Der Wind, der Wind ...
18. April 2000. Nach unserer gestrigen Fahrt über die Traumstrasse des Apache Sitgreaves National Forest haben wir für heute einen Besichtigung des Petrified Forest National Park eingeplant, wo wir uns die skurrilen, versteinerten Bäume und das Painted Desert ansehen wollen.
Kurz nachdem wir die letzten Häuserzeilen von Show Low hinter uns gelassen haben und Richtung Norden fahren, werden wir kräftig von orkanartigen Windböen durchgerüttelt. Der Wind bläst genau aus Westen, so dass wir auf der ganzen Strecke mit herrlichstem Seitenwind zu rechnen haben. Eigentlich sind wir uns ja schon so einiges an Wind gewöhnt, doch was wir hier heute erleben, ist eine absolute Spitzenleistung.
Die Strecke führt uns durch die Concho Ebene und das Surprise Valley und wir sind in dieser Gegend schutzlos dem daherpeitschenden Wind ausgeliefert. Eingepackt in unsere Coretex Jacken und Hosen, klammern wir uns wie zwei Mumien auf dem Töff fest und ich versuche hinter Marco wenigstens ein bisschen Windschutz zu finden.
Jeder noch so kleine Hügel gibt uns für ein paar Sekunden die Möglichkeit zur Entspannung und wir atmen nochmals tief durch, bevor uns die nächste garstige Windböe erfasst und wie ein Matchbox-Spielzeug-Töffli über den Asphalt puscht.
Ich kriege zum Teil kaum noch Luft und meine lästige Erkältung trägt überhaupt nicht zu einer komfortablen Fahrt bei. Während ich gerade wieder einmal mit dem Nase putzen beschäftigt bin, verfängt sich eine Orkanböe unter meinem Helm und droht mir, mit einem kräftigen Ruck den Helm vom Kopf zu reissen. Im letzten Moment und mit aller Kraft schaffe ich es meine Kopfbedeckung in die richtige Position zurechtzurücken und meine "Schnuddernase" endlich fertig zu putzen.
Ich bewundere Marco, der sich in diesem Desaster auch noch auf das Fahren konzentrieren muss. Mit erstickender Stimme rufe ich ihm gegen den Wind zu: "Ist bei Dir alles okay?" Und sein Kopfnicken ist nur schwer zu deuten, denn genau in diesem Moment rüttelt ein weiterer Windstoss an seinem Kopf und verwandelt sein Kopfnicken zu einem Kopfschütteln. Da wir aber immer noch in halsbrecherischer Zickzack-Fahrt dahintorkeln, gehe ich davon aus, dass alles in Ordnung ist. Die Böen sind so stark, dass sich unsere Gesichtszüge in witzige Fratzen verwandeln und unsere Lippen wie kleine Fähnlein im Wind flattern.
Rauher Wind jagt dürres Gestrüpp und scheppernde leere Coladosen vor uns über den Highway und versetzt uns erneut einen solch erbarmungslosen Seitenstoss, dass wir - "wow!" - um ein Haar im Strassengraben landen. In kurioser Schräglage fahren wir auf der schnurgeraden Strasse dahin und es ist nur Marco's Fahrkünsten, Kraft und Aufmerksamkeit zu verdanken, dass uns die gewaltigen Windstösse nicht von der Strasse bugsieren. Der Wind blässt mit einer Geschwindigkeit von 50 mph (80 km/h) und die Böen erreichen Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 75 mph (120 km/h)!
Kein Wunder, dass wir auf unserem Freiluft-Gefährt so richtig, kräftig durchgeschüttelt werden, wir sind wohl ein dankbares Windopfer. Die Situation ist so widrig, dass sich sogar die Tiere auf der Weide hinlegen und darauf warten, dass das nervige Geblase endlich ein Ende hat. Die entgegenkommenden Autofahrer schauen uns mitleidig an, als wir gerade von einer Sandwolke erfasst und regelrecht sandgestrahlt werden. Jetzt würden wir liebend gerne mit einer dieser geschlossenen, windgeschützten Blechkisten tauschen doch wir lassen uns trotz der windigen Angelegenheit nicht von unserem Vorhaben zum Petrified Forest N.P. zu fahren abbringen.
Noch einmal reisst eine erbarmungslose Orkanböe an unserem Töff und blässt unsere Töffkleider auf, bis wir aussehen wie zwei waschechte Michelin-Männchen. So langsam aber sicher fängt mir die Sache an zu stinken und ich rufe wütend gegen den Wind: "Hörr ändlich uuf, a mine Chleider ume zrisse!" Doch auch dieser Wutanfall zeigt wenig bis gar keine Wirkung und erst als wir uns in den schützenden Hügeln des Petrified Forest N.P. befinden, kommen wir etwas zur Ruhe.
Wir lassen uns sehr viel Zeit und schauen uns die faszinierenden, versteinerten Bäume an, deren Holz sich vor tausenden von Jahren in Stein verwandelt hat und deren Strukturen heute noch täuschend echt einem gewöhnlichen Baum gleich sehen. Neben dem Painted Desert gibt es im Park auch Zeugnisse von Indianer-Stämmen, die hier gelebt haben. Wir sehen uns die Ruinen ihrer Steinhäuser an und lesen vom Newspaper Rock ab, was sie uns in ihrer Zeichensprache an Informationen hinterlassen haben. Auf einem unserer Besichtigungs-Trails begegnen uns zwei Motorradfahrer, die uns mit den Worten: "Hey guys, you are funny dressed!" begrüssen oder besser gesagt hämisch auslachen. Okay, gerade salonfähig sehen wir in unseren Coretex-Hosen und Jacken bestimmt nicht aus, dafür sind sie winddicht und geben warm. Und wenn ich mir die beiden Typen etwas genauer ansehe, bin ich mit meinem Outfit wirklich zufrieden, denn in ihren billigen, knallorangen Regenanzügen sehen sie aus wie zwei wandelnde Plastiksäcke. Wir lassen uns jedoch den Tag durch diese beiden "Heinis" nicht verderben und setzen unsere interessante Besichtigungstour weiter fort.
Was sind wir froh, dass wir heute Abend in einem richtigen Motelzimmer - mit winddichten Wänden - übernachten können. Tja, so ist es eben mit dem Motorradfahren. Einmal ist es wunderschön und angenehm und ein andermal ekelhaft und "furchtbar gruusig", aber schlussendlich kann ich nur sagen, dass sich die ganze stürmische Fahrt trotz alledem gelohnt hat und ich keine Minute davon missen möchte!