New Mexico brennt!


Freitag, 5. Mai 2000

Nach einem gemütlichen Nachtesssen aus der "Board-Küche" schmieden wir unsere wöchentlichen Weiterreise-Pläne. Wir haben vor, morgen von Albuquerque aus zum Bandelier National Monument zu fahren und dort eine Nacht auf dem Statepark zu übernachten, weil wir uns für die diesjährige Besichtigung der Indianer-Ruinen sehr viel Zeit lassen wollen.

Etwa eine Stunde nachdem wir unseren Reiseplan zusammengestellt haben, erfahren wir in den Spät-Nachrichten, dass es im Bandelier Park ein Feuer gibt, welches jedoch zu keinerlei Besorgnis Anlass gibt.

 

Samstag, 6. Mai 2000

In den Morgen-News wird das Feuer wird wiederum nur kurz am Rande erwähnt, macht uns aber wegen des heissen, trockenen Wetters und den aufkommenden Windböen schon etwas Sorgen. So entscheiden wir, unsere Reisepläne für morgen zu ändern und erst einmal nach Santa Fe zu fahren um uns dort die Stadt anzusehen und uns genauer über das Feuer im Bandelier N.M. zu erkundigen.

 

Sonntag, 7. Mai 2000

Auf unserer Fahrt Richtung Santa Fe sehen wir von Weitem die dicken, schwarzen Rauchschwaden des Bandelier-Feuers. Wir wundern uns darüber, dass ein Feuer mit solchem Ausmass und einer solch riesigen Rauchsäule keinen Anlass zur Besorgnis geben soll.

Im Visitor-Center von Santa Fe erkundigen wir uns über die augenblickliche Brandsituation im Park. Die Antwort, die wir da erhalten, lässt uns stutzen. Die Angestellte des Information-Centers hat von dem Feuer, welches ca. 25 Meilen westlich von Santa Fe lodert absolut keine Ahnung. "Man kann ja von hier aus sogar den Rauch sehen!" gibt Marco zu bedenken und jetzt bemüht sich die gute Dame endlich und ruft im Park-Headquarter an, um mehr über den Brand zu erfahren. "It's nothing to fear!" (Es ist nichts zu befürchten) gibt sie uns zur Antwort, als sie von ihrem Anruf zurückkommt und meint, dass wir unbesorgt für morgen einen Besuch im Bandelier N.M. planen können.

Als wir jedoch gegen Abend nach unserer Stadtbesichtigung zum Campground, am Stadtrand von Santa Fe, zurück fahren, sehen wir besorgt auf die immer dicker werdenden Rauchschwaden am Himmel und wir entscheiden, trotz allen guten Voraussagen, auf einen Besuch im Bandelier N.M. zu verzichten.

 

Montag, 8. Mai 2000

Irgendwie lässt uns dieses Feuer keine Ruhe und wir schalten, während wir so gemütlich beim Z'morgen sitzen, die Nachrichten ein, um uns über den Stand der Dinge zu orientieren.

Das Feuer im Bandelier N.M. ist absolut ausser Kontrolle geraten! Was am Donnerstag, 4. Mai 2000, erst als harmloses, 900 acres (~3.5 km2) grosses, Säuberungsfeuer von der Parkverwaltung gestartet wurde, hat sich jetzt in dieser Knochendürre und mit dem starken Wind zu einem alles vernichtenden Waldbrand ausgebreitet. The Atomic-City - wie Los Alamos genannt wird - hat mit der Evakuation von einigen Bewohnern begonnen! "Wow", uns bleibt ob dieser schrecklichen Nachricht das Frühstück im Hals stecken. Doch das ist noch nicht alles: Im Süden von New Mexico - in der Region von Ruidoso - ist ein weiterer Waldbrand ausgebrochen, der ebenfalls ausser Kontrolle geraten ist.

Mit einem flauen Gefühl im Magen verlassen wir Santa Fe in nordöstlicher Richtung und schauen uns als Alternative zu den Bandelier Ruinen die Pecos Indiander-Ruinen, östlich von Santa Fe an. Ich bin froh, dass wir unsere Reiseroute geändert haben und somit dem Feuer und dem beissenden Rauch aus dem Weg gegangen sind.

 

Dienstag, 9. Mai 2000

Die bereits evakuierten Leute können heute nochmals für ein paar wenige Stunden in ihre Häuser zurück, um noch ein paar persönliche Dinge abzuholen. Das Feuer ist noch immer nicht unter Kontrolle und Los Alamos setzt die Evakuation weiter fort. Auch das Feuer in Ruidoso frisst sich immer noch unaufhörlich durch den National Forest.

 

Mittwoch, 10. Mai 2000

Aufgrund des trocken, warmen Wetters und des starken Windes, der von Südwesten blässt, breitet sich das Feuer explosionsartig aus. Ein Feuerwehrsprecher teilt mit, dass sie so gut wie keine Chance haben, im Moment das Feuer aufzuhalten, da der Waldboden mit einem ca. 6 inches (~15 cm) dicken Teppich aus Tannennadeln, dürren Zeigen, Laub und Tannenzapfen bedeckt ist, welcher beim kleinsten Funken brennt wie Zunder. In Los Alamos ist derzeit der Notstand ausgebrochen und stündlich steigt die Zahl der evakuierten Personen, welche in den umliegenden Städten wie z.B. dem südlichen White Rock und dem nördlichen Española Unterschlupf finden. In einer Live-Sendung sehen wir zu, wie die Häuser von Los Alamos in Flammen aufgehen. Um 10:30 p.m. stehen 4'500 acres (18 km2) in Flammen und einige der Häuser von Los Alamos brennen lichterloh wie bei uns die grossen 1.August-Feuer.

Da die Wettervorhersage für morgen Wind in der Stärke von 35-45 mph (~50-70 km/h) bzw. Windböen von zwischen 50-60 mph (~80-100 km/h) voraussagt und sich das Feuer immer weiter in nordöstlicher Richtung voranfrisst, hat Española ebenfalls mit der vorsorglichen Evakuation der Bevölkerung begonnen.

Wir beide machen uns ernsthaft darüber Sorgen, was mit all dem Atomschrott, der da in der Gegend von Los Alamos - The Atomic-City - herumsteht und liegt los ist. Was, wenn das Feuer dieses vernichtende Material erreicht? "Tja, dänn muesch nümme studiere was mer morn zum Z'nacht choched", meint Marco mit Galgenhumor, doch uns beiden ist nicht mehr zum Lachen zumute.

Das Feuer in Ruidoso brennt ebenfalls noch und der Nachrichtensprecher berichtet von einem weiteren, "kleinen" Feuer südlich von Albuquerque, welches jedoch nicht zur Aufregung Anlass gibt. "Haben wir das nicht schon einmal gehört?"

 

Donnerstag, 11. Mai 2000

Wieder schalten wir die Morgen-News ein und informieren uns über die aktuelle Situation. Um 1:00 a.m. hat White Rock ebenfalls mit der Evakuation von insgesamt 15'000 Personen begonnen.

Jetzt am frühen Morgen stehen 18'000 acres (~73 km2) ausser Kontrolle in Brand. In Los Alamos sind in der Nacht über 100 Häuser bis auf die Grundmauern niedergebrannt und in Los Alamos, Española und White Rock wurden bis jetzt insgesamt 30'000 Personen nach Santa Fe, Taos und Albuquerque evakuiert. Eine Evakuation der Evakuierten hat begonnen!

Der Brand ist ein einziges Desaster und wieder ist von einem neuen Feuer, nordwestlich von Los Alamos, in Cuba, die Rede und am Storrie Lake S.P., wo wir vor 3 Tagen übernachtet haben, hat ein abgestürztes Privatflugzeug ein weiterer Brand entfacht. Was den Verantwortlichen hier besonders zu schaffen macht, ist die Wettervorhersage für die folgenden Tage: Wind, Wind, Wind!

Jetzt wird erstmals auch über das hochexplosive Material, welches in Los Alamos lagert, gesprochen. "Don't worry! Alles Atom-Material ist in feuersicheren Bunkern verstaut," versucht uns der verantwortliche Sprecher im TV zu beruhigen. Wir können nur hoffen, dass man in dieser Angelegenheit nicht wieder alles einfach verharmlost.

Wir beide flüchten heute regelrecht vor den schrecklichen Wildfires Richtung Norden, in den Bundesstaat Colorado, wo wir es uns in den Hotsprings von Pagos Springs gemütlich machen und uns einigermassen sicher fühlen. Wie gut, wenn man ein Haus auf Rädern hat und einfach mit dem ganzen Sack und Pack abhauen kann.

In den Abend-News erfahren wir, dass sich das Feuer auf 20'000 acres (~80 km2) ausgebreitet hat und bereits weit über 300 Häuser vom Feuer erfasst worden sind. In ganz New Mexico lodern momentan 7 verschiedene Waldbrände und nur die wenigsten von ihnen sind wirklich unter Kontrolle.

 

Fazit:

Für uns wurde dieses Erlebnis zum richtigen Schreckens-Erlebnis und es ist für uns unbegreiflich und unentschuldbar, dass so viele Menschen wegen eines "Versehens" der Behörden innerhalb von einigen Stunden ihr ganzes Hab und Gut verloren haben. Insgesamt sind in ein paar wenigen Tagen in ganz New Mexico 46'000 acres (~186 km2) abgebrannt. Wir hoffen, dass sich die Behörden an ihr Versprechen halten und den Leuten so schnell wie irgendwie möglich helfen, um zu einem neuen Zuhause zu kommen.

 

Dieser Artikel stammt aus dem Tages-Anzeiger vom Samstag, 20. Mai 2000:

Die US-Regierung hat zugegeben, dass sie für die Waldbrände von Los Alamos verantwortlich ist.

Noch am Freitag waren um Los Alamos in New Mexico mehr als 1000 Feuerwehrleute im Einsatz, um das Feuer zu bekämpfen, das die amerikanische Parkbehörde am 4. Mai "kontrolliert" entfacht hatte. Die Waldbrände, die bisher über 400 Häuser und Wohnungen zerstört haben, sind inzwischen zu 70 Prozent unter Kontrolle.

Während also die Flammen noch züngelten, teilte Innenminister Bruce Babbitt an einer Medienorientierung in Santa Fé mit, die US-Regierung übernehme auf Grund einer Untersuchung die Verantwortung für den Brand und werde ihr Möglichstes tun, um alle Betroffenen gerecht zu entschädigen. Laut Babbitt haben ungenügende Planung und Fehlentscheide der Pakrbehörde dazu geführt, dass das Feuer ausser Kontrolle geraten ist.

Babbitt führte weiter aus, der US-Kongress plane die Verabschiedung eines Notstandsgesetzes, um die betroffenen Hausbesitzer und Geschäftsleute so rasch wie möglich zu entschädigen. ein ähnliches Gesetz hatte 1976 den Opfern eines Dammbruchs in Idaho geholfen. Nach ersten Schätzungen belaufen sich die Schäden der Brände auf mehr als eine Milliarde Dollar.

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