"Wal in Sicht!"
17.-19. Jan. 2000. Die heutige Fahretappe nach Guerrero Negro betrug ca. 430 km. No problem! Wir rechneten uns aus, dass wir dafür ca. 6 Fahrstunden benötigen würden. In El Rosario tanken wir unsere Camper nochmals voll auf, weil wir gehört haben, dass es auf den nächsten gut 300 km keine Tankstelle mehr gibt.
Kurz hinter El Rosario beginnt die Strasse zu steigen und führt uns immer kurviger und enger werdend hinauf in die herrliche Bergwelt der Baja California. Meile für Meile kämpft sich unser Camper tapfer den Berg hinauf und die Strassen werden von Kurve zu Kurve schlechter. In fast halsbrecherischer Slalomfahrt schlängeln wir uns über die Bergstrasse und weichen - unserem Camper und dem Inventar zuliebe - den Schlaglöchern aus. Über längere Distanzen fahren wir in der Strassenmitte und gehen erst zur Seite, als uns wieder einmal ein Auto entgegenkommt. Nur gut, dass es fast kein Verkehr hat. Trotz alledem erfreuen wir uns ob der prächtigen Kakteenvielfalt und dem wunderschönen Wetter.
In Catavina machen wir eine erste Rast und bestaunen die uralten, mehrarmigen Riesenkakteen, die in dieser knochentrockenen Gegend majestätisch zwischen den kugelrunden Felsen dem strahlend blauen Himmel entgegenwachsen. Eine kühle Cola hilft, unsere strapazierten Geister wieder zu beleben und gibt uns neue Frische für die Weiterfahrt. Zur Sicherheit zurren wir Walti's Jeep nochmals kräftig fest und dann geht's weiter in unserer Schlangenlinienfahrt. Natürlich haben wir uns bei unserer Kalkulation heute morgen ganz gehörig in der Zeit verrechnet oder besser gesagt, nicht mit solchen Strassenzuständen gerechnet. Auf jeden Fall ist uns jetzt klar, dass dies mit den 6 Stunden Fahrzeit auf keinen hinhauen wird. Na ja, was soll's. Take it easy! Kurz vor dem Einnachten kommen wir schliesslich todmüde in Guerrero Negro an und die Männer machen sich auf den Weg ins Dorf um etwas kleines zu Essen und sich betreffend Whalewatching-Touren schlau zu machen. Für mich war die heutige Fahrt ziemlich anstrengend und ich bin froh, als ich ins kuschelweiche Bett sinken und mich meinen Träumen hingeben kann.
Mit Fanfarenklängen von der nahen Militärstation werden wir heute morgen geweckt. Gleich nach dem Frühstück machen wir uns auf den Weg, unsere RV's auf einen anderen Campground zu verschieben, welchen Marco und Walti gestern abend ausgekundschaftet haben.
Kurz hinter dem "stählernen Adler" - dem Wahrzeichen von Guerrero Negro - passieren wir eine Militärkontrolle. Der Beamte will unsere Pässe und Touristenkarten sehen und fragt uns, ob wir Waffen, Drogen oder Früchte dabei haben (passt doch alles wunderbar zusammen!!!). "Nein, nichts dergleichen", geben wir mit reinem Gewissen zur Antwort. Doch er besteht darauf, unseren Camper zu inspizieren. Er schaut in den Kühlschrank und öffnet ein paar wenige Kästchen und gibt sich schon bald zufrieden. Dann weist er uns darauf hin, dass wir die Touristengebühr noch nicht bezahlt haben und dies heute noch auf einer Bank erledigen sollen. "Naturalmente amigo!"
Wir wollen eigentlich schon weiter fahren, als plötzlich ein anderer uniformierter Beamter neben unserem RV steht und 20.- Pesos (mex. Währung / 10.- Pesos = ca. SFr. 1.50) für das Desinfizieren der Autoräder verlangt. "Ja, gibt's denn so was?" Doch wir fragen nicht mehr lange, bezahlen die lumpigen paar Pesos und warten darauf, bis zwei in gelbe Gummimäntelchen eingehüllte Männchen mit Gasrüsseln im Gesicht dahergeschlurft kommen und unsere scheinbar verseuchten Räder von jeglichem Ungeziefer oder weiss der Kuckuck was befreien. Eine Zeit lang denke ich, dass muss irgend ein Scherz oder eine versteckte Kamera sein, doch es ist todernst und ich muss mir das Lachen verkneifen, bis wir endlich weiterfahren können. Doch jetzt, ein paar Meter von der Kontrollstelle entfernt, brechen wir beide in schallendes Gelächter aus und können uns kaum noch davon erholen.
Mit dem Überschreiten dieses äusserst ominösen Kontrollpunktes sind wir auch gleich in eine andere Zeitzone und von der Baja California norte nach Baja California sur gerutscht.
Der Campground hier im Dorf ist ganz schön voll und wir haben Glück und erwischen noch zwei der drei letzten freien Plätze. Guerrero Negro ist dafür bekannt, dass sich hier in der "Laguna Ojo de Liebre" im Winter die Grauwale paaren und auch ihre Jungen zur Welt bringen. Selbstverständlich wollen auch wir uns dieses tolle Spektakel ansehen und reservieren uns für morgen früh drei Plätze auf der Whalewatching-Tour. Für heute haben wir nur noch eine wichtige Sache zu erledigen, nämlich wie versprochen unsere Touristengebühr zu bezahlen, danach machen wir uns auf, um die Gegend hier ein bisschen auszukundschaften. Wir holpern mit dem Jeep zur Salzfabrik hinaus - wo man uns allerdings den Zutritt verwehrt - und fahren dann in die entgegengesetzte Richtung hoch zum alten Hafen. Der Weg, oder besser gesagt, die Piste dorthin führt durch ein herrliches Naturschutzgebiet mit vielen verschiedenen Reihern und Wasservögeln.
Schrillllll! Unbarmherzig schrillt uns an diesem Morgen der Wecker aus den Federn. Es ist erst 6:00 Uhr früh und für uns bereits höchste Zeit zum Aufstehen. Wir schauen mit unseren erst halb geöffneten Pflotschaugen aus dem Fenster und möchten am liebsten nochmals unter die Decke kriechen. Eine graue Nebeldecke liegt noch über dem Dorf und es sieht ziemlich kalt und ungemütlich aus da draussen. Das bevorstehende Abenteuer lässt uns jedoch all das Ungemütliche vergessen und nach einem warmen Z'morgen-Tee sieht die Welt schon viel freundlicher aus. Wir packen uns in unsere warmen Fleecejacken und ziehen die wasserdichten Windjacken darüber. So sind wir bestimmt genügend gegen Wind, Kälte und Wasser geschützt und bereit für unsere Whalewatching-Tour. Mit mexikanischer Pünktlichkeit fahren wir zusammen mit ein paar anderen Touristen los zur Laguna Ojo de Liebre. Auf der Fahrt dorthin erzählt uns Julio - unser mexikanischer Tourguide - einiges über Guerrero Negro, die Salzfabrik, das Naturschutzgebiet und die natürlich die Wale. An der Bootsanlegestelle in der Nähe der Salzfabrik werden wir gebeten, alle nochmals kurz "pipi" zu machen, eine Schwimmweste anzuziehen und dann schön vorsichtig ins Boot zu steigen - irgendwie erinnert mich das ganze Prozedere an meine Kindergartenjahre!
Kaum hat sich der letzte Passagier hingesetzt, geht die rasante Fahrt los, hinaus in die Lagune. Nur gut, dass wir uns so warm angezogen haben. Der Wind pfeifft uns um die Ohren und die Gischt spritzt dann und wann über den Bootsrand. "Na ja", denke ich mir, "ich bin ja mal gespannt, ob wir da draussen überhaupt einen Wal zu sehen bekommen?" Denn eine Garantie gibt es bei so einer Whalewatching-Tour nicht. Vor einer im Wasser treibenden Boje verlangsamt unser Bootsführer die Fahrt und wir tuckern ganz dicht an einer auf der Boje faulenzenden Seehund-Kolonie vorbei. Die Seehunde begrüssen uns mit ihrem lautstarken Grunzen und lassen uns zu ehren noch ein paar fürchterlich stinkende Furzer fahren, so dass wir es vorziehen, nach ein paar geknippsten Fotos wieder abzuhauen.
Unser Bootsführer dreht den Gasgriff wieder auf und mir scheint, dass wir fast über's Wasser fliegen. Plötzlich ruft einer unserer Passagiere aus der ersten Reihe ganz aufgeregt: "Da vorne, Wal in Sicht! Da vorne blässt er, ich habe ihn ganz genau gesehen!" "Was..., wo..., wo...?" wollen alle anderen wissen und wir glauben schon, dass er uns bloss zum Narren hält. Doch jetzt sehen wir's auch. "Da drüben, ja, ich hab's ganz deutlich gesehen", schreit ein anderer und dann überstürzen sich die Ereignisse: "Dort hinten!", "Da vorne!", "Da drüben sind gleich zwei... oder sogar drei!" Überall wo wir hinschauen schiessen Wasserfontänen in die Höhe und tauchen in stoischer Ruhe Walflossen im ruhigen Meerwasser unter. Wir sind umgeben von 'zig Walen und es ist ein Schauspiel sondergleichen. Oftmals vergessen wir in unserer Euphorie, dass wir bloss in einer Nussschale mit Aussenbordmotor sitzen und kurz bevor wir ins Wasser zu fallen drohen, bemerkt dann unser Kapitän, dass sich ein paar von uns wieder auf die andere Schiffsseite lehnen sollen.
Wir lassen uns Zeit und beobachten, wie die Wale, wie sie fast lautlos über's Wasser gleiten und ihre Blasfontänen in die Höhe schiessen. Andere rollen sich auf dem Rücken schwimmend hin und her und wieder andere tauchen, ihre mächtige Schwanzflosse in die Höhe streckend, im fast spiegelglatten Meerwasser unter und entlocken uns dabei jedesmal ein choralisches "Ahhhh!" und "Ohhhh!"
Immer näher trauen sich die Wale an unser Boot heran, so dass wir ihre Blasfontänen nicht nur sehen sondern sogar hören können und manchmal sogar ein paar Spritzer von dieser Gischt abbekommen. Auf einmal hebt einer dieser Giganten direkt neben unserem Bootsrumpf ganz gemütlich seinen Kopf aus dem Wasser und schaut uns mit seinen treuen Kulleraugen für eine Weile verwundert an. Die einen Bootsinsassen können ihn sogar an der Nase streicheln und ihm scheint das tatsächlich zu gefallen. Nur unser Kapitän gerät dabei in Panik, denn wieder einmal wären wir um ein Haar gekentert. Der Wal scheint seine helle Freude an uns zu haben und fängt an mit uns zu spielen. Erst schaut er steuerbords aus dem Wasser - so, dass wir alle nach rechts lehnen - taucht dann nur einen knappen halben Meter unter unserem Boot durch - so, dass wir ihn unter der knappen Wasseroberfläche ganz deutlich sehen können - und taucht dann backbords wieder aus dem Wasser auf - was zur Folge hat, dass wir alle wieder nach links lehnen und die ganze Besatzung um ein Haar fast wieder über Board gepurzelt wäre!
Nach vollen 4 Stunden hat unser Kapitän dann echt die Schnauze voll von der ewigen hin und her "Gagelete" oder besser gesagt, unsere Whalewatching-Tour-Zeit ist leider schon um. Er verteilt die Lunchpakete und fährt uns in rasantem Tempo zurück zur Bootsanlegestelle. Noch zweimal verlangsamt er die Fahrt, als wir an der Küste an zwei Walskeletten vorbei fahren und um ein nistendes Falkenpärchen auf ihrem Horst zu beobachten.
Der Rüttel-Schüttel-Bus bringt uns zurück ins Dorf und wir sind uns alle einig: "DIESE TOUR WAR SPITZE!!!"