Tien Pesos ???
8. März 2000. Die Nacht auf dem Ghosttown-Campground - wo wir mausseelen alleine waren - hatte etwas sehr gespenstisches an sich, doch trotz alledem haben wir sehr gut geschlafen.
Die heutige Fahrt führte uns in die Berge von San Luis Potosi nach Ciudad Victoria. Kurz nach der Autobahnausfahrt beginnt die Strasse fast unmerklich anzusteigen. Wir tuckern mit unserem RV gemütlich dahin, als wir kurz vor der Abzweigung zur MEX 101 wieder einmal von einer Militärkontrolle gestoppt werden. Ich kurble auf der Fahrerseite das Fenster hinunter und versuche unseren RV nicht gleich auf den Füssen des Beamten zu stoppen, der da mitten im Weg steht. Der junge Staatsdiener lehnt sich lässig auf den Fensterrahmen und fragt mich höflich etwas auf spanisch. Ich muss wohl ziemlich komisch aus der Wäsche gucken, denn der Bursche wiederholt seine Frage gleich nochmals. Wieder verstehe ich nur Bahnhof. 'Aha, der will sicher wissen, wohin wir fahren', schiesst es mir schliesslich durch den Kopf und ich gebe ihm freundlich lächelnd zur Antwort: "A Ciudad Victoria". Jetzt schaut er mich etwas verwundert an und stellt mir eine neue Frage. Hilfe suchend schaue ich zu Marco hinüber und hoffe, dass er mir mit einer passenden Antwort aus der Patsche helfen kann. "Na klar, der will wahrscheinlich wissen, woher wir kommen", erklärte mir Marco und beantwortete die Frage des Beamten mit: "De San Luis Potosi". Der junge Bursche schulterte sein Gewehr und verdrehte mit einem lauten Seufzer die Augen. Anscheinend haben unsere Antworten doch nicht so ganz auf seine Fragen gepasst. Erneut setzt er zu einer Frage an und wir beide spitzen ganz gut die Ohren, damit wir ihn diesmal mit unseren mageren Spanischkenntnissen verstehen. Aber auch diesmal haben wir keine Chance! Schulterzuckend schauen wir beide uns an und völlig verlegen frage ich Marco: "Häh, häsch Du verstande was dä eus gfröget hätt?" "Neii, kein blasse Schimmer, was er jetzt na vo eus wüsse will", gibt mir Marco ebenso ratlos zur Antwort. Ich krame unsere Pässe hervor und strecke sie ihm mit meinem charmantesten Lächeln entgegen. 'Hoffentlich war es das, was er von uns wollte', denke ich verzweifelt für mich. Doch anscheinend nicht! Dem jungen Staatsdiener wird es nun wirklich zu blöd mit uns doofen Gringos. Mit einem genervten Kopfschütteln schiebt er die Ausweise wieder zu mir hinüber und fordert uns mit einer wilden Handbewegung und einem griesgrämigen Unterton in der Stimme auf: "Anda, anda!" was soviel bedeutet wie: 'haut endlich ab!' Hey, diesmal haben wir beide klar und deutlich verstanden, was er zu uns gesagt hat! Unverzüglich lege ich den Gang ein, verabschiede mich, wie es sich gehört auf spanisch, von dem Beamten (soviel Spanisch können wir) und fahre davon. Um ein Haar habe ich ihm beim Abfahren den Aussenspiegel unseres RV's an den Kopf geknallt, weil der Dösel wieder mitten in der Fahrbahn stand. Das hätte gerade noch gefehlt!
Durch viele kleine Dörfer fahren wir hinauf in die mexikanische Sierra. Die Zeit scheint hier oben stehen geblieben zu sein. Die Leute leben hier mit ihren Familien in sehr bescheidenen Hütten, ohne fliessendes Wasser und Strom, zusammen. Gekocht wird auf dem Holzherd und das Wasser wird noch aus dem Dorfbrunnen geschöpft. Ab und zu kreuzt eines der nervös gackernden Hühner die Strasse, auf der Suche nach ein paar Futterkörnchen. Die Kinder am Strassenrand laufen uns beim Vorbeifahren laut johlend hinterher und die Bauern auf ihren vollgepackten Eseln winken uns freundlich zu. Wir fühlen uns hier willkommen und freuen uns über die Freundlichkeit dieser bescheiden lebenden Leute.
In Palmillas machen wir einen kurzen Z'mittag-Halt. Wir entscheiden uns für eines der Restaurants direkt an der Strasse, damit wir unseren RV im Auge behalten können, wir sind ja gebrannte Kinder! (ich gebe nur das Stichwort: Ventildeckeli klauen!!!)
Wir sind hier in "the middle of nowhere" die einzigen Gäste im Restaurant, was uns allerdings überhaupt nicht stört. Marco bestellt einen Hamburger und ich zwei Tacos. 'Alles ganz einfach', denken wir uns, doch da fängt die Schwierigkeit schon an. Die Wirtin hat nicht nur eine Tacos-Füllung anzubieten sondern quaselt irgend etwas für mich total unverständliches von zwei oder drei verschiedenen Sorten. 'Oh, Mann!' denke ich für mich und ich wünsche mir, dass ich auch bloss einen Hamburger bestellt hätte. Verzweifelt schaue ich die nette Frau an, die immer noch neben unserem Tisch steht und geduldig auf eine Antwort von mir wartet. Jetzt bemerkt sie, dass ich sie wahrscheinlich nicht verstehe und so nimmt sie mich kurz entschlossen bei der Hand und führt mich geradewegs in ihre Küche. Hier stehen auf einem Holzherd ein paar Töpfe in denen es kräftig brutzelt und brodelt. Die Köchin hebt einen Deckel nach dem anderen hoch und fordert mich auf überall hineinzuschauen. Der würzige Duft der verschiedenen Gerichte steigt mir in die Nase und regt meinen Appetit noch mehr an. Schliesslich entscheide ich mich für eine dunkelbraune Eintopf-Füllung für meine beiden Tacos. Ich habe zwar noch immer keine Ahnung was es ist, aber ich bin sicher, dass es mir munden wird.
Und wirklich, meine Tacos schmecken vorzüglich und Marco's Hamburger ist riesig. Dazu trinken wir - weil es ausser Cola, Bier und Wasser nichts anderes gibt - 2 Flaschen Cola. Die gesamte Rechnung kommt gerade mal auf lächerliche 31.- Pesos (ca. SFr. 5.-) und da wir mit der Bedienung wirklich sehr zufrieden waren, runden wir auf 40.- Pesos auf. "La cuenta, por favor!", ruft Marco der Wirtin in die Küche zu und macht eine 50.- Pesos-Note zum Bezahlen der Rechnung bereit. Die Señora gibt uns zu verstehen, dass sie leider nicht soviel Retourgeld (19.- Pesos) in der Kasse hat um uns auf 50.- Pesos herauszugeben und so gibt ihr Marco mit seinem holprigen Spanisch-Englisch zur Antwort: "No, no señora, por favor "Tien" Pesos back!" Die Frau runzelt die Stirn, schaut uns völlig verwundert an und sagt: "no comprender, señor!?" 'Mann, ist die schwer von Begriff', denke ich so für mich und wir beide wiederholen noch einmal im Duett, ganz langsam und deutlich, dass sie uns nur noch "Tien" Pesos Retourgeld bringen soll. Wieder schaut sie uns an, als ob wir von einem anderen Planeten komm würden.
Auf einmal fällt bei mir der Groschen. Schnell zähle ich in Gedanken auf spanisch von 1 - 10 und merke, "Ups!" dass zehn auf spanisch gar nicht "Tien" sondern "Diez" heisst. "Hey, kein Wunder versteht die liebe Senñora uns nicht", sage ich zu Marco. "Was heisst den "Tien" überhaupt?" frage ich ihn und schaue ihn dabei mit einem verschmitzten Lächeln an. Jetzt macht es auch bei Marco klick. "Ich Idiot!" lacht er über sich selbst und haut sich dabei die flache Hand auf die Stirn. Dann setzt er zu einem weiteren Versuch an und ersetzt in seinem Satz ganz einfach "Tien" durch "Diez" und siehe da, wie durch ein Wunder kann die Señora auf einmal verstehen was wir meinen.
Wir lachen alle ganz herzhaft miteinander, dann bedankt sie sich vielmals und wünscht uns zum Abschied: "Buen viaje!" Wie schön, wenn man einander versteht!