir sind wirklich gespannt, ob uns der Alte mit seinem Fischerlatein nicht bloss einen Bären aufgebunden hat.
Erwartungsvoll suchend schweifen unsere Blicke über den River, in welchem sich tatsächlich ein paar riesige Lachse stromaufwärts zu ihren Laichgründen quälen. Und dann tatsächlich, da vorne im Gebüsch bewegt sich etwas. Ein grosser schwarzer Schatten löst sich aus dem Gebüsch und ein ausgewachsener Schwarzbär trottet am Flussufer entlang auf uns zu. Tapsig versucht er mit seinen Riesenpranken eines der Prachtexemplare aus dem Wasser zu fischen. Die Kameras klicken, doch der Unglücksrabe bleibt ohne Erfolg. Verärgert zieht er seine nasse Tatze aus dem eisig kalten Fluss und trottet brummig in den Wald zurück. Uns fotohungrige Touristen lässt er ganz einfach am Flussufer stehen. Na ja, ein paar Bilder konnten wir trotzdem schiessen und wer weiss, vielleicht versucht er sein Glück etwas später nochmal.
Wir warten und warten und schlussendlich beschliessen wir, erst einmal eine Dorfbesichtigung zu machen und am Abend noch einmal hierhin zurückzukommen. Die Ranger vor Ort versichern uns, dass dann die Wahrscheinlichkeit Bären zu sehen noch etwas grösser ist. Also machen wir uns auf zu einer Besichtigung von Downtown Hyder. Wir stellen "Little Sunshine" auf dem Hauptplatz ab und nach einer knappen halben Stunde haben wir die Big-City Hyder abgelatscht. Nicht umsonst wird dieses Nest auch "The friendliest little Ghost Town in Alaska" genannt. Wir wollen uns eigentlich schon wieder auf den Weg zurück zum Campground machen, als ich plötzlich hinter der "Kathedarale" einen dunklen Wollknäuel entdecke. "Halt ah, halt ah!" schreie ich Marco aufgeregt zu und tatsächlich, nur ein paar wenige Meter von uns entfernt sitzt eine Schwarzbärin mit ihren beiden Jungen und frisst Beeren. Innert kürzester Zeit scharen sich noch mehr gwundrige Touristen um uns herum und knipsen von den pelzigen Kerlchen ein paar Fotos. Tja, so etwas nennt man Glück! Während sich die Profi-Fotografen am Fish Creek hinten die Beine in den Bauch stehen und geduldig auf Bären warten, stolpern wir hier mitten im Dorf geradezu über eine drollige Bärenfamilie. BINGO!
Gleich nach dem Nachtessen fahren wir noch einmal zum Fish Creek und hoffen, noch einmal einen dieser pelzigen Freunde vor die Kamera zu bekommen. "Heute nachmittag war hier tote Hose", erfahren wir von den Rangern und mir tun die armen Fotografen fast ein bisschen leid. Mit unseren bescheidenen Kameras stellen wir uns neben den Riesenobjektiven der Profis in Position und schauen den riesigen Lachsen im glasklaren Wasser zu, während wir auf "the big bear" warten. Es dauert nicht lange, da plötzlich pirscht ein riesiger Grizzly-Bär aus dem Dickicht hervor. Er schaut sich ganz gezielt ein paar Mal um und rennt in vollem Garacho in unsere Richtung über's Wasser los. Ich habe ihn mit meiner Kamera voll im Visier und mit Schrecken sehe ich, wie das Tier in meinem Zoom-Objektiv immer grösser und grösser wird. Vor lauter Angst mache ich mir fast in die Hose und mir wird bewusst, dass ich hier in der ersten Reihe wieder einmal einen der bevorzugtesten Plätze ausgesucht habe. 'Ade, du schöne Welt!', denke ich so für mich, als der massige Pelzberg auf einmal mit voller Wucht ins Wasser klatscht und nur ein paar wenige Meter von uns entfernt einen fetten Lachs aus dem gurgelnd River zieht. Siegessicher trottet er mit seinem Fang ins Gebüsch zurück. Mir schlottern die Knie und ich drohe den Boden unter meinen Füssen zu verliere. "Wow, habt ihr das gesehen?" jubeln sich die Zuschauer um mich herum zu, "wir haben hier genau am richtigen Ort gestanden". Kreidebleich nicke ich den Foto-Trophäenjägern zu, die sich nun fast vor lauter Stolz über diese super Show-Einlage in die Hose machen. Ich Depp kann mich absolut nicht rühmen, denn vor lauter Schiss habe ich im entscheidenden Moment auf den Aus-Knopf meiner Videokamera gedrückt und so die beste Szene verpasst. So ein Ärger!!!
Kaum haben wir uns von diesem Schreckenserlebnis erholt, kommt ein anderer Grizzly-Bär daher getrottet und gleich darauf erscheint von einer anderen Seite eine Grizzly-Bärin mit ihren beiden "Spring-Cubs" (Bärenkinder die in diesem Frühling geboren wurden). Das ist natürlich das absolute Highlight und wir hoffen, dass es beim Zusammentreffen der beiden Bären nicht zu einem wüsten Zwischenfall kommt. Doch beide Parteien sind friedlich gesinnt und während Teenie-Bär in der unteren Hälfte des Flusses fischt, versucht Mamma-Bär ihr Glück vor unseren Kameras. Die Bärenkinder zeigen an den Fischfang-Künsten ihrer Mutter noch kein allzu grosses Interesse und während sich die Bärin beim Fischen abmüht, tobt die Jungmanschaft auf der Sandbank herum und schaut ganz frech zu uns herüber.
Um 22:30 Uhr ist hier am Creek schliesslich Feierabend und obwohl wir den Bären gerne noch etwas zugesehen hätten, schicken uns die Ranger für heute zum Campground zurück. Ich bin ja mal gespannt, wie gut wir in dieser Nacht, nach so vielen bärigen Erlebnissen, noch schlafen werden. Vor allem beunruhigt uns die Geschichte von dem Mann, welcher hier in der Nähe vor zwei Tagen von einem Bären getötet wurde. Auch hat uns der Campground-Besitzer heute nachmittag darauf aufmerksam gemachte, dass letzte Nacht ein Schwarzbär hier auf dem Campground herumgeschlichen ist. "Oh, oh!" Wir sind echt froh, dass wir in einem Camper Übernachten können, doch vorsichtshalber verstauen wir für diese Nacht alle unsere Esswaren in den Kästen und entfernen auch den halbvollen Abfallsack aus unserem Camper.
3:10 Uhr. Ein fürchterliches Scheppern reisst uns aus dem tiefen Schlaf. Ganz vorsichtig schieben wir den Vorhang zur Seite und... "Oh, Schreck! Blacky ist wieder da." Direkt vor unserem Camper hat der riesige Schwarzbär eine Abfalltonne umgeworfen und wühlt nun mit seinen Mega-Pranken genüsslich in den Abfällen herum. Mucksmäuschen Still sitzen wir hinter dem Vorhang und schauen dem Vielfrass zu, wie er alles auseinander reisst und mit seiner Schnauze nach etwas Essbarem sucht. Dann endlich wendet er sich von der Tonne ab, latscht schnüffelnd und knurrend zwischen unserem Camper und Nachbars Zelt hindurch und verschwindet im dunklen Wald. "Uff, das ist ja gerade nochmal gut gegangen!" Für ein paar Sekunden haben wir den Atem angehalten und ich glaube unseren Zeltnachbarn ging es ebenso. Wir kriechen in unser warmes Bett zurück, ziehen die Decke weit über den Kopf und schlafen kurz darauf wieder ein.
Tja, Onkel Sam hat uns mit der Hyder-Bärenparty wirklich keinen Bären aufgebunden!