Rasende Angelegenheiten


31. März - 4. April 2000. Seit wir hier im Joshua Tree N.P. angekommen sind blässt uns ein lästiger Wind um die Ohren und alles was wir nach draussen nehmen, fegt der Wind spätestens beim zweiten Anlauf auf und davon. In der Nacht rütteln so starke Windböen an unserem Camper, dass ich das Gefühl habe, als ob wir gleich beim nächsten Windstoss mit dem ganzen Grümpel davonfliegen.

Das Rütteln und Schütteln sowie das Klappern der Lüftungsklappe lassen mich einfach nicht schlafen. Immer wieder schaue ich besorgt nach draussen in die sternenklare, stürmische Nacht. Mit Schrecken stelle ich fest, dass der Wind auch ganz bedrohlich an unserem Töff rüttelt und aufgeregt versuche ich meinen "Siebenschläfer" wachzukriegen: "Hey Marco, ich glaube der Wind blässt gleich unseren Töff um!" "Ach quatsch!" kriege ich bloss zur Antwort. Dann dreht er sich zur Seite und schläft friedlich weiter. Mir jedoch lässt das Ganze einfach keine Ruhe und beim nächsten kräftigen Windstoss gebe ich meinen Bedenken nochmals lautstark Ausdruck. "Also jetzt hät's en würklich fast umblaset!" schlage ich Alarm. Wahrscheinlich nur damit ich endlich Ruhe gebe quält sich Marco schlaftrunken aus dem weichen Bett, steigt in die Turnschuhe und geht im Pijama bekleidet nach draussen um die 400 kg schwere Goldwing vom Zentral- auf den Seitenständer zu stellen und die Lüftungsklappe zu fixieren. "Na, bist du jetzt zufrieden?" fragt er mich brummig, schlüpft in sein warmes Bett zurück und schläft gleich darauf seelenruhig wieder ein. Ja, ich bin nun tatsächlich beruhigt und irgendwann im Morgengrauen siegt schliesslich auch bei mir die Müdigkeit und gönnt mir noch ein paar wenige Stunden Schlaf.

Als der Wind am Morgen noch in gleicher Stärke durch den Park fegt und es für mich Ultra-Leichtgewicht fast unmöglich ist nach draussen zu gehen, entscheiden wir uns zur Weiterfahrt Richtung Lake Havasu, in der Hoffnung, dass es dort ruhiger zu und her geht.

Die Fahrt vom Joshua Tree N.P. zum Lake Havasu ist ein regelrechter Kampf. Wegen des stürmischen Windes fährt Marco vor mir auf dem Töff in bedrohlicher Schräglage und ich versuche mit aller Kraft "Little Sunshine" auf der Fahrbahn zu halten, wenn uns wieder eine dieser hässlichen Windböen erfasst. "Uff, geschafft!" Wir sind beide sichtlich erleichtert, als wir in Earp einen tollen, fast windstillen Campground direkt am Colorado River finden. Doch: "Oh, Mann!" hier ist jetzt am Wochenende ganz schön was los.

Die verrückten Ami's kommen am Freitag abend mit ihren RV's und den High-Speedbooten im Schlepptau mit Frau, Kind und Hund angereist und fräsen dann das ganze Wochenende den River auf und ab. "Na toll! Also ist wieder nichts mit Ruhe finden", jammere ich Marco die Ohren voll. "Ich find's lässig", meint mein Freizeit-Rocker nur schulterzuckend, schnappt sich einen Stuhl und eine eisgekühlte Cola und schaut den wilden Typen beim racen zu. Ist ja klar, dass ihm dieses Spektakel gefällt, wahrscheinlich würde er selbst gerne mit einem dieser Dinger hin und her rasen.

So langsam aber sicher finde ich mich damit ab, dass dieses Wochenende gemütliches Relaxen am Colorado River buchstäblich ins Wasser fällt und wenn schon Lärm und Rummel, dann will auch ich etwas von diesem Racing-Weekend-Zirkus haben. Ich setze mich neben Marco und wir schauen den irren Typen mit ihren rasenden Flitzern zu.

Die Verrücktesten unter ihnen sind mit chromblitzenden, bis zu 800 PS starken High-Speed-Booten unterwegs, oder besser gesagt, sie donnern mit ca. 100 km/h über's Wasser und spritzen haushohe Wasserfontänen in die Luft. Eine paar verwegene "Daredevils" (Draufgänger) fliegen mit ihren Wassertöffs regelrecht über die Wellen, während wieder andere sich im Wassersik fahren üben, was bei dem wilden Wellengang, den die Raser verursachen, gar nicht mal so einfach ist. Daneben gibt es aber auch solche, die gemütlich auf ihren breiten Sonnendeckbooten über's Wasser gondeln oder es mindestens versuchen!

Tja, von Ruhe und Gemütlichkeit ist hier nicht die Rede, dafür ist jede Menge Action angesagt. Nur die ab und zu patrouillierende Wasserpolizei zwingt die Rowdies zu etwas disziplinierterem Fahrverhalten. Doch kaum sind die Gesetzeshüter ausser Sichtweite - "wrommmm, wrommmm" - heulen die kräftigen Motoren noch lauter auf und die windschlüpfrigen Boote jagen noch schneller, wie bunte Pfeile, über's Wasser.

Wir wagen kaum daran zu denken, wie fatal ein Zusammenstoss bei dieser Geschwindigkeit sein muss. Ein hier ansässiger Enthusiast erklärt uns schliesslich, dass es vor allem an den Sommer-Weekends, wenn es hier von Booten nur so wimmelt, immer wieder zu sehr schlimmen Unfällen kommt, die oftmals sogar tödlich enden. Und trotzdem kommen sie jedes Wochenende wieder. Bekleidet mit Badehosen und einer Schwimmweste - It's the law!" (es ist Vorschrift!) - rasen sie vom Freitag abend bis Sonntag nachmittag unermüdlich hin und her und haben dabei ihren Spass.

Am späten Sonntag nachmittag wird alles - Frau, Kind und Hund - wieder in den RV geladen, des Vater's Stolz aus dem Wasser gezogen, getrocknet und auf den Anhänger geschnallt und dann geht's für eine Arbeitswoche lang zurück in die Stadt, bevor am nächsten Wochenende das gleiche Spektakel von neuem los geht.

Nun stehen wir mit "Little Sunshine" fast alleine auf dem riesigen Campground. Die Motoren sind verstummt, die wilde Horde ist abgezogen und es herrscht nun eine beinahe gespenstische Ruhe hier an den Ufern des Colorado Rivers. Gemächlich fliesst er nun wieder durch den Echo Canyon und gehört für ein paar Tage den von ihm lebenden Tieren.

Wir sitzen an diesem Abend einsam und verlassen am Ufer und schauen auf den blaugrünen Fluss hinaus. Glühend rot färbt die untergehende Sonne die Felsen des Echo Canyons und mit den länger werdenden Schatten werden auch die Fische im Fluss aktiv. Mit kräftigen Schwanzschlägen springen sie aus dem Wasser und fangen die fetten Mücken. Ein Stockenten-Pärchen kommt gemütlich des Weges geschwommen und macht direkt vor unseren Füssen Rast, während ein paar Kolibris akrobatisch in der Luft flattern und mit ihren langen Schnäbeln aus einem zurückgelassenen Nektar-Dispenser den zuckersüssen Saft saugen.

Es war ein turbulentes Wochenende mit vielen Impressionen und wir geniessen nun die Ruhe nach dem "Sturm"!

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