Nobody knows ...
23. - 25. März 2000. Ein weiterer Höhepunkt unserer Reise und sicherlich ein Abstecher wert ist das Organ Pipe Cactus National Monument, welches im Südwesten des Bundesstaates Arizona liegt und am südlichen Ende an die Mexikanische Grenze stösst.
Wie Orgelpfeifen ragen hier die 'zig Arme der Organ Pipe Kakteen in den Himmel und geben damit dem National Monument den wohlklingenden Namen: Organ Pipe Cactus N.M.
Für ein paar Tage stellen wir unseren Camper auf dem non-hookup (ohne Anschlüsse) Campground im Park ab und erkunden die Gegend zu Fuss. Insgesamt gibt es im Park 21 gut beschilderte Hiking-Trails, vom gemütlichen Spaziergang bis zu anspruchsvollen Tagestouren ins Backcountry.
Wir entscheiden uns heute für den Desert View Loop, ein 1,9 km langer Wanderweg, der uns auf eine Anhöhe bringen wird, von wo aus man eine herrlich Sicht auf das Dessert haben soll. Es sind knapp 25° Celsius im Schatten als wir losmarschieren, doch auf dem ganzen Trail ist von Schatten keine Spur. Ob der enormen Vielfalt an Kakteen, Pflanzen und Tieren vergessen wir jedoch ganz, das es eigentlich heiss ist. Nur gut, dass wir uns an die Parkvorschriften gehalten haben, welche besagen, dass man sich auf jeder Wanderung unbedingt mit Sonnenschutz, Sonnenbrille und Sonnencreme vor der unbarmherzig brennenden Sonne schützen und sich nie ohne Trinkwasser auf einen Hiking-Trail begeben soll, weil die Gefahr besteht, dass man sonst wie eine Dörrpflaume austrocknet.
Durch dry washes (ausgetrocknete Bachbette) und über steinige Trampelpfade windet sich der Wanderweg hinauf zum höchsten Punkt des Desert View Loops, von wo aus man tatsächlich eine atemberaubende Aussicht auf das mexikanische Sonoyta Valley und die Cubabi Mountains hat.
Wir sitzen für eine ganze Weile da oben auf dem Holzbänklein und lassen unseren Blick in die Ferne schweifen. In der Ebene wachsen tausende von Kakteen, die sich gelbstrahlend wie suchende Finger zum Himmel recken - Stachelwesen aus der Urzeit, als noch kein Mensch einen Fuss in dieses unwegsame Paradies gesetzt hatte. Wir sind dem Zauber des Wilden Westens völlig verfallen und geniessen es, hier oben ganz für uns zu sein. Niemand auf der Welt weiss, wo wir uns im Augenblick befinden, weder in welchem Ort, noch in welchem Staat. Ich liebe diese Freiheit!
Mit einem unbeschreiblichen Hochgefühl über die überwältigende Naturlandschaft nehmen wir Abschied von diesem herrlichen Aussichtspunkt und machen uns auf den Weg zurück zum Campground. Auf dem ganzen Wanderweg gibt es unzählige Hinweistafeln, auf welchen die verschiedenen Pflanzen und Tiere beschrieben werden, die es hier auf dem Trail zu beobachten gibt. Für mich als ehemalige Floristin ist vor allem die Kakteenvielfalt überwältigend, während Marco eher nach Klapperschlangen und Skorpionen Ausschau hält, obwohl er eigentlich von diesen Viechern ganz schön schiss hat.
Vor Einbruch der Dunkelheit bereiten wir unser Abendessen zu. Unser einfaches Abendmahl schmeckt unter dem freien Himmelszelt besser als jedes Fünfgang-Menü in einem teuren Gourmetlokal. Langsam verschwindet die Sonne hinter den Hügeln und die bizarren Konturen der Kakteen zeichnen sich gegen den dunkelvioletten Himmel ab, der sich über den Bergen wölbt.
Noch lange sitzen wir an diesem Abend vor unserem Camper und bewundern den milliardenfach funkelnden, südlichen Sternenhimmel, der sich wie eine schützende Decke über uns spannt. Wir fühlen uns darunter geborgen und freuen uns auf den morgigen Tag.
Die ersten Sonnenstrahlen kitzeln uns an der Nase und wir sind bereit für "just another nice day in paradise!" Inzwischen hat die Sonne ihre morgendliche Position erklommen. Am blauen Himmel ist kein Wölkchen zu sehen und die Temperaturen steigen schon kräftig an. "Let's go little lady", fordert mich Marco auf und wir machen uns auf zu unserem heutigen Hiking-Trail, welcher uns über 3,6 km zu der alten, verlassenen Victoria Mine führen wird.
Der Weg führt auch heute wieder durch einen bezaubernden Kakteengarten und wir sind umgeben von unzähligen riesigen und winzigen, dicken und dünnen, geraden und krummen, aber vor allem stacheligen und zum Teil schon blühenden Kakteen. Tausende davon ragen in der kargen Hochwüste wie mächtige Kandelaber bis zu 20 Meter hoch in den dunkelblauen Himmel. Die Wüste blendet mit gewaltigen Kontrasten zwischen saftig grünen Ocotillo-Zweigen, rot blühenden Blütendolden und der golden glänzenden Sonne am alles überspannenden Himmelszelt.
Ich kann gar nicht sagen, welche dieser stacheligen Gesellen mir am besten gefallen. Sind es die majestätischen Riesen-Saguaros, die grazillen Ocotillo-Zweige mit den leuchtend roten Blütendolden, die knuddeligen Teddybear Chollas oder die dickbauchigen Barrel-Kakteen, welche immer gegen Süden gerichtet sind und mit ihrem Saft schon manchem Cowboy das Leben gerettet haben. Alle sind sie auf ihre Art wunderschön und auch die ganz kleinen, fast unscheinbaren Kakteen haben ihren Reiz und machen mit ihren teilweise überdimensional grossen, farbigen Blüten auf sich aufmerksam.
Wir lassen uns sehr viel Zeit auf unserer Wanderung, lesen die vielen interessanten Hinweistafeln am Wegesrand und beobachten die flinken Eidechsen, welche - schwupps, schwupps, schwupps - kurz vor unseren Füssem über den Weg flitzen.
Ziemlich knuffi kommen wir bei der alten Mine an und da es hier seit "Neunzehnhundertirgendwann" keine Stühle mehr gibt, mache ich es mir zum Ausruhen in der alten, rostigen Badewanne von anno dazumal bequem, bevor wir uns auf den staubigen Rückweg machen.
Anscheinend kriege ich von dieser faszinierenden Landschaft einfach nicht genug und während sich Marco am späten Nachmittag dem Aquarellmalen widmet, nehme ich noch den easy Perimeter Trail rund um den Campground in Angriff. Die Sonne steht schon ziemlich flach am Himmel und die Temperaturen sind nun optimal für einen herrlichen Abendspaziergang. Ich hänge meinen Gedanken nach, als ich gemütlich durch den Kakteengarten schlendere. Da plötzlich weckt mich der wunderschöne Gesang eines Vogels aus meinen Tagträumen. Ich bleibe stehen und schaue mich verwundert um. Auf einem in voller Blüte stehenden Ocotillo-Zweig entdecke ich schliesslich den Gesangskünstler. Es ist ein leuchtend rotes Northern Cardinal-Männchen, der da etwa 2 Meter von mir entfernt aus leibeslust ein Liedchen trällert. Lange lausche ich dem melodischen Gesang des kleinen Vogels und mir scheint, als ob er noch viel lauter und schöner singt, als er bemerkt, dass ich ihm zuhöre und mir sein Konzert gefällt. Was für ein einmaliges Erlebnis. Wann hast Du das letzte Mal einem Vogelgesang gelauscht?
Völlig happy eile ich zum Camper zurück um Marco von meinem tollen Erlebnis zu berichten. Als ich gerade mit meiner Erzählung lossprudeln will, mahnt mich Marco still zu sein und ruhig zu stehen. "Ich habe da drüben im Strauch etwas rascheln gehört", flüstert er mir zu, "komm, lass uns nachsehen was es ist."
Wie zwei richtige Indianer schleichen wir in geduckter Stellung auf leisen Sohlen dem unbekannten Etwas entgegen. Und dann sehen wir es ganz deutlich. "Da hinten ist es!" flüstere ich Marco aufgeregt zu und tatsächlich, unter dem dornigen Gestrüpp sitzt doch tatsächlich ein fettes Gila Monster (sieht aus wie ein Riesen-Salamander) und schaut uns etwa gleich doof an, wie wir es anschauen. Die Farben seiner Körperzeichnungen sind einfach fantastisch, so schön, wie eben nur Mutter Natur malen kann. Um es nicht unnötig aufzuscheuchen, schleichen wir uns nach einem Moment des gegenseitigen Bestaunens wieder davon. Es ist unglaublich, was wir hier auf diesem fleckchen Erde alles erleben dürfen.
So ein erlebnisreicher Tag macht hungrig und während wir unser feines Abendessen geniessen, lasen wir den heutigen Tag Revue passieren und ich komme endlich dazu, Marco von meinem kleinen Privatkonzert zu erzählen. Währenddem ich Marco's Aquarellkunstwerk bewundere bricht er neben mir plötzlich in schallendes Gelächter aus. "Schau dir jetzt mal die schrägen Vögel da drüben an", lacht er und zeigt dabei auf eine Schar Vögel, die futterpickend in unsere Richtung gelatscht kommen. Eigentlich ist so eine Schar Vögel ja nichts besonderes, aber diese kleinen Hühnervogel tragen einen ca. 10 cm langen, antennenartigen Büschel auf dem Kopf, der bei jeder Bewegung lustig hin und her wackelt. Wie wir von einem Parkranger erfahren handelt es sich bei diesen lustigen Gesellen um Gambel's Quail und der Federbusch dient einzig und allein als Zierde.
Nach ein paar Tagen zwingen uns elementare Bedürfnisse zurück in die Zivilisation: Wir haben keinen Food mehr! Als Abschluss unseres National Monument-Aufenthaltes machen wir am nächsten Morgen noch einen Besuch im Visitor-Center, wo wir uns vor allem über das Wachstum der riesigen Saguaro-Kakteen und den abwechslungsreichen Speiseplan des Roadrunners informieren.
Wir beide sind uns einig: Ein Abstecher in dieses National Monument hat sich wirklich gelohnt!