Mainland wir kommen!
8./9. Feb. 2000. Eigentlich hatten wir geplant, uns auf unserer ersten Mexiko-Reise nur einmal die Baja California anzusehen und gar nicht auf's mexikanische Mainland zu fahren. Der Grund dafür war, dass uns sehr viele Leute fürchterliche Angst mit regelrechten Schauermärchen gemacht haben. Mit Worten wie: "Da ist es viel zu gefährlich. Da werdet ihr bestimmt überfallen. Die Mexikaner sind fürchterlich korrupt und mögen keine Gringos (Amerikaner / Fremde)", warnte man uns vor einer Reise auf's Mainland.
Nachdem wir uns hier auf der Baja California etwas an die mexikanische Kultur gewöhnt haben, sehen wir eigentlich keinen Anlass uns nicht auch ein bisschen auf dem mexikanischen Mainland umzusehen und wir sind überzeugt, dass, wenn man sich an ein paar Grundregeln hält, eine solche Reise bestimmt nicht so gefährlich ist.
Also machen wir genau das, wovon uns die meisten Leute abgeraten haben - machen wir das nicht schon lange? - wir werden heute mit unseren Campern von La Paz (Baja California) nach Topolobampo, auf's mexikanische Mainland, übersetzen.
Ohne Z'morgen fahren wir kurz nach 8:00 Uhr zur Fährstation los, die sich etwas nördlich von La Paz in Pichilingue befindet. Bei unserem letzten La Paz Aufenthalt vor 12 Tagen haben sich die Männer schon schlau gemacht, welche Papiere wir für eine Überfahrt auf's Mainland benötigen und wann bzw. von wo die Fähre überhaupt ablegt. Vorreservieren ist auf der Fähre nicht möglich. Das System lautet: Wer zuerst kommt und alle nötigen Papiere beisammen hat, kann mitfahren, sofern es auf der Fähre noch Platz hat.
Jetzt stehen wir da und haben auf einmal ein mulmiges Gefühl im Bauch. "Haben wir auch an wirklich alles gedacht?" fragt mich Marco und wir kontrollieren nochmals den ganzen Papierkram. "Yep! Es ist alles da", bemerken wir beide beruhigt, "also dann, nichts wie los!"
Kurz vor 9:00 Uhr stellen wir uns am Schalter der "Banjercito" an, wo wir die Aus- bzw. Einfuhrbewilligung für unsere Fahrzeuge bekommen sollten. "Oh happy day... !" singt Walti vergnügt, denn wir sind die Vordersten in der Reihe und um 9:00 Uhr ist Schalteröffnungszeit. Doch weit gefehlt! Bis um 9:30 Uhr geht einfach mal überhaupt nichts und dann tauchen endlich zwei schläfrige Beamte auf, die sich in einer Seelenruhe auf den heutigen, stressigen Tag vorbereiten und sich erst um 9:45 Uhr dazu bewegen lassen, den Schalter zu öffnen.
Walti ist als erster an der Reihe. Mit einem freundlichen: "Buenos días señor! Qué tal?" begrüsst er den Beamten und legt ihm den ganzen Papierwisch auf die Theke. Walti's Papierstapel ist dreimal so dick wie unserer, denn er benötigt für jedes seiner Fahrzeuge (RV, Anhänger + Jeep) die gesamte Kollektion dieser Fahrzeugpapiere inkl. der entsprechenden Kopien. Mit stoischer Ruhe wühlt sich der Beamte durch die Papiere, schiebt auf einmal alles wieder zu Walti zurück und sagt: "Der Jeep lautet auf Carmela Hasler, also benötige ich ihren Fahrausweis und die entsprechenden Kopien davon." Walti schluckt einmal leer und antwortet: "Aber das ist nicht möglich señor, denn meine Frau ist gar nicht hier, sie ist zurzeit in Peru unterwegs." Der Beamte zuckt nur kurz mit den Schultern was soviel bedeutet wie: 'Keine Carmela → kein Ausweis → kein Car-Permit (Ausreisebewilligung) → keine Überfahrt!'
"Das gibt's doch wohl nicht! Der will mich doch tatsächlich wieder zurückschicken?!" jammert Walti der Verzweiflung nahe. Da plötzlich kommt ihm die zündende Idee: "Die Besitzurkunde des Jeep's lautet, soviel ich weiss, auf Carmela und Walter Hasler. Das müsste dem "Knilch" doch eigentlich genügen!" Walti nuschelt kurz in seiner Dokumentenmappe herum und bringt - Bingo! - das alles aufklärende Dokument zum Vorschein. "Muy bien", meint da der Beamte zufrieden, "aber nun brauche ich davon noch drei Fotokopien." Das wiederum bedeutet, dass Walti den ganzen Weg nach La Paz zurückfahren muss (ein Weg ½ Std.) um dort die drei Kopien machen zu lassen.
"Nein, nur das nicht, señor!" bettelt er verzweifelt und rüttelt mit beiden Händen an seinem eigenen Kopf, so als würde er demnächst durchdrehen. Doch der Beamte lässt sich von diesem Theater nicht beeindrucken. Gerade will er seine Macht spielen lassen, als der zweite Beamte auf der Bildfläche erscheint, das Dokument entgegen nimmt und wortlos auf dem Fotokopierer hinter dem doofen Beamten drei Kopien davon macht. Walti fällt vor Erleichterung ein Stein vom Herzen, der eklige Beamte ist voll und ganz zufrieden und der zuvorkommende Beamte der Held des Tages.
Jetzt geht alles in mexikanischem Tempo relativ zügig vorwärts und als alle Papiere 'zig mal kontrolliert, abgestempelt und zusammengeheftet sind, geht's zum Schalter des hilfsbereiten Beamten, der für das Einkassieren der Car-Permit-Gebühr verantwortlich ist. Ein grosses Schild weist uns darauf hin: "No Cash, no Checks, Credit-Card only!" Gottseidank kein Problem für uns Weltenbummler. Walti bedankt sich beim Beamten und seltsamerweise hält dieser es für nötig, die Permit-Kleber persönlich an Walti's Fahrzeugen zu befestigen. Es soll wohl keiner sehen, wieviel Schmiergeld ihm Walti zugesteckt hat!
Die Abfertigung unseres RV's geht absolut problemlos über die Bühne. Doch da stehen Leute hinter uns an, die schon zum 3. oder 4. Mal her sind und der eine von ihnen bricht den absoluten Rekord, er steht heute zum 6. Mal in der Reihe. Ob er es wohl heute schafft?!
Mittlerweile ist es 10:30 Uhr und für die Männer höchste Zeit, sich die Tickets für die Fähre zu besorgen, denn um 11:00 Uhr beginnt das Einpark-Prozedere und um 13:00 Uhr legt die Fähre bereits ab.
Ach ja, das wisst Ihr ja noch gar nicht: Es gibt zwei verschiedene Fähren von La Paz nach Topolobampo. Die eine ist die ganz normale Touristenfähre, die nachts um 22:00 Uhr von La Paz ablegt und morgens um 8:00 Uhr in Topolobampo ankommt. Die andere Fähre ist die Cargofähre, die nachmittags um 13:00 Uhr von La Paz ablegt und nachts um 22:00 Uhr in Topolobampo ankommt. Diese Fähre ist schneller, viel günstiger und es ist erst noch ein Nachtessen inbegriffen. Der einzige Nachteil ist: "Men only!" was soviel heisst, dass keine Frauen an Bord erlaubt sind.
Na ja, was soll's! Also haben wir uns entschieden, dass die Männer mit den RV's die Cargofähre benutzen und ich die Touristenfähre nehme. Auf diese Weise können wir gut 30 % der Transferkosten einsparen.
Jetzt - kurz vor 11:00 Uhr - heisst es aber für mich und Marco Abschied nehmen und bis 22:00 Uhr auf das Auslaufen meiner Fähre zu warten. Vom Hafen aus winke ich um 13:00 Uhr der davon fahrenden Cargofähre zu und hoffe, dass alles gut geht!
Die Wartezeit vertreibe ich mir mit Karten und Tagebuch schreiben, lese ein bisschen und schau den eifrigen Mexikanern beim Kartenspielen zu. Noch ehe ich mich versehe, ist es schon 21:30 Uhr und somit Zeit zum Einsteigen. Ich habe mich für die "Neckerman-Reiseklasse" (Billig-Reisen) entschieden und bin nicht all zu gross überrascht, als ich die etwas veralteten Polstersessel sehe, die sicherlich schon den einen oder anderen Sturm miterlebt haben. Wieso ich mich für diese Billig-Klasse entschieden habe? Ganz einfach, weil ich den Kontakt zu den Einheimischen und anderen Travelern suche und nicht alleine und isoliert in einer Einzelkabine hocken möchte.
Und tatsächlich, schon beim Einsteigen ins Schiff lerne ich ein aufgewecktes junges Pärchen - Austausch-Studenten aus Belgien und Holland - kennen, dann gesellt sich eine sehr sympathische Mexiko-Kanadierien zu uns und zu guter Letzt kommt auch noch der gemütliche Josef aus Bayern daher geschlendert. So sind wir ein ganz lustiger Haufen aus fünf verschiedenen Nationen und haben uns allerhand zu erzählen und zu lachen.
Obwohl die Sitze nummeriert sind, sucht sich jeder einfach den Platz aus, der ihm am besten gefällt bzw. wo er es sich für die bevorstehende Nacht am bequemsten machen kann. Um 1:00 Uhr nachts legen auch wir fünf uns für ein paar Stunden auf's Ohr. Wir belegen drei Sitzreihen und machen es uns wie die Mexikaner auf dem Boden gemütlich. Ich breite meine kleine bunte Decke aus, blase mein stoffbezogenes Reisekissen auf und kuschele mich in meiner Fleece-Jacke auf meinem Nachtlager zurecht. Good night everybody, where ever you are!
Zwischen all den Mexikanern mit ihren Kindern und meinen neuen Travel-Freunden fühle ich mich herrlich geborgen und schlafe trotz Adriana's Schnarchkonzert sofort tief und fest ein.
Um 6:00 Uhr morgens, gerade rechtzeitig zum Sonnenaufgang wacht einer nach dem anderen auf. Mit der Helligkeit strömt Leben in den Schiffsrumpf und es interessant, den Leuten beim Aufwachen zuzusehen. Die einen sind sofort hellwach, während die anderen noch etwas Anlaufschwierigkeiten haben und erst allmählich auf Touren kommen.
Begleitet von einem fantastischen Sonnenaufgang laufen wir pünktlich um 8:00 Uhr im Hafen von Topolobampo ein und ich bin aufgeregt wie ein Teenager vor seinem ersten Rendezvous, bis ich Marco wieder sehe.
Ich schnalle mir meinen kleinen Rucksack auf den Rücken, verabschiede mich von meinen neuen Freunden und eile zum Ausgang. Problemlos passiere ich die Zollkontrolle und jetzt sehe ich ihn - meinen Marco. Da steht er am Pier und winkt mir aufgeregt zu. Ich fange an zu rennen und springe ihm in die Arme. Ich bin froh, dass alles so gut gelaufen ist und wir uns wieder gefunden haben.
Marco's Erlebnisbericht zur Überfahrt:
Viel zu schnell war es Zeit um von Gaby Abschied zu nehmen, doch so langsam aber sicher mussten Walti und ich mich auf den Weg zum Einschiffen machen. Noch ein letzter dicker Kuss "and a big hug" und dann musste ich meinen kleinen "Chäfer" alleine auf der Baja California zurücklassen.
Anstelle von Gaby befindet sich neben mir auf dem Beifahrersitz der ganze Papierkram, welchen ich für die Überfahrt benötige. Mit 'zig tonnenschweren Lastwagen stellen wir uns zum Verladen an. Ein bisschen nervös bin ich schon und ich komme mir in unserem kleinen Camper ganz schön winzig vor neben all den Big-Trucks. Endlich beginnt die Einladeprozedur. Ein Brummi nach dem anderen wird von den Lotsen auf die Rampe gewunken und verschwindet im Rückwärtsgang im gigantischen Bauch der Fähre.
Endlich bin ich mit meinem kleinen Schnupftrückli an der Reihe. Einer der Lotsen weist mich an, vorwärts in den Schiffsrumpf zu fahren. 'Glaubt er etwa, dass ich nicht fähig bin, meinen kleinen RV rückwärts einzuparkieren', frage ich mich ernsthaft. Aber ich folge gehorsam seiner Anweisung und manövriere meinen Camper in den hinteren Schiffsteil, wo ich von einem anderen Lotsen angewiesen werde, auf den Lift zu fahren. Aha, das ist also der Grund, weshalb ich vorwärts hineinfahren musste, die wollen mich auf's Oberdeck an die frische Luft bugsieren! Ganz geheuer ist mir die Sache allerdings nicht, wenn ich mir den klapprigen Lift etwas genauer ansehe, der nur aus einer ölverschmierten Plattform ohne irgendwelche Abschrankungen besteht. Ich bin überzeugt, dass dieses Ungetüm seine letzte Revision schon längst vergessen hat, aber was soll's, wenn sie damit die dicken Brummis nach oben kriegen, wird es das altersschwache Ding wohl auch mit meinem leichtgewichtigen "Truckli" schaffen. "Just go!" ermutige ich mich selbst, fahre vorsichtig auf die schmierige Plattform und mit einem Ruck setzt sich der Aufzug tatsächlich in Bewegung. Die Sonne lacht mir hier auf dem Oberdeck ins Gesicht und ich bin froh, als ich heil da oben ankomme. Jetzt heisst es auch für mich: "kehrt um" und ich quetsche meinen Camper im Rückwärtsgang zwischen zwei riesige Lastwagen. Zentimeter genau werden die Fahrzeuge im und auf dem Schiff verstaut, alle so eng nebeneinander, dass es kaum noch möglich ist, aus der Fahrerkabine auszusteigen. Na ja, so passiert wenigstens nicht viel, wenn die ganze Ladung auf hoher See durcheinander pruzeln sollte.
Jetzt ist Walti an der Reihe. Gespannt schaue ich ihm von der Oberdeckreling aus zu. Er soll wie die Truckdriver mit seinem Mega-Camper rückwärts in die Fähre einparkieren. Somit ist es unumgänglich, dass er zuerst den Jeep und den Anhänger abkuppt und separat verlädt. No problem! Doch jetzt muss er sein Longvehicle-RV im Schiffsrumpf verstauen. Er setzt rückwärts zur Einfahrt an und - "PÄNG!" - gibt es einen unüberhörbaren Knall und die Schiffscrew wirft laut schreiend die Hände in die Luft. "So ein Ärger!" Walti ist beim Rückwärtsfahren mit der Anhängerkupplung an der Verladerampe angestanden oder besser gesagt, damit in die Rampe geknallt. Die Anhängevorrichtung an seinem RV ist nun ganz schön verbogen und die Laderampe hat eine hässliche Delle. "Also so gaht's nöd", sind sich nun alle einig und Walti darf seinen Camper nun doch vorwärts einparkieren.
"Uff, geschafft!" Alle Lastwagen sind auf dem Kahn verstaut und noch ehe wir uns versehen, lässt der Kapitän die Schiffsmotoren laufen, wartet darauf, dass die verbeulte Laderampe geschlossen wird und gibt Zeichen zum Lichten des gewaltigen Ankers. Jetzt geht die Reise los Richtung Mainland. Mit der letzten Ebbeströmung laufen wir aus dem Hafen von Pichilingue aus. Ich stehe auf dem Oberdeck und schaue sehnsüchtig zum Quai hinüber, von wo aus die Touristenfähren ablegen. Obwohl ich meinen kleinen Käfer von dieser Distanz aus nicht sehen kann, winke ich zum Abschied kräftig in ihre Richtung, denn ich weiss genau, dass sie jetzt irgendwo da drüben am Ufer steht, sich die Tränen aus den Augen wischt, und auch mir sehnsüchtig zuwinkt. Wir haben zusammen entschieden, dass wir auf zwei verschiedenen Fähren auf's Mainland übersetzen werden, doch auf einmal bin ich mir nicht mehr sicher, ob es wirklich richtig war, sie alleine am Ufer zurückzulassen!? 'Was, wenn ihr etwas zustösst, es sind noch 9 Stunden Wartezeit bis zur Abfahrt ihrer Fähre, oder wie kommt sie auf der langen, nächtlichen Überfahrt zurecht? Ich habe sie doch letztes Jahr fast schon einmal verloren ...', so jagen mir die Gedanken durch den Kopf und für einen Moment denke ich daran zum Kapitän zu rennen und ihn zu bitten umzukehren. Doch irgendwie siegt der Verstand und ich gewinne an Zuversicht und Vertrauen, dass alles gut gehen wird und ich morgen früh meinen lieben, kleinen "Chäfer" wieder in die Arme schliessen kann.
Mittlerweile ist der Hafen von Pichilingue in der Ferne verschwunden und für uns heisst es nun, "Schiff Ahoi!" und ein paar Stunden relaxen. Wir inspizieren den alten Kahn, auf dem das Wort Sicherheit ein Fremdwort zu sein scheint. Ich meine, es hält alles noch irgendwo und irgendwie zusammen, doch einem an Präzision gewöhnten Schweizer Mechaniker - wie ich es eben einer bin - läuft es beim Anblick dieser Konstruktionen eiskalt den Rücken runter. Wenn das bloss gut geht!
Im Aufenthaltsraum mischen wir uns unter die Truckdriver und einer von ihnen spendiert uns als Willkommensdrink ein kühles Bier. Er erzählt uns von sich und seinem Arbeitsalltag als Lastwagenfahrer und wir hören ihm gespannt zu. Er lebt in Tepic, an der Westküste von Mexico, und fährt mit seinem Lastwagen permanent Bananen von Puerto Vallarta nach La Paz (Baja California). Somit gehört für ihn die Fährfahrt von Pichilingue nach Topolobampo und wieder zurück zum gewohnten Alltag. Für uns ist er nur noch der Bananen-Joe.
Natürlich wollen die Kumpels auch wissen, was wir hier in Mexico so treiben und Walti erzählt ihnen in seinem holprigen Spanisch von unseren Reiseplänen und Erlebnissen. "Tja, und jetzt sind wir eben auf diesem Kutter um nach Topolopompon zu gelangen", erklärt er ihnen und die ganze Männerbande bricht in laut schallendes Gelächter aus. Einige von ihnen erholen sich kaum noch davon, dass Walti das für ihn zungenbrecherische Wort Topolobampo einfach nicht richtig aussprechen kann und immer wieder etwas von Topolopompon erzählt. Anscheinend ist unsere Mitreise auch für die Lastwagenfahrer eine unterhaltsame Abwechslung und wir haben viel Spass zusammen.
Plötzlich streicht uns hungrigen Guy's der Duft vom Abendessen um die Nasen. Es gibt Reis und Fisch an einer Gemüsesauce. "Hmmm, lecker!" Es duftet nicht nur fantastisch, es schmeckt auch wirklich köstlich. Der einzige Nachteil ist, dass es hier an Bord kein gescheites Besteck gibt und so bleibt uns nichts anderes übrig, als unser Dinner mit einem Kaffeelöffeli zu geniessen. Na ja, so ist man wenigstens gezwungen langsam zu essen!
Einige der Chauffeure schlagen sich nach dem Nachtessen die Zeit mit Fernseh schauen um die Ohren und andere versuchen ein paar Stunden auf den Sesseln zu schlafen. Die Überfahrt ist sehr ruhig und wir geniessen den Anblick, wie die Sonne malerisch in der "Sea of Cortez" untergeht und unser Schiff tiefe Schatten vor dem sich feuerrot abzeichnenden Himmel auf das Wasser malt.
Um 21 Uhr laufen wir im Hafen von Topolobampo ein. Wir haben dabei die Möglichkeit, neben dem Kapitän zu stehen und ihm beim Manövrieren und Anlegen der Fähre zuzusehen. Eine interessante aber anscheinend recht schwierige Angelegenheit, die ganz schön viel Fingerspitzengefühl und Geduld erfordert. Kaum ist das Schiff am Quai vertaut, beginnt die Mannschaft mit dem Entladen der Fähre. Die Salzwasserluft muss dem Lift auf der Überfahrt ganz schön zugesetzt haben, denn jetzt, da er uns vom Oberdeck wieder in den Schiffsrumpf transportieren soll, streikt er beharrlich. Da hilft alles Rütteln und Schütteln nichts und auch die wilden Stossgebete der Crew bringen das Mistding nicht wieder zum Laufen.
Die im unteren Deck parkierten Lastwagen werden bereits ausgeladen, während ich besorgt zusehe, wie einer der Matrosen verzweifelt ein Elektroschema in den Händen herumdreht und dabei ganz schön ins Schwitzen kommt. Irgendwie schafft er es aber doch, das Vehikel wieder in Bewegung zu setzen - mindestens für drei der insgesamt sechs Fahrzeuge hier auf dem Oberdeck gibt es eine Fahrt nach unten - doch dann ist erst einmal wieder Feierabend. Unterstütz von zwei seiner Kollegen - die anscheinend von diesem Klepperlift noch viel weniger verstehen als er selbst - hantiert der Matrose mit einem Schraubenzieher etwas an der Elektrosteuerung herum und wie durch ein Wunder lässt sich der Lift tatsächlich noch einmal in Bewegung setzen. In der Zwischenzeit haben sie im unteren Deck schon wieder mit dem Beladen der Fähre begonnen und somit gibt es jetzt da unten ein ganz schönes Durcheinander. Die einen wollen noch raus und die anderen schon rein!
Mein Vertrauen in dieses schiefhängende, unzuverlässige Ding schwindet von Minute zu Minute, doch es ist die einzige Möglichkeit um von diesem schei... Kahn runterzukommen. Ich schwitze Blut, als ich als Letzter auf den Lift fahre und sich das Vehikel ruckartig nach unten bewegt. "Nichts wie raus!" sage ich laut zu mir selber und verlasse fast fluchtartig die Crazy-Fähre. Doch auch Walti steckt beim Ausladen wieder in Schwierigkeiten oder besser gesagt, er bleibt mit seiner verwurstelten Anhängerkupplung wieder im Rampenblech hängen, so dass ihm die Schiffscrew mit einer improvisierten Bretterrampe aus der Patsche helfen muss.
Um 23 Uhr haben wir es endlich geschafft. Zusammen mit einigen anderen Truckern stellen wir uns zum Übernachten auf den riesigen Parkplatz gleich bei der Fährstation und stossen mit einem Glas Wein auf unsere geglückte Überfahrt an. 'Wo wohl mein kleiner Käfer nun gerade steckt', frage ich mich besorgt vor dem Schlafen gehen und ohne darauf eine Antwort zu erhalten krieche ich unter die Decke und schlafe besorgt ein.
Die ersten Sonnenstrahlen des heutigen Tages kitzeln mich an der Nase und als ich aus dem Fenster schaue, sehe ich in der Ferne bereits die Touristenfähre einlaufen. Ich springe förmlich aus den Federn zu Walti in den Jeep und wir fahren zusammen zum Pier um Gaby abzuholen. Als wir am Landesteg ankommen, steigen die ersten Passagiere schon aus der Fähre aus. Mexikanische Männer mit ihren Frauen und 'zig Kindern und jedes Familienmitglied schleppt mindestens ein Gepäckstück unter den Armen oder auf den Köpfen mit sich. Irgendwo da zwischen der ganzen Menschenmenge glaube ich meinen Käfer zu sehen - oder war es bloss eine Halluzination? "Nein, tatsächlich, da hinten ist sie, ich kann sie sehen!" schreie ich zu Walti hinüber. Jetzt hat auch sie mich entdeckt. Wir winken einander zu, als ob wir uns seit Wochen nicht mehr gesehen hätten und jetzt trennen uns nur noch ein paar lausige Meter und die nervige Zollkontrolle.
Geschafft! Da sie nur ihren kleinen Tagesrucksack bei sich hat, wird sie an der Zollkontrolle bevorzugt behandelt. Sie sieht sehr müde aber irgendwie glücklich aus und jetzt auf den letzten paar Metern beginnt sie sogar auf mich zuzurennen. Wie ein kleiner Floh springt sie mir um den Hals - ich nenne sie nicht um sonst Käfer - und wir beide sind überglücklich, dass wir einander wieder gefunden haben und das alles so gut geklappt hat.