Kochkurs in Zacualpan
16. Feb. 2000. Die wilde Pazifikbrandung hier an der Los Cocos-Beach liess uns die letzte Nacht nicht gut schlafen. Immer wieder wachten wir auf und hatten Schiss, dass wir unseren Camper evtl. doch zu nahe an den Klippenrand gestellt hatten. Doch wie sich am Morgen herausstellte, waren unsere Bedenken völlig fehl am Platz. Es lagen noch einige sichere Meter zwischen dem wilden Pazifik und unserem Motorhome.
Das erste Stück unserer heutigen Strecke führt uns über 'zig Kehren hinauf auf einen kleinen Pass, von wo aus wir eine herrliche Aussicht auf die gigantischen Bananen-, Kokos- und Papaya-Plantagen und auf den ungezähmten Pazifik haben.
Nach Ixtapan wird die Strasse wieder einmal so ver....schwindend eng, dass ich mich ganz schön konzentrieren muss, um nicht im Strassengraben zu landen. Somit macht Marco in Zacualpan den Vorschlag, einen kurzen Relax-Halt einzulegen. Gute Idee! Wir parkieren unsere RV's in der Nähe des Zócalos (Hauptplatz) und schauen uns den Dorfplatz und die gegenüberliegende Kirche an. Viel gibt es in diesem kleinen Dorf allerdings nicht zu sehen, doch das hektischen Stimmengewirr, das da aus der Gemeindehalle zu uns herüber dringt, zieht plötzlich unsere ganze Aufmerksamkeit auf sich. Neugierig gehen wir hinüber und stecken unsere Nasen durch die offenstehende Türe. Oh Gott! Da herrscht ein so reges Treiben wie in einem Bienenhaus. An vielen kleinen Tischchen hantieren 'zig fleissige Frauen und die Halle ist erfüllt von Geschwatz, Gelächter und Kindergejohle. "What the heck are they doing?" (auf schwiizerdütsch: was Cheiibs mached dii?) will Marco gwundrig wissen. Ich tippe auf eine "grande fiesta" oder ganz einfach auf einen lustigen MuKi-Morgen, weil da so viele kleine Kinder in der Halle herumrennen. Walti jedoch hat keine Lust zum Rätselraten und meint ganz cool: "Gömmer doch eifach emol go luege!" In diesem Moment werden wir von einer Frauengruppe entdeckt. Sie sehen uns unsere Neugierde an und fordern uns auf näherzutreten.
Herzlich werden wir an einem der kleinen Tischchen von ein paar Frauen begrüsst, welche uns darüber aufklären, dass wir uns hier mitten in einem Kochkurs befinden und unbedingt von ihren neuen Leckereien probieren müssen. Das lasse ich, Riesen-Schleckmaul, mir natürlich nicht zweimal sagen. Mit einem grossen Kochlöffel steche ich mir ein Stückchen des bunten Desserts ab. "Mmhhhh!" Es schmeckt wirklich ausgezeichnet. Alle Augen sind auf mich gerichtet, als ich mir den viel zu grossen Kochlöffel in meinen kleinen Mund stecke und einige der Frauen lachen sich halb krumm, als ich mir den viel zu grossen Löffel in den Mund stecke. Genüsslich genehmige ich mir noch einen Löffel davon und lecke mir zum Schluss noch die Resten von den Mundwinkeln ab. Natürlich will ich jetzt gerne wissen, wie diese köstliche Nachspeise zubereitet wird. "Also, man nehme klein geschnittene Apfelstücklein, gehackte Peacan-Nüsse, etwas gesüssten Rahm und vermische das Ganze. Diese Masse gebe man in eine Schüssel und streiche die Oberfläche glatt. Darauf kommt eine weitere Rahmschicht und oben drauf noch eine Schicht Erdbeergelée und: Pronto! fertig ist das zuckersüsse Schlemmer-Dessert."
An einem anderen Tisch sind ein paar Frauen damit beschäftigt, mit flinken Händen einen Teig zu kneten, ihn flach zu wallen und dann kleine Taler auszustechen. Diese legen sie auf ein Blech, welches sie am Ende des Kochkurses nach Hause tragen um die Guetzli im Backofen goldbraun zu backen. Interessiert schaue ich ihnen eine Weilchen zu als eine der Teilnehmerinnen plötzlich auf die Idee kommt, dass ich mich selbst einmal im Guetzli machen versuchen solle. "Ja, ja, ja!" stimmen ihre Kolleginnen sofort begeistert zu und drücken mir einen Teigklumpen in die Hände. Geschickt knete ich den Teig noch ein paarmal durch und versuche mit dem improvisierten Wallholz den Teig flachzukriegen. Keine Chance! Der Teig klebt wie Kleister am Walholz und mir bleibt nichts anderes übrig, als diesen resigniert von der Rolle abzuknübeln und nochmals zu einem glatten Teig zusammenzukneten. Nun versuche ich es auf meine Art. Ich teile den Teig in kleine Stückchen, forme daraus in meinen Händen Kugeln, die ich mit der Handfläche auf dem Tisch ganz vorsichtig, gleichmässig flachklopfe. Dann nehme ich ein Glas und steche daraus die Taler aus. Die Frauen sind begeistert und klatschen kräftig Beifall. Wir haben riesig "de Plausch" zusammen und sie fordern uns auf zu bleiben, bis die Guetzli fertig gebacken sind. Doch uns zieht es weiter und so bedanken wir uns herzlich und verabschieden uns mit einem süssen Geschmack auf den Lippen von diesen lustigen Weibern von Zacualpan. Ein paar der Kinder begleiten uns noch bis zu den RV's und wir belohnen sie dafür mit ein paar bunten Bonbons.
Gaby beim fröhlichen
Kochkurs in ZacualpanUnsere Fahrt führt uns weiter nach Puerto Vallarta - ein wunderschöner Nobel-Ferienort in der Bahía de Banderas. Marco lotst mich wie ein lebendes GPS (Global Position System) in das Grossstadt-Chaos. Wir tuckern also gerade so gemütlich auf der zweispurigen Alleestrasse dahin, als ich plötzlich einen Taxifahrer neben mir bemerke, der mich mit wildem Gestikulieren darauf aufmerksam macht, dass ich die Scheibe runterkurbeln soll. "What's wrong?" frage ich zu ihm hinüber. Er erklärt mir sehr freundlich, dass wir uns hier auf der Car-Route befinden und dafür von der Polizei ein Ticket kassieren werden, wenn sie uns erwischen. "Die Truck-Route befindet sich gleich paralell zur Car-Route", klärt er mich auf. Alles paletti! "Thank you very much", bedanken wir uns für diesen heissen Tipp und verschwinden unverzüglich von der Car-Route um unsere Reisekasse zu schonen. Dass diese Strasse ausschliesslich von Trucks benutzt wird, ist unschwer an dem unebenen Belag zu erkennen. Gottseidank ist es nur ein kurzes Stück, welches wir noch auf der Truck-Route fahren müssen, bevor uns der Wegweiser Richtung Barra de Navidad auffordert nach Osten abzubiegen. In einer fast halsbrecherischen Aktion wechsle ich über die drei Spuren auf die linke Einspurstrecke. 'Uff, geschafft!' denke ich so für mich, doch jetzt geht das Abenteuer erst richtig los. Die Strasse wird immer enger und vor allem schlechter. Das, was die hier als Hauptdurchgangsstrasse bezeichnen ist nichts anderes als eine mit riesigen Bollensteinen besetzte Gasse, welche mit einigen Speed-Bumps - oder Topes, wie sie hier in Mexico genannt werden - gespickt ist. Hier quält sich der gesamte Verkehr - inkl. uns - Richtung Süden durch. Das schlimmste sind jedoch die Tunnels. Sie sind stockdunkel und der Strassenbelag kommt einem durchlöcherten Waschbrett sehr ähnlich. Wieder einmal ist meine vollste Konzentration gefordert, denn zu allem Elend röhren auch noch die ekelhaft stinkenden Passagierbusse in einem Höllentempo um Haaresbreite an unserem RV vorbei. Marco versucht neben mir so gut es geht die Ruhe zu bewahren und mich auf dem direktesten Weg aus diesem Chaos herauszulotsen. Ich atme wirklich auf, als er mir sagt: "Hey Baby, give me five, we did it!" (wir haben es geschafft!).
Die Strecke südlich von Puerto Vallarta führt uns in herrlich kurviger Strecke immer höher hinauf auf den westlichen Ausläufer der Sierra Madre del Sur. Wir wechseln von der topischen Küstenvegetation über faszinierende Kakteenhaine hinauf zu den würzig duftenden Koniferenwäldern. Kaum noch zu bremsen ist unser "Truckli", als es "änne wieder abe gaht". Kurz vor dem Dorfeingang von La Cumbre lasse ich den RV etwas ausrollen, als ich im Rückspiegel sehe, wie mir Walti mit der Lichthupe ganz verrückt Zeichen gibt. "Ich glaube, dä Walti hät es Problem", sage ich zu Marco und halte gleich beim Ortsschild an. Marco steigt aus und läuft zu Walti um zu sehen, ob er ihm etwas helfen kann. "Oh Sch....ande, ein Teil von Walti's Jeep-Anhänger hat sich verabschiedet und der Jeep hält nur noch an einem "Fädeli". Das Ding muss neu geschweisst werden, denn so können wir unmöglich noch weiterfahren. Die beiden Männer schnallen den Jeep ab und wir fahren mit allen Fahrzeugen zur Pemex-Tankstelle, wo wir uns nach der nächst besten Möglichkeit erkundigen, um das Ding fachmännisch schweissen zu lassen. "Gleich hier oben im Dorf ist einer, der euch bestimmt weiterhelfen kann", verrät uns der liebenswürdige Herr von der Tankstelle. Und tatsächlich, in einer guten Stunde ist das "Lotterding" von einem Anhänger wieder zusammen geschweisst und aufnahmefähig. Eins-zwei schnallen wir den Jeep wieder auf und nehmen das letzte Stück unserer heutigen Strecke unter die Räder.
Wow, das war vielleicht wieder ein erlebnisreicher Tag. Tja, wie heisst es doch so schön: Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen - oder erleben!