Die Kinder von Ojo de Agua de Palmillas
15. Feb. 2000. Die Sonne steht noch flach am Himmel, als wir Mazatlán an diesem herrlichen Morgen wieder verlassen. Die Stadt erwacht langsam zum Leben und überall machen sich die Leute auf den Weg zur Arbeit. Die einen fahren mit rostigen Fahrrädern, die anderen haben eine Mitfahrgelegenheit hinten auf einem Pickup ergattert und wieder andere warten im Bushalteverbot auf den Linienbus! Keiner hier scheint das Halteverbot zu interessieren. That's Mexico!
Einige, die es nicht so eilig haben, essen in einem der unzähligen Strassen-Palapa-Restaurants ihre allmorgendlichen Tacos zum Frühstück. Wir dagegen machen uns auf den Weg weiter Richtung Süden. Die heutige Strecke hat an Vielfältigkeit nichts ausserordentliches zu bieten und so machen wir erst in Ojo de Agua de Palmillas - einem kleinen Dorf an der MEX 15 - einen Erfrischungshalt.
Wir parkieren unsere RV's an der Hauptstrasse, gleich neben einer gut 2 Meter hohen Mauer. Sofort sind wir von ein paar Jungs umgeben, die uns nach Regalos (Geschenken) anbetteln. Wir geben ihnen ein paar Bonbons und bitten sie, uns dafür zu verraten, wo wir hier im Dorf etwas trinken können. Sie führen uns zu einem Palapa-Restaurant mit selbstgebastelten Holztischen und -Bänken und wir hoffen sehnlichst, dass diese unseren Besuch noch überleben. Von hier aus haben wir wenigstens auf einige Meter Distanz eine gute Sicht auf unsere RV's, was uns sehr beruhigt.
Dorfrestaurant von
Ojo de Agua de PalmillasUnverzüglich sind wir die Hauptattraktion im Dorf und es scheint, als ob sich jedermann/-frau um uns bemüht. Walti bestellt einen Milchkaffee und die junge Wirtin schickt ohne zu zögern einen der Jungs mit dem Fahrrad los, um irgendwo im Dorf frische Milch aufzutreiben. Er kommt kurz darauf tatsächlich mit einer frischen Milchpackung in der Hand angeradelt und Walti singt voller Freude: "Bin so glücklich trallalallala, wänn ich es Tässeli Kafi haa!". Das Restaurant macht zwar einen ziemlich lottrigen doch sauberen Eindruck und da uns wieder einmal der Magen knurrt - oder viel mehr der Gluscht drückt - bestellen wir 2 Beef-Tacos (wir wollen ja nicht gleich übertreiben!). Noch ehe wir uns versehen, sind die beiden feinen Tacos weggeputzt und jetzt ist der Gluscht noch viel grösser als vorher. Also bestellen wir gleich noch ein paar von diesen leckeren Tacos-Rollen und warten geduldig darauf.
Während wir so warten, unterhalten wir uns mit den Kindern, die uns hierher geführt haben und welche uns seither aus sicherer Distanz neugierig mustern. Einer der Jungs - er ist 10 Jahre alt - erzählt uns, dass er noch drei jüngere Geschwister hat und dass seine Mutter vor 3 Jahren an einer Krankheit gestorben ist. Sein Vater ist Fischer von Beruf - worauf er wirklich sehr stolz ist - und er selbst darf jeweils am Nachmittag, mit ein paar anderen mittellosen Kindern, hier im Dorf zur Schule gehen. Leider hat sein Vater zuwenig Geld um Schulhefte zu kaufen und so muss er alles im Kopf behalten, was die Lehrerin sagt. "Manchmal ist das schon ein bisschen schwierig und so vergesse ich oft viel wieder", erklärt er uns und schaut dabei beschämt zu Boden.
Mir bricht es wieder einmal fast das Herz, als er mit seinen Kameraden so neben uns steht und uns von sich und seinem Leben erzählt, ohne dabei wirklich zu klagen oder zu jammern. 'Wie bloss, kann ich diesem Jungen nur helfen', geht es mir durch den Kopf und da plötzlich habe ich eine Idee: 'Klar! Ich habe doch im RV noch ein ungebrauchtes Notizheft liegen. Genau das ist es, was der Junge gebrauchen kann!' Ohne jemandem etwas von meinem Vorhaben mitzuteilen, gehe ich zum RV zurück, um das Heft zu holen. Dort werde ich von einer weiteren Kinderschar empfangen, die ebenfalls nach Regalos betteln. Da ich vorher meine letzten Bonbons verteilt hatte, versuche ich die Kinder auf später zu vertrösten. Ich bin sicher, dass Walti in seinem RV noch ein paar Bonbons hat, an die ich aber im Moment nicht herankomme. Also hole ich das Notizheft und einen Bleistift mit aufgesetztem Gummi aus dem Camper, schliesse alles wieder gut ab und spaziere zum Restaurant zurück.
"Hey Amigo!" rufe ich den kleine Jungen zu mir her und strecke ihm das knallgelbe Notizheft und den bunten Bleistift entgegen. Für einen Moment schaut er mich mit grossen Augen völlig ungläubig an und erst als ich ihm erkläre, dass dies ein Geschenk von mir für ihn ist, nimmt er es freudestrahlend an. Er blättert kurz darin und jetzt strahlen seine kleinen, dunklen Augen regelrecht vor Freude. Er bedankt sich vielmals bei mir und drückt das neue Heft mit dem Bleistift ganz fest an sich. Nur sein bester Freund darf ganz kurz einen Blick hinein werfen, dann drückt er es wieder ganz fest an seinen Körper. Ich bin überglücklich, dass ich ihm mit diesem kleinen Geschenk eine so grosse Freude gemacht habe. Schade, dass ich nicht noch mehr Hefte zum Verschenken dabei habe.
In der Zwischenzeit sind die Tacos fertig und der würzige Duft steigt uns in die Nasen. Walti teilt jede der Tacos-Rollen in zwei Teile und schlägt vor, dass wir den Kindern auch etwas davon abgeben. Gute Idee! Also drücke ich dem kleinen Freund ein Stück Taco-Rolle in die Finger. Er klemmt sein Heft unter den Arm und isst sein Stück Taco ganz langsam und genüsslich. Als er fertig ist strecke ich ihm nochmals eines hin, er muss sicher sehr hungrig sein. Er nimmt es dankend entgegen und geht damit zu einem Jungen, der etwas abseits von uns auf dem Boden sitzt. Fast entschuldigend schaut er mich an und erklärt mir, dass er dieses Stück seinem Kollegen gibt, da dieser bis jetzt noch keines dieser feinen Taco-Röllchen abbekommen hat. Er legt es ihm in die kleine, schmutzige Hand, dieser zögert nicht lange, schiebt sich das ganze Taco-Stück auf einmal in den Mund, kaut ein paar Mal und schwupps ist der Happen verschwunden. Unglaublich, das nenne ich wahre Nächstenliebe!
Wir bezahlen gerade unsere Rechnung, als plötzlich ein riesiges Hallo losgeht. Die Kinder um uns herum sind ganz aufgeregt und zeigen immer wieder auf unsere RV's. Wir schauen genauer hin uns jetzt sehen wir es auch. Da schleichen ein paar Kinder um unsere RV's herum und hantieren etwas herum. Unsere kleinen Freunde rennen los und vertreiben die Bande mit lautstarkem Geschrei und Boxhieben. Als wir älteren Semester auch bei den RV's ankommen zeigen uns die Kinder, dass uns die diebische Bande die Ventildeckeli von den Pneus geklaut hat. Wir checken kurz wieviele Deckeli sie uns schon abgeschraubt haben. An Walti's Jeep und RV fehlen insgesamt sieben Stück doch an unserem RV sind zum Glück noch alle dran. Insgeheim muss ich mir das Lachen verkneifen und an meine eigenen Lausbuben/-mädchen-Streiche von früher denken!
Walti auf der Suche nach den
verschwundenen Ventildeckeli"Kennt ihr die Kinder, die das gemacht haben?" will Walti von unseren kleinen Freunden wissen. "Ja, die gehen gleich hier hinten zur Schule", erklären uns die Kinder und zeigen auf die Mauer, vor der wir die RV's geparkt haben. Gleich hinter der hohen Mauer befindet sich also der Schulhof. "Also los", befiehlt Walti, "bringt mich zu den frechen Gesellen." Im Gänsemarsch folgen wir den Kindern zur Schule, wo es sofort ein riesiger Kinder- und Lehrer-Auflauf gibt. Alle strömen aus den Klassenzimmern um zu sehen, was hier draussen los ist und schlussendlich stehen erwa 100 Kinder begleitet von ihren Lehrern auf dem Pausenhof. Alle reden wie wild durcheinander und so entsteht ein Riesenspektakel, bis die Schulrektorin auf dem Platz erscheint um sich die Geschichte anzuhören. Erzürnt und mit sehr energischen Worten fordert sie die Kinderschar auf, sofort mit dem Diebesgut herauszurücken, ansonsten sie die Polizei rufen werde. Auf wundersame Weise kommen so über 'zig verschiedene Hände vier der insgesamt sieben vermissten Ventildeckeli wieder zum Vorschein. Walti gibt sich damit zufrieden und wir ziehen, patrouilliert von unseren kleinen Freunden und einer zusätzlichen Kinderhorde, wieder ab. Auf dem Rückweg zu den RV's steckt ein kleines Mädchen Walti ganz unauffällig noch ein weiteres Ventildeckeli zu und verschwindet sofort in der Kinderschar. Yeah, bis auf zwei haben wir sie alle wieder zurückerobert.
Ganz dicht neben mir läuft der Junge mit dem Schulheft und ich höre, wie ein anderer Junge zu ihm sagt: "Pahh, das sind doch sowieso nur Gringos!" Blitzschnell dreht sich mein kleiner Freund um, gibt dem vorlauten Kumpel einen kräftigen Schubs und schreit ihn wütend an: "Das sind keine Gringos, das sind Amigos!" So, nun ist ein für allemal Ruhe! Während wir uns für die Weiterfahrt bereit machen, steht der kleine Knirps mit dem gelben Schulheft unter dem Arm fast beschützend neben mir. So langsam aber sicher heisst es Abschied nehmen. Wieder einmal ein Abschied, der es in sich hat. Der kleine Amigo drückt mir zum Abschied ganz fest die Hand, schaut mich mit seinen glänzenden Augen dankbar an und bedankt sich nochmals ganz herzlich für das Heft und den Bleistift. Im Rückspiegel sehe ich, dass er uns noch lange nachwinkt. Meine Augen füllen sich mit Tränen. Ach, wie ich solche Abschiede hasse. Doch trotz alledem macht es mich glücklich, dass ich einem armen kleinen Jungen mit diesem Geschenklein eine solch grosse Freude machen konnte.