Zwei Spuren im Schnee ...
23. April 2000. Das Hinweisschild an der Kreuzung in Panguitch auf welchem da steht: CEDAR BREAKS N.M. GESCHLOSSEN, macht uns etwas Kopfzerbrechen, denn genau da wollen wir heute hin. Egal wieviele Leute wir auch fragen, wir bekommen immer wieder die selbe negative Antwort: "Yes, it's still closed." Ich schaue schon etwas ungläubig aus der Wäsche, als mir die Bewohner des kleinen Städtchen Panguitch in Süd-Utah dazu die Erklärung abgeben: "Da oben liegt einfach noch zuviel Schnee." Na ja, wir sind zwar gestern im Bryce Canyon N.P. auch noch auf Schnee gestossen, doch irgendwie kann ich es einfach nicht recht glauben.
"Komm, lass es uns trotzdem versuchen", animiere ich Marco, "diese Amis haben wohl einfach Schiss, weil zwei Schneeflöcklein auf der Strasse liegen, da hoch zu fahren." Die Sonne lacht in voller Pracht vom Himmel und fordert uns regelrecht zu unserem Vorhaben auf.
Wir hopsen auf unseren Töff und fahren los Richtung Cedar Breaks N.M. "Vielleicht haben sie wegen des Osterwochenend-Stresses einfach vergessen, das CLOSED-Schild abzumontieren?!" meint Marco, als wir am Wegweiser vorbeifahren. "Na klar, so wird es sein", stimme ich ihm freudig zu und jetzt sind bei uns beiden jegliche Zweifel verflogen. Wir sind sicher, dass das National Monument offen ist.
In langgezogenen Kurven bringt uns die Strassse fast unmerklich immer höher hinauf Richtung Cedar Breaks N.M. Vorbei am idyllischen Panguitch Lake - mit den viel zu grossen Wochenendhäusern - und entlang dem pechschwarzen Brian Head Lava-Feld, welches sich vor tausenden von Jahren über diese Gegend ergossen hat tuckern wir den Berg hinauf. Wir geniessen die herrliche Fahrt auf der kaum befahrenen Strasse und sind uns absolut sicher, dass wir uns richtig entschieden haben, als plötzlich - "ups!" - hinter der nächsten Kurve ein paar unübersehbare Schneefelder auf der Wiese liegen.
"Don't worry!" beruhige ich Marco, "die Strasse ist bestimmt schneefrei." Mein "Stierengrind" will einfach nicht wahrhaben, dass da oben tatsächlich noch soviel Schnee liegt, dass wir mit unserem Töff nicht durchkommen. Doch mit jeder Meile wird es kühler und die Schneefelder nehmen Dimensionen an, die für uns Töff-Freaks schon fast unakzeptabel sind. Die Strasse ist jedoch noch immer schneefrei und trocken, doch uns trennen noch einige Meilen bzw. Höhenmeter bis zum Parkeingang des Cedar Breaks N.M. Mit der Grösse der Schneefelder wächst auch unsere Unruhe und es wird auf einmal gespenstisch ruhig auf unserem Töff. Wir wissen ganz genau was die wachsenden Schneefelder bedeuten können: UMKEHREN!
Es dauert nicht lange und wir sind nur noch von Schnee umgeben und obwohl das freie Asphaltband immer schmaler wird, sind wir noch nicht bereit zum Aufgeben. Schon können wir den Richtungsanzeiger der Abzweigung zum Cedar Breaks N.M. sehen. Siegessicher stellt Marco den Blinker und ich juble verwegen: "Hey, ich has doch gwüsst ...", als wir - "oh, oh!" - plötzlich vor einer riesigen Schneemauer stehen und eine Weiterfahrt völlig undiskutabel ist. "Tja, was nun?" fragen wir uns, steigen entäuscht vom Töff und schauen ungläubig auf die unüberwindbare Schneebarriere. Da das Anlegen von Schneeketten nicht unbedingt auf unserem Reiseprogramm steht und bei unserer Goldwing auch etwas schwierig sein dürfte meint Marco: "Mir händ jetzt zwei Möglichkeite: 1. Mer kehred um, 2. Mer fahred über Brian Head is Tal abe und dänn uf dä Interstate 15 wiiter". Wir schauen einander nur an und wissen genau: 'Seewer's und umkehren? No way!' Also entscheiden wir uns zur Weiterfahrt, doch nicht, bevor wir einen Blick auf den Canyonrand des verschneiten Cedar Breaks N.M. mit seinen rotglühenden Felstürmen und den weissen Schneekappen geworfen haben. Wie zwei Yetis stapfen wir durch den gut knöcheltiefen Schnee zum Aussichtspunkt und ich kann es mir natürlich nicht verkneifen, Marco in eine Schneeballschlacht zu verwickeln. Wie zwei kleine Kinder toben wir im Schnee herum und die Enttäuschung über das geschlossene Cedar Breaks N.M. ist schon bald vergessen.
Durch die zauberhaft verschneite Winterlandschaft fahren wir am Fusse des Brian Head Peaks nordwärts, als wir am Dorfeingang von einem freundlichen Schild: 'WELCOME IN BRIAN HEAD SKI-AREA' begrüsst werden und sich vor uns ein traumhaft schönes Ski-Gebiet auftut.
"Hey, wie wär's mit Skikfahren?" fragt mich Marco über die Gegensprechanlage, als wir gerade mit sehnsüchtigen Blicken am prächtigen Skihang vorbeituckern. "Sounds great. Let's go skiing!" rufe ich ihm begeistert zu und ehe wir uns versehen, stehen wir im Sportgeschäft um uns Skischuhe, Skistöcke und natürlich Skis zu mieten. Ansonsten haben wir alles dabei, was man zum Skifahren braucht. Mit unseren Coretex-Töffkleidern (Jacken, Hosen und Handschuhen) sind wir optimal ausgerüstet. Lachend muss ich an diese Quatschköpfe denken, die uns vor ein paar Tagen wegen unserer "funny" Töffkleider ausgelacht haben. Nimmt mich Wunder, ob die in ihren "Plastiksack-Anzügen" wohl auch so schnell und komfortabel Skifahren gehen können?
Skifahren in den USA ist schon immer unser Traum gewesen und jetzt scheint dieser Traum tatsächlich Wirklichkeit zu werden. Aber direkt vom Töff abzusteigen und 15 Minuten später auf den Skis zu stehen, ist nun doch schon etwas verrückt. Aber was soll's, so sind sie eben die Seewer's: "Just a little bit crazy!"
Noch einmal schnell für "kleine Jungs und Mädchen" und schon geht's los mit dem 3-plätzigen Sessellift hinauf zum 11'307 feet (3'445 m.ü.M.) hohen Brian Head Peak. Ich kann es noch immer nicht glauben und werfe noch einmal einen Blick zurück zur Talstation wo zwischen all den dicken Pickups unser "Little Snowflake"-Goldwing steht und in der wärmenden Frühlingssonne geduldig darauf wartet, bis wir vom Skifahren zurückkommen.
In schüssiger Fahrt geht's auf den fast menschenleeren Pisten talwärts und entlockt uns einen urchigen Schwiizer Juchzer: "Yuhuuuuuuuu!" Die Pisten sind phantastisch, das Wetter einfach traumhaft und der Schnee trotz der herrlich warmen Temperaturen hervorragend. Nicht um sonst heisst der Slogan auf Utah's Autonummern: 'The greatest snow on earth!' Und so ist es wirklich. Der Schnee ist viel trockener als bei uns in der Schweiz und bleibt so viel länger pulvrig und leicht.
Wir geniessen dieses Erlebnis in vollen Zügen und teilen uns die 4 Sessellifte und ca. 15 Skipisten mit etwa 100 anderen Skifahrern. Etwa die Hälfte davon sind Snöber, welche sich zum grössten Teil in der Halfpipe tummeln und so herrschen für uns konventionelle Skifahrer absolut traumhafte Verhältnisse auf den Pisten und an den Skilifts. Absolut kein Gerangel. Einfach kurz vor dem Skilift eine Vollbremsung reissen, durch's Gate schlurfen und sich auf den nächsten, daher surrenden Sessel setzen. That's it! Oder eben auch nicht.
Was bei der ersten Bergfahrt noch absolut problemlos ging, erweist sich jetzt bei der zweiten Fahrt zu einem echten Problem. Irgendwie habe ich realisiert, dass die Sessellifte keine Sicherheitsbügel haben, die man während der Fahrt schliessen kann und wo man unten so "gäbig" seine Füsse abstellen kann. Kurzum: die Sessel sind völlig untypisch für den amerikanischen Sicherheitsfimmel und "not for your safety".
Während ich da also so in Position stehe und in Gedanken versunken auf den daher ratternden Sessel warte, puscht mich das Ding von hinten ans Füdli und ich weiss, dass es jetzt Zeit zum Hinsetzen ist. Doch etwas klappt nicht so wie es sollte. Irgendwie rutsche ich mit einem Füdlibagge wieder vom Sitz und Marco kann mich im letzten Moment mit einem rettenden Griff noch festhalten. Uff, alles noch mal gut gegangen und so baumeln wir bergauf zu unserer nächsten wilden Abfahrt.
Wie zwei Pistenrowdies fetzen wir ins Tal und lassen in der Talstation den Schnee in riesigen weissen Wolken aufstieben. What's a feeling! Nur gut, dass es so wenig Leute auf der Piste hat, denn sonst würde man uns bestimmt wegen "Speeding" auf der Skipiste noch ein Ticket verpassen.
Schon steht die nächste Sesselliftfahrt an und ich nehme mir vor, diesmal besser aufzupassen, bevor ich meinen Allerwertesten auf dem Sitz plaziere. Voll konzentriert stelle ich mich rechts neben Marco hin und warte darauf, bis ich den vertrauten Stups am Füdli spüre um mich auf den Sessel plumpsen zu lassen. Doch da, was ist nun schon wieder los? "Oh nein!" Irgendwie schaffe ich es diesmal, dass sich meine Skis in Marco's Skis verfangen und ich drohe, kopfüber vom Sessel zu fallen. Marco hält mich im letzten Moment mit einem kräftigen Griff an der Jacke fest und mit vereinten Kräften schaffen wir es - während wir schon einige Meter über dem Boden schweben - unseren Skisalat zu entwirren und mich in eine sicher Position auf den Sessel zurückzubugsieren. Uns beiden jagt ein Adrenalinstoss durch die Adern und ich komme mir wie der grösste Idiot vor. Mensch, es ist nun wirklich nicht das erste Mal, dass ich mit einem Skisessellift fahre und obwohl ich morgen ein Jahr älter werde, fühle ich mich eigentlich noch nicht zu alt um Sessellift zu fahren!
"Are you okay?" ruft uns der Liftboy hinterher, als ich schon wieder sicher auf dem Sessel sitze und wir wundern uns darüber, dass diesem Einfaltspinsel nicht in den Sinn gekommen ist, bei meiner zirkusreifen Trapezaktion, den Lift abzustellen. Aber was soll's: "es isch ja eh nix passiert!"
Völlig unkontrolliert baumeln meine Beine in der Luft, da es auf diesen doofen Sesseln eben keine Fussstützen gibt, auf denen man während der Fahrt seine Beine abstellen kann. Immer schwerer wird die Last der Skis und Skischuhe an meinen Füssen und als wir endlich oben ankommen, fühlen sich meine Beine wie zwei eiserne Klumpfüsse an. "Na toll!" Jetzt muss ich mich erst ein Weilchen ausruhen, bevor wir die nächste Abfahrt in Angriff nehmen können. Aber dann geht's in neuer Frische talwärts und nichts und niemand kann uns auf unserer wilden Fahrt mehr bremsen.
Stundenlang ziehen wir zwei Schneehasen unsere Spuren durch den Schnee und geniessen das traumhafte Ostersonntag-Wetter. "Yeah!" Wir schaffen es sogar, das Sessellift-Problem in den Griff zu bekommen, indem wir ganz einfach bei der nächsten Fahrt die Plätze tauschen. That's it!
Als Oster-Attraktion rast Easter-Bunny (Osterhase) auf dem Snowboard den Skihang hinunter und am Schluss in vollem Garacho über einen mit Wasser gefüllten Pool. Nur gut - oder schade - dass er nicht umplumpst. Das wäre ein riesiger Lacher für uns Zuschauer gewesen. Als Höhepunkt rasen auch noch zwei verwegene Snöber im Huckepack den Hang hinunter und gleiten ebenfalls ohne umzufallen über's Wasser. Ich weiss nicht, wie man das ganze Spektakel nennt - vielleicht Wasser-Ski-Huckepack-Snöben - eigentlich egal, uns hat es auf jedenfalls sehr gut gefallen.
Am späten Nachmittag bringen wir unsere Skiausrüstung zurück und verwandeln uns in ein paar wenigen Minuten wieder zu waschechten Motorradfahrern. Einzig meine von der Sonne verbrannte Nase und Kopfhaut erinnern an den phantastischen Skitag auf dem Brian Head Peak.
Wie wir am Abend erfahren, war heute der letzte Tag der Skisaison. Was für ein Glück und für ein tolles Geschenk für meinen morgigen Geburtstag!