Route Canyons Land
Gesamtreisezeit: 28 Tage (4. April - 10. Mai 2000)
Gesamtstrecke: 6'056 km (3'785 miles)
Route:
"Kingman / Hualapai S.P." - Hackberry - "X-One-Ranch" "Route 66" - Williams - "Grand Canyon Train" "Grand Canyon" - Williams - "Sunset Crater Volcano N.M." "Wupatki N.M." "Oak Creek Canyon" - Sedona - "Red Rock S.P." "Jerome Staate Historic Park" - Wickenburg - Glendale / Phoenix - "Scottsdale" - Glendale / Phoenix - "Old West Highway" - Safford - "Copper Mine" "Coronado Trail (Hwy 191)" - Show Low - "Petrified Forest N.P." - Holbrook - "Canyon de Chelly N.M." - Chinle - "Monument Valley Navajo Tribal Park" "Mexican Hat" - Bluff - "Goosenecks S.P." "Scenic Highway 261" "Natural Bridges N.M." "Glen Canyon N.R.A." "Bicentennial Highway 95" "Goblin Valley S.P." "Capitol Reef N.P." - Torrey - "Dixi N.F." "Bryce Canyon N.P." "Red Canyon S.P." - Panguitch - "Cedar Breaks N.M." "Brian Head Ski Area" - Cedar City - Kanab - "Glen Canyon Dam" "Antelope Canyon" - Page - "Marble Canyon" "Cliff Dwellers Rocks" - Kanab - "Zion N.P." - Mesquite - "Valley of Fire S.P." "Hoover Dam" - Hackberry - "X-One-Ranch" "Route 66" - Kingman - "Motorcycle Weekend / Laughlin" - Kingman - Holbrook - Albuquerque - Santa Fe - "Pecos Ruins" - Storrie Lake S.P./Las Vegas - Taos - "St. Francis of Assisi Mission" "Martinez Hacienda" - Chama
In Hackberry haben wir die Möglichkeit, unseren Camper - "little Sunshine" - für ein paar Wochen bei Freunden auf der Ranch abzustellen um von da aus die Staaten Arizona und Utah mit dem Töff zu bereisen.
Nach einer kurzen Umpackorgie - nur ein paar wenige Dinge kommen mit auf unsere Töfftour - fahren wir mit Cowboy Chuck zu einer riesigen Weide um die Pferde zu füttern. Wir erfahren von ihm so einiges über das Land und die Tiere und er kennt diese Gegend wie seine eigene Hosentasche. Als Chuck ein paarmal kräftig auf die Autohupe drückt, kommen aus allen Himmelsrichtungen ein paar Pferde angetrabt. Sie wissen ganz genau, dass Chuck hier ist um ihnen frisches Heu zu bringen und schon bald sind wir umgeben von drei Stuten mit ihren erst ein paar Tage alten Fohlen. Drei weitere trächtige Stuten gesellen sich nach einer Weile dazu, welche in den nächsten Tagen hier draussen in der Wildnis ihren Nachwuchs zur Welt bringen werden. Für uns als Laien ist es schwer zu erkennen, welche der Fohlen männlichen und welche weiblichen Geschlechtes sind und während wir beide noch rätseln, kommt Chuck zum Schluss, dass eines der Fohlen ein "Pimpeli" hat und somit ein Männchen ist.
Es fällt uns schwer, nach nur einer Nacht Ranch-Aufenthalt und einem saftigen Steak-Dinner von Beatrice und Chuck Abschied zu nehmen, doch die bevorstehenden Erlebnisse treiben uns regelrecht vorwärts.
Auf der legendären Route 66 fahren wir ostwärts und ich werde inspiriert vom Song: "Now you go to St. Louis, Joplin Missouri, Oklahoma City is mighty pretty. See Amarillo, Gullup New Mexico ... Get your kicks, on Route 66". Ich singe, was der Gegenwind hält. Marco bekommt den vollen Sound über's Helmmikrophone ab, doch über meine gesanglichen Qualitäten schweigt er sich diplomatisch aus. Entlang der Bahnlinie, auf der die kilometerlangen Züge mit der berühmten Aufschrift "Santa Fe Railroad" dahinrollen, nähern wir uns genauso gemächlich wie die Eisenbahn unserem nächsten Ziel - Williams.
"Lass uns mal kurz zur Railway-Station fahren, ich will da ein paar Fotos schiessen", schlägt Marco vor. Doch beim Fotografieren alleine sollte es nicht bleiben. Am Ticketschalter kaufen wir uns kurz entschlossen zwei Fahrkarten für die morgig Fahrt mit der Grand-Canyon-Railroad zum Grand Canyon, dem "grössten Loch der Welt". Nicht ohne Grund gilt der Grand Canyon als die Nummer Eins unter den Nationalparks. Ob zu Fuss, per Maultier oder Schlauchboot: zu jeder Tages- und Jahreszeit sind die Ausmasse dieser bis zu 1700 Meter tiefen und 450 Kilometer langen Mega-Schlucht des Colorado Rivers schlicht überwältigend.
Diesmal werden wir die gigantische Risswunde der Erdkruste aber einmal von Williams aus mit dem Zug anfahren und ich bin überzeugt, dass dies ein besonderes Erlebnis werden wird. Frühmorgens schrillt der Wecker und im Hiking-Outfit geht's zur Train-Station, wo wir gleich zu einer packenden Wildwest-Show eingeladen werden. Ein paar wilde Pistolenhelden streiten sich da vor der Saloon-Kulisse um irgendeine Bagatelle und wie es sich für eine richtige Wildwest-Szene gehört, wird der Bösewicht am Ende "kalt gemacht!"
In der Zwischenzeit ist höchste Eisenbahn zum Einsteigen und in einer gemütlichen Fahrt - begleitet von Cowboy-Songs und Gitarrenklängen - geht es hinauf zum Südrand des Canyons. Für Besucher des amerikanischen Südwestens zählt der Grand Canyon N.P. zum absoluten Muss und obwohl dies bereits unser dritter Trip hierhin ist, sind wir auch diesmal wieder völlig fasziniert. Völlig knuffi von den vielen Eindrücken und dem Hikingtrail lassen wir uns am Abend in die Sitze plumpsen und fahren zurück Richtung Williams. Als wir gerade so gemütlich unseren Tag Revue passieren lassen, ertönen von draussen laute Schüsse. Maskierte Banditen stoppen den Zug und es gibt einen richtigen Wildwest-Zugsüberfall. Action ist angesagt, als ein Teil der Bande in den Zug einsteigt und uns Passagieren mit ihren "Chäpsli-Pistolen" Angst einjagen wollen. Aber gottseidank fährt ihm Zug auch der Sheriff mit uns so nimmt der Überfall bald ein gutes Ende.
Über das Sunset Crater Volcano N.M. und die imposanten Wupakti Ruinen geht unsere Fahrt weiter nach Sedona und von da über den Red Rock S.P. hinunter nach Wickenburg. Die Strasse führt uns kurz nach Sedona in einer traumhaft schönen Bergstrecke hinauf zum historischen Ort Jerome und dann in langgezogenen Kurvenkombinationen hinunter nach Wickenburg.
Wickenburg's Charme bringt uns zurück in die guten alten Zeiten der Westernhelden. Dort wo einst Wyatt Earp und Doc Holiday gegen die Clanton-Brüder kämpften, parken wir unser Motorrad direkt vor dem Saloon, genau dort, wo vor 'zig Jahren das Pferd des Sheriffs gestanden hatt. Kein Zweifel, wir sind mitten im Wilden Westen.
Die stetig steigenden Temperaturen erinnern uns daran, dass wir uns auf der Fahrt nach Phoenix befinden. Die Hitze zwingt uns zu häufigen Pausen, in denen wir viel Flüssigkeit zu uns nehmen um uns vor einem Verdurstungstod zu schützen. Wir sind froh, als wir endlich bei unseren Verwandten in Glendale/Phoenix ankommen und wir mit einer eisgekühlten Cola herzlichst begrüsst werden.
Wir geniessen das gemütliche Familienleben und tollen mit den herzigen Kindern im Garten herum. Aus ursprünglich ein bis zwei Nächten wird schliesslich eine ganze Woche, die wir hier verbringen dürfen und bei unserem Abschied kullern ein paar dicke Abschiedstränen.
Vor den etwas höheren Temperaturen hat man uns ja schon im voraus gewarnt, aber dass die Hitze dermassen ausufern kann, hätten wir uns dann doch nicht träumen lassen. Hier im Südwesten der USA macht das "Valley of the Sun" seinem Namen wirklich alle Ehre. Phoenix, die riesige Stadt im Herzen Arizonas ist nämlich in einer Art Kessel gelegen, der von Gebirgszügen umgeben ist. Demnach kann sich da die Hitze auch entsprechend permanent stauen, so dass es den Einheimischen praktisch unmöglich ist, ohne die technische Errungenschaft einer Klimaanlage auszukommen. Sie fahren sogar mit Kühlboxen im Auto zum Einkaufen, da sonst bei diesen extremen Temperaturen die Lebensmittel sofort verderben würden.
Wir haben es in dieser Beziehung mit unserem Freiluftvehikel leider nicht so gut wie die amerikansichen Autofahrer in ihren klimatisch "tiefgekühlten" Blechbüchsen. Dank solch brutaler Temperaturen, die dafür sorgen, dass uns ständig die dicken Schweissperlen unter dem Helm herunterrinnen, beschliessen wir, uns so schnell wie möglich in höhere Gefilde abzusetzen. Kaum zwei Stunden ausserhalb der Stadt steigt das Gelände nämlich beträchtlich an und macht die Wärme recht erträglich.
Wir befinden uns auf dem Old West Highway 70 Richtung Safford und Marco philosophiert darüber, ob Billy the Kid den Pferdesattel wohl gegen die Sitzbank unserer Goldwing getauscht hätte? Hier zogen sie also durch mit Sack und Pack und ihren Planwagen. Man muss sich diese Pioniere einmal vorstellen, die sich da mit unendlicher Langsamkeit, aber zäher Zielstrebigkeit und unerbittlicher Präzision vorwärts bewegten. Das Leben damals muss unermesslich hart und primitiv gewesen sein, dagegen ist unsere Fahrt ein regelrechtes Zucker schlecken.
Wir entscheiden uns an diesem herrlichen Morgen für die Route über den Apache-Sitgreaves N.F. Wie zwei alte, erfahrene Indianer finden wir die Abzweigung zum Highway 191. Durch das Land der Apachen cruisen wir auf unserer Goldwing über den Coronado-Trail. Dieser kaum befahrene Traum-Highway windet sich in herrlichen Serpentinen und Kurvenkombinationen von Clifton aus hinauf zum Middle Mountain.
Von hoch oben geniessen wir die umwerfende Aussicht über die Täler und bewaldeten Hügel hinweg und sind wieder einmal froh, dass wir ein Zweirad mit Motor unter dem "Allerwertesten" haben, denn die Strecke bietet wirklich Motorradfahren pur und lässt uns Töffenthusiasten in den höchsten Tönen frohlocken. Eine Naturverbundenheit, die sich hier oben ganz unvergesslich in die Erinnerungen einbrennt, wenn man gemeinsam auf dem Töff spürt, dem Himmel ganz nahe zu sein. Wir erleben diese Landschaft in seiner ganzen Abgeschiedenheit, fernab von Fast-Food-Angeboten, Fuji-Quick-Snap-Touristen und Busladungen voller Schnellbesucher, die nach dem Motto reisen: "20 Naturwunder in drei Tagen".
Völlig hin und her gerüttelt schlafen wir an diesem Abend ein. Ob es wohl an der kurvenreichen Fahrt von heute oder dem starken Wind liegt, der uns kurz vor Show Low empfängt? Wir finden es nicht heraus und so geben wir uns dem wiegenden Gefühl hin und schlafen tief und fest weiter.
Leider wird der Traum vom herrlich wiegenden Wind heute morgen zum regelrechten Alptraum. In spektakulärer Schräglage "flattern" wir auf unserer Goldwing dem Petrified Forest N.P. entgegen, wo wir uns im Schutz des Painted Deserts die jahrmillionen alten, versteinerten Bäume ansehen und die schon etwas veralterten Nachrichten vom Newspaper Rock ablesen (siehe Der Südwesten / Der Wind, der Wind ...)
Mächtige Kandelaber-Kakteen wechseln sich hier in Arizona ab mit herrlichen Ponderosa-Pinienwäldern, moderne Städte mit unberührten Naturreservaten und neben den Klapperschlangen und Skorpionen hat die Wüste nicht nur Hitze und Sand zu bieten, sondern auch einige spektakuläre Erscheinungen wie beispielsweise den Canyon de Chelly. In der Nordost-Region von Arizona macht sich die Nähe der Navajo-Indianer bemerkbar, denen das grösste zusammenhängende Indianer-Reservat der USA gehört. Es erstreckt sich über das weiträumige Hochland des Colorado Plateaus in Arizona und beherbergt das monumentale Canyon de Chelly N.M. mit den bemerkenswerten Pueblo-Ruinen unter den gigantischen Felsvorsprüngen.
Wir nehmen den Hwy 191 weiter in nördlicher Richtung und passieren kurz nach Kayenta die Grenze zum Bundesstaat Utah. Wie aus dem Nichts erhebt sich mit einem Mal ein scharfkantiger, riesiger Berg über die topfebene Wüstenlandschaft. Ein Blick in die Karte verrät uns, dass es sich dabei um einen der ersten imposanten Türme des Monument Valleys handelt. Das Tal der Täler, ein déja-vu aus unzähligen Westernfilmen und Zigarattenreklamen. Das Monument-Valley spielt die Hauptrolle in vielen klassischen Western, doch die Wirklichkeit ist noch bei weitem beeindruckender als das, was wir aus Filmen und Werbespots kennen. Nach einem Abstecher zu diesen überdimensionalen Felsmonumenten fahren wir vorbei am spektakulär balancierenden Mexican Hat bis nach Bluff, wo wir uns den roten Staub des Tages von der Haut waschen.
Die heutige Tagesetappe verspricht einige Highlights. Kurz nach unserer Abfahrt wartet mit dem Goosenecks S.P. schon das erste Phänomen auf uns. Vom Overlook aus hat man einen tollen Überblick über den San Juan River, der in drei Windungen eine Strecke von ca. 10 Kilometern zurücklegt, während er in Luftlinie gemessen höchstens eine Distanz von einem Kilometer überwindet. Ein Schild weist uns auf der Weiterfahrt darauf hin, dass sich ein paar Meilen vor uns eine "unpaved Road" befindet. Nichtsdestotrotz wagen wir uns weiter auf dem Hwy 261 und sind nicht überrascht, als sich urplötzlich die geteerte Strasse zu einer staubig-steinigen Rubbelpiste verwandelt, von der wir auf unserem Töff ganz schön durchgeschüttelt werden. Uns jagt ein Adrenalinstoss nach dem anderen kräftig den Schweiss aus den Poren, als wir diese halsbrecherische Passstrasse überwinden und uns entlang des Abgrundes immer höher hinauf auf das Plateau tasten. Nicht selten gähnt neben der Fahrspur der metertiefe Abgrund. Trotzdem, das ist ultimativer Fahrspass mit der gewissen Prise Nervenkitzel und wir werden für die Strapazen, die wir uns und unserem Bike zumuten, mit einer atemberaubenden Szenerie über die San Juan River Ebene belohnt
Und schon steht mit dem Natural Bridges N.M. das nächste Naturwunder an. Auf dem "one-way-Loop" tuckern wir durch den Park und schauen uns die imposanten Sandsteinbrücken an, welche der River hier in tausenden von Jahren geschaffen hat. Mit etwas Wehmut müssen wir daran denken, dass auch diese Brücken irgendwann einmal der Erosion vollends zum Opfer fallen werden. Lange bleibt uns aber nicht Zeit darüber nachzudenken, denn wir haben für heute noch einiges auf dem Programm. Auf dem Bicentennial Hwy fahren wir weiter nordwärts und überqueren dabei den Colorado River, der sich in der Glen Canyon National Recreation Area zum Lake Powell aufstaut. An der Kreuzung Hwy 95 und 24 entscheiden wir uns schliesslich, einen Abstecher zum Goblin Valley S.P. zu machen.
Skurrile, kugelrunde Gesteinsformationen stehen wie von Riesenhänden arrangiert in der Gegend herum und erinnern uns mit ihren lustigen, bauchigen Formen an kleine Kobolde. Zusammen mit hunderten von Touristen und vor allem Kindern kraxeln wir auf den Felsformationen herum, bevor wir diesen brütenden Hexenkessel wieder verlassen. Doch haben die landschaftlichen Höhepunkte damit noch längst keine Ende. Durch die Caineville Mesa mit den Painted Hills fahren wir westwärts dem Capitol Reef N.P. entgegen.
Traumhafte Aussichten und farbenfrohe Felsmassive, kristallklare Bergbäche, abenteuerliche Wanderpfade mit intakter Flora und Fauna sind die Attribute für diesen wunderschönen Nationalpark. Die schroffen Felsen des Capitol Reef N.P. leuchten jetzt in den Abendstunden besonders kräftig. Hinter jeder Kurve lauern Fotomotive in Hülle und Fülle. Wir kommen nicht umhin, alle zwei Minuten zu einem Fotostopp anzuhalten. Umgeben von dieser herrlichen und abwechslungsreichen Umgebung vergessen wir ganz die Zeit und bemerken erst spät, dass wir uns so langsam aber sicher auf den Weg machen und uns nach unserem Nachtlager umsehen müssen. Bevor wir in die Abenddämmerung hineintuckern, verabschiedet sich der Tag mit einem traumhaft schönen Bilderbuch-Sonnenuntergang. Es war ein langer, ereignisreicher Tag und obwohl wir das Zimmer vorreserviert haben - was für uns eigentlich völlig untypisch ist - können wir erst nach 20 Uhr todmüde in unsere weichen Betten sinken. "Sleep well!"
Die Temperaturen sind über Nacht empfindlich gefallen und ein eisig kalter Wind blässt uns um die Ohren, als wir unser bisschen Gepäck im Töff verstauen. Dicke graue Regenwolken hängen am Himmel und drohen uns mit Regen-, ja evtl. sogar mit Schneeschauern. Es ist saukalt, doch unser positives Denken erinnert daran, dass sich damit unser Gepäck erheblich reduziert, da wir jetzt den grössten Teil unserer Kleider am Körper tragen. Trotz der Kälte schwingen wir uns auf unser Bike und freuen uns auf die heutige Fahrt über den zauberhaften Dixi National Forest.
Unzählige Streifenhörnchen nutzen die üppige Vegetation von Sagebrush- und Juniperbüschen am Strassenrand, um sich vor diesen fremdartigen Wesen auf ihrem blütenweissen Gefährt in Sicherheit zu bringen. Unsere Kontakte mit der hiesigen Tierwelt werden leider auch vertieft durch massenweise totgefahrene Kanichen. So possierlich diese fröhlich hoppelnden Tierchen mit ihren langen Ohren und dem Stummelschwänzchen auch sind, so gefährlich können sie für uns Motorradfahrer werden, wenn sie unvermittelt, allen Verkehrsregeln zum Trotz, aus dem Dickicht hervor über die Strasse springen.
Petrus scheint ein Motorradfahrer gewesen zu sein oder hat mindestens ein grosses Herz für uns arme Töff-Freaks, denn je näher wir dem Bryce Canyon N.P. kommen, um so schöner wird das Wetter. Der Bryce Canyon N.P. verschlägt uns mit seinen aussergewöhnlichen, rotglühenden Nadelfelsen auch dieses Mal wieder förmlich die Sprache. Eine Landschaft, die wirkt, als sei sie nicht von dieser Welt. Der Mensch fühlt sich in ihr ganz klein und lernt zu staunen.
In Reih und Glied stehen die Felsen im halbrunden Canyon und sehen jetzt mit den weissen Schneehauben auf den Spitzen ganz besonders faszinierend aus. Der Bryce Canyon N.P. wirkt auf mich wie ein Magnet. Man sitzt stundenlang da und lässt diese unglaubliche, grandiose Landschaft auf sich wirken. "Schau dir das doch bloss mal an", sage ich zu Marco und schwenke meinen ausgestreckten Arm über die Türme des Inspiration Points. Diese Gegend hat etwas Spirituelles, etwas Mystisches an sich - man kommt sich vor wie auf einem anderen Planeten. Tja, aber all dies ist Teil unseres Planeten und wir dürfen mittendrin sein.
Für kurze Zeit können wir wieder mit den Augen eines Kindes sehen und wie ein Kind über diese Wunderwelt staunen. Für wenige Augenblicke wird uns bewusst, dass nichts als selbstverständlich hingenommen werden darf, denn wenn "dieser Ring aus Stein" ein Wunder ist, dann ist alles, was ihn geformt hat, auch ein Wunder, und unsere Reise hier auf Erden das seltsamste und kühnste aller Abenteuer.
Durch den Red Canyon State Park mit seinen tiefroten Felsformationen fahren wir nach Panguitch, welches sich als heutiges Etappenziel hervorragend anbietet, da es zwischen dem Bryce Canyon N.P. und unserem morgigen Highlight, dem Cedar Breaks N.M. liegt. Wir ignorieren am Morgen das Hinsweisschild am Ortsausgang in Panguitch auf dem da steht: Cedar Breaks N.M. Closed und erleben nach ein paar Meilen unser "weisses" Wunder (siehe Der Südwesten / Zwei Spuren im Schnee ...).
Nach diesem erlebnisreichen Ostersonntag geht's wieder südwärts und über die Glen Canyon Brücke nach Page. Wir befinden uns wieder in Arizona und somit mitten im Navajo Indian Reservation. In einer Rüttel-Schüttel-Fahrt lassen wir uns von zwei Navajo-Indian-Squaws - zusammen mit zwei deutschen Touristinnen - zum Antelope Canyon fahren. Eine gute Stunde lang irren wir zwischen den engen, ausgewaschenen Canyon Felswänden umher und bewundern die farbenfrohen, bizarren Sandsteinformationen. Leider gibt es im Canyon immer wieder schlimme Unfälle, bei welchen plötzlich auftretende Springfluten die Besucher überraschen und einfach mitreissen. Bei unserem Besuch bleibt der Canyon jedoch knochentrocken und wir sind froh, dass wir auf unsere Canyon-Tour genügend Wasser mitgenommen haben, um uns ab und zu den Staub aus der Kehle zu spülen. In der Sprache der Navajos werden wir von den Squaws verabschiedet und fahren weiter über den Marble Canyon unserem nächsten Ziel, dem Zion N.P. im Bundesstaat Utah entgegen.
Schon die ersten Siedler - Mormonen - waren derart beeindruckt von der Landschaft, dass sie die einzelnen Attraktionen und später den ganzen Park mit biblischen Namen versahen. Wer vom "East Entrance" in den Park einfährt, dem stellt sich rotes Gestein unterschiedlicher Formationen in den Weg, ja sogar die Strasse ist mit einem roten Belag belegt. Die "Checkerboard-Mesa", das gigantische 3D-Schachbrett für Mutter Natur, ist nur ein Höhepunkt unter vielen. Durch einen langen Tunnel geht es dann hinab in den Zion Canyon. Three Patriarchs, Angels Landing und The Great White Throne versperren der Sonne leider schon früh den Zutritt in das immer enger werdende Felsengewirr. Schliesslich geht es nur noch zu Fuss weiter. Ein paar verwegene Bergsteiger versuchen sich im Bezwingen der fast senkrecht aufregenden Felswand des Mountain of the Sun. Wir dagegen begnügen uns mit einer kurzen, sicheren Wanderung entlang des Virgin River, der für die tiefen Einschnitte in die Erdoberfläche hier verantwortlich zeichnet. Dass der Zion N.P. ein äusserst beliebter Nationalpark ist, merken wir an den vielen Touristen, die sich hier an einem stinknormal Mittwoch tummeln. Für unseren Geschmack sind dies ein bisschen viele Leute und so entscheiden wir uns nach ein paar Stunden zur Weiterfahrt.
Nach einem erfrischenden Bad im überdimensional grossen Swimmingpool des Casino-Motels in Mesquite/Nevada, lassen wir den Abend am "all-you-can-eat-Buffet" ausklingen, welches weit mehr als nur Burgers and French Fries zu bieten hat. Vergebens versuchen wir an diesem Abend in Las Vegas ein Zimmer für die nächste Nacht zu reservieren. Alle grossen Casino-Motels in Las Vegas sind für morgen ausgebucht und was das bedeutet, weiss nur, wer schon einmal in Las Vegas war und die riesigen Fantasy-Motels gesehen hat. Das MGM-Grand-Motel alleine hat schon mehr als 5'000 Zimmer! Wir jedenfalls haben diesmal keine Lust, uns mit den 'zig tausend Touristen im Schmelztiegel von Las Vegas zu tummeln. So ziehen wir es vor, einen Abstecher über's Valley of Fire - welches mit über 30 ° seinem Namen wieder einmal alle Ehre macht - zu machen und dann weiter Richtung Süden, nach Arizona zu fahren.
Über den Hoover Dam, dessen Kraftwerk den nahegelegenen Lustbarkeiten in Las Vegas die nötigen Kilowattstunden liefert, fahren oder besser gesagt stehen wir im Kilometer langen Stau der Staatsgrenze zu Arizona entgegen. Glühend heiss brennt die Sonne auf unsere Helme, und man muss schon wirklich ein Wüstenkind sein, um mit solch extremen Verhältnissen zurechtzukommen. So müssen auch wir ständig unsere Wasserreserven auffrischen, um nicht in dieser Einöde zu verdursten. In einem kleinen Western-Saloon, kurz nach dem Housholder Pass, machen wir eine ausgedehnte Pause und kommen da mit ein paar anderen Bikern ins Gespräch, die uns darauf aufmerksam machen, dass dieses Wochenende in Laughlin das grosse Biker-Weekend stattfindet. Hey, genau in diese Richtung sind wir unterwegs und wir sind uns sofort einig, dass wir dieses Spektakel auf keinen Fall verpassen wollen.
Über 50'000 Motorrad-Freaks geben sich hier alljährlich von Donnerstag bis Sonntag abend ein Stelldichein. Bereits in Kingman werden wir Töff-Fans von einem überdimensional grossen Neon-Schild mit der Aufschrift: "WELCOME BIKER, PLEASE DRIVE SAFETY!" begrüsst und wissen, dass wir hier willkommen sind. Bei herrlichstem Wetter, Benzingesprächen, Ausfahrten und Lifemusik geben auch wir uns dem Dröhnen der Motoren und der Benzin geschwängerten Luft hin und amüsieren uns über die verrückten Typen auf ihren donnernden Vehikeln. Vor den extravaganten Casino-Motels stehen schier endlose Reihen wuchtiger Motorräder inkl. ihrer noch wuchtigeren Besitzer und ein paar kessen, langbeinigen Schönheiten, die sich zum Teil sehr spärlich bekleidet auf den chromblitzenden Feuerstühlen in der prallen Sonne räkeln. Ein Augenschmaus für Marco und das bei diesem Traumwetter - ein echtes Erlebnis!
Und dann ist es schliesslich soweit. Nach 3 Wochen Töffreise - die für mich fast ein bisschen wie Ferien waren - holen wir in Hackberry unseren Camper ab und verlassen Arizona auf der Interstate 40 in östlicher Richtung. Das Kilometerfressen auf der I-40 ist nach dem Kurvenfahren der letzten Wochen langweilig und eintönig. Bei einem Tankstopp und Überprüfung des Luftdrucks erhält Marco die Quittung. Die Profiltiefe beider Pneus an unserer Goldwing sind nach dem wochenlangen Kurven fahren erschreckend zusammengeschrumpft und versichern uns, dass sie es nicht mehr allzulange machen werden. So fahren wir auf kürzestem Weg nach Albuquerque/New Mexico zum nächsten Honda-Dealer, um unserer Goldwing einen neuen Satz Reifen und uns je ein paar neue Cowboy-Boots zu verpassen. Neu bereift und mit einem riesigen Loch in der Reisekasse steuern wir unserem nächsten Etappenziel, dem Bandelier N.M. entgegen.
Ein fürchterlicher Waldbrand zwingt uns jedoch, unsere Reisepläne kurzfristig zu ändern (siehe Der Südwesten / New Mexico brennt!). Wir gehen auf Nummer Sicher und flüchten regelrecht in nordöstlicher Richtung nach Santa Fe, der heimlichen Hauptstadt des Wilden Westens. Santa Fe gehört sicherlich zu den schönsten Kleinstädten der USA, allein schon deshalb, weil sie so unamerikanisch ist. Neonreklamen und Werbetafeln sind hier verboten. Die Häuser, inkl. die Neubauten, sind aus rötlichem, ungebrannten Ziegeln, im Adobe-Baustil gebaut.
Als Alternative zu dem Bandelier N.M. machen wir einen Abstecher zu den Pecos Ruinen, dessen Visitor-Center alleine schon sehenswert ist. Durch den malerischen Santa Fe National Forest fahren wir nach Taos, wo wir von Carlo in seinem Villa-Fontana-Restaurant mit italienischen Köstlichkeiten verwöhnt werden und uns anschliessend mit ihm und Godie - einem urchigen, vor jahrzehnten ausgewanderten Glarner - bis spät abends köstlich amüsieren.
Nur noch eine Tages-Etappe trennt uns von der Staatsgrenze zu Colorado, wo wir kurz hinter Chama Abschied nehmen vom "Land der Verzauberung", wie sich New Mexico selbst nennt.
Wir nehmen somit auch Abschied vom Südwesten der USA und machen uns auf in das wilde Gebiet der Rocky Mountains.