Mondfinsternis und andere finstere Ereignisse!
20.-21. Jan. 2000. Die Erkältung, die ich aus der Schweiz hierher importiert habe, macht mir im Moment ganz schön zu schaffen. Heute morgen hat sich meine Stimme von mir verabschiedet - ich bringe keinen einzigen Piepser mehr heraus - und ich kommuniziere mit Marco nur noch per Zeichensprache. Toll!
Die heutige Fahrt führt uns an die Ostküste der Insel nach Santa Rosalia. Es ist eine wunderschöne Fahrt über die nördlichen Ausläufer der Sierre de la Giganta und wir vermissen wieder einmal ganz "schaurig" unseren Töff, der ein paar lumpige Kilometer weiter nördlich in Los Angeles steht und darauf wartet, dass er wieder einmal bewegt wird.
Etwas südlich des Dorfes Santa Rosalia finden wir einen ganz hübschen Campground unter Schatten spendenden Palmen und mit ein paar herzigen Palapas (Holzhütten mit Palmdachblättern). Wir parkieren unsere RV's, hüpfen in den Jeep und sausen los, um uns das Dorf Santa Rosalia näher anzusehen. Als erstes suchen wir das Telmex-Büro, weil man da - wie man uns vor ein paar Tagen gesagt hat - die E-Mails checken kann. Immer wieder halten wir an und fragen ein paar Leute nach dem Weg: "¿Dónde está la oficina Telmex?" Freundlich lächelnd und wild gestikulierend helfen uns die Einheimischen weiter und ich weiss nicht liegt es an unseren mageren Spanisch-Kenntnissen oder am Einbahn-Chaos hier im Dorf, auf jeden Fall können wir das doofe Telmex-Büro einfach nicht finden.
Schon fast am Verzweifeln fahren wir eine Strasse rechts, dann wieder eine links und dann endlich finden wir eine Strasse, die wahrscheinlich direkt zu diesem Büro führt. Sie ist zwar nicht geteert, doch Walti's 4-WD-Jeep wird das ja kaum stören. "Hey, sind mir zwei nöd guet!?" rühmen sich die beiden Helden vor mir und die können nur froh sein, dass ich mich heute dazu nicht äussern kann. Wir kurven also um einen mitten auf der Piste stehenden Lastwagen herum und holpern über die staubige Dreckpiste dahin, als neben uns ein völlig aufgebrachter Mexikaner lauthals zu schreien beginnt und uns wild gestikulierend zum Anhalten auffordert. "Was ist denn nun schon wieder los?" fragt sich Walti und tritt voll auf die Bremse. Als sich die beiden Helden etwas nach vorne beugen und etwas genauer aus der Windschutzscheibe gucken, sehen sie, "oh je, oh je!" dass unmittelbar vor uns ein riesiger, unbedeckter Graben klafft, in den wir um ein Haar hineingefahren wären. Da hätte auch der beste 4-WD nichts mehr genützt. "¡Muchas gracias, señor!" bedanken wir uns bei dem nun völlig erleichterten Mexikaner. "Uff, das war ganz schön knapp!" Also machen wir rechts-um-kehrt und hötterlen den selben Weg wieder zurück. Wir fragen noch einmal und diesmal finden wir tatsächlich auf Anhieb den richtigen Weg. Auf mexikanische Art parkiert Walti seinen Jeep direkt vor dem Eingang der Telmex und frustriert stellen wir fest, dass das Büro jeweils nur bis 13:30 Uhr geöffnet hatte. "¡Adios amigos, hasta mañana!" Na ja, morgen ist auch noch ein Tag!
In einer Seitenstrasse parkieren wir den Jeep und sichern ihn vor eventuellen Langfingern. Jetzt können wir uns in aller Ruhe unserem Dorfbummel widmen. Wir schlendern durch die engen Gassen des Dorfes - einige von ihnen kennen wir schon von unserer Labyrinthfahrt, schauen uns die Eisenkirche "Iglesia Santa Barbara" von Alexandre Gustave Eiffel an, kaufen uns in der berühmten "El Boleo"-Bäckerei einen köstlichen Z'vieri und ein knuspriges Brot und gönnen uns beim Eiscréme-Verkäufer ein leckeres home-made Glace. Ganz toll so ein Dorfbummel!
Hhmmm.... lecker!!!
Irgendwie kommt Walter auf einmal die verrückte Idee, dass wir ein paar Kinder vom Dorf zum Narren halten könnten, weil wir die Telmex (Internet-Café) fast nicht gefunden haben. Er ruft eine Kinderschar zu sich her und fragt: "¡Hola! Wisst ihr wo San Email ist?" Wir lachen schon heimlich auf den Stockzähnen, als ein kleines Mädchen aus der Gruppe keck zu uns hoch schaut und antwortet: "Si, claro señor!" Tja, jetzt schauen wir aber ganz schön doof aus der Wäsche und mit einem Mal fangen die Kinder an laut über uns zu lachen und stecken uns gleich mit ihrem herzhaften Lachen an - so, wie es eben Kinder noch können. Für ihre Fröhlichkeit belohnen wir sie mit einer handvoll Bonbons und verabschieden uns von ihnen. Ich bin sicher, wir werden noch lange an die Kinder von "San Email" - sorry, Santa Rosalia - denken!
Die kleinen Mädchen
von "San Email"Als wir zum RV-Park zurückkommen sehen wir, dass sich unsere Nachbarn mit Klappstühlen, Fotoapparat und Riesenfernrohr bewaffnet auf dem Vorplatz eingerichtet haben. Gwundrig wie wir eben sind, wollen wir wissen, was es denn da schönes zu sehen gibt. Vielleicht einen tollen Sonnenuntergang? Ein vorbeifliegender Meteor oder kommen sogar ein paar Ausserirdische in einem Ufo angedüst? Nichts dergleichen. "Today the moon will have a shadow!" erklärt uns die intelligente Dame von nebenan. "Aha!" Das heisst aber nicht etwa, dass der Mond heute besoffen ist, sondern dass es heute Nacht eine Mondfinsternis geben wird. "So etwas gibt's nur dann, wenn die Erde genau vor der Sonne steht und so für einen Moment ihren Schatten auf den Mond wirft." Etwa auf diese Art und Weise erklärt uns die Lady das bevorstehende Phänomen. Na ja, das gibt's ja wohl nicht alle Tage zu sehen und so schnappen auch wir uns unsere Klappstühle, stellen unsere Kamera auf dem Stativ in Position und warten geduldig darauf, dass es endlich dunkel wird.
Als glutroter Feuerball verschwindet die Sonne langsam hinter den Bergen und bald schon werden am Horizont die Silhouette des Mondes und die ersten Sterne sichtbar. Kugelrund lacht uns das milchig bleiche Mondgesicht vom Himmel entgegen und er ahnt wohl noch nicht, dass wir ihn schon bald "beschatten" werden. Mit dem hereinbrechen der Nacht steigt die Spannung und die Sternguckerin macht uns weis, dass es nun bald soweit ist. Doch wir warten, und warten, und warten... und vertreiben uns die Zeit damit, dass wir ab und zu einen Blick durch das Riesenfernrohr werfen - welches bestimmt ein Heidengeld gekostet hat, jedoch nicht annähernd so gut ist wie Walti's stinknormaler Feldstecher - und uns von der Meisterin die Sternbilder und Planeten erklären lassen. Und nun endlich ist es so weit! Ganz langsam aber sicher schiebt sich von der linken Seite her ein lichter Schatten über den Mond. "Amazing!" Unsere Sternguckerin macht sich vor Aufregung fast in die Hosen und ich muss ganz ehrlich gestehen, dass auch wir für einige Zeit dieses tolle Naturschauspiel bewundern. "¡Buenas noches amigos!"
Heute wollen wir nur eine ganz kurze Strecke bis nach Mulege fahren. Ich bin froh darüber, denn obwohl meine Stimme heute wieder einigermassen zu gebrauchen ist, fühle ich mich noch ein bisschen matt. "Soll ich heute fahren?" fragt mich Marco. "Nein, nein, es geht schon", gebe ich ihm selbstsicher zur Antwort.
Wie die Tage zuvor manövriere ich unseren 2,6 Meter breiten Camper über die immer noch sehr schmale MEX1 Richtung Süden. Die Fahrt erfordert auch heute wieder vollste Konzentration, denn unmittelbar da, wo die weisse Seitenmarkierung auf der Strasse ist, fällt die Fahrbahn sehr rapide in den Strassengraben ab. Das bedeutet, einmal mit dem Vorderrad etwas zu weit nach rechts und "schwupps" liegst du mit samt dem Camper im Kakteen bewachsenen Strassengraben. Ab und zu gibt es Stellen, wo sogar ein Stück der Seitenmarkierung abgebröckelt ist und nur noch ein riesiges Loch klafft, da wird's dann ganz besonders heikel.
Von weitem sehe ich ein Camper auf uns zu kommen und gehe wie gewohnt etwas vom Gaspedal runter. Ich denke gerade so für mich: 'Uff, das wird ganz schön eng!' In diesem Moment gibt es einen fürchterlichen Knall und unsere beiden linken Aussenspiegel verabschieden sich von unseren RV's. Ich halte sofort an und bin stocksteif vor Schreck und Marco stinksauer, dass ich Dickkopf mich heute trotz meiner Erkältung hinters Steuer gesetzt habe. Ich mag mir den Schaden im Moment gar nicht anschauen, doch wie ich mitbekommen habe, ist ausser dem linken Spiegel sonst nichts defekt. Marco steigt aus um sich den Schaden anzusehen und Dampf abzulassen. Auf der Strasse findet er neben ein paar Scherben auch den kleinen runden Zusatzspiegel, welcher den Crash heil überstanden hat. Der andere Fahrzeuglenker, der an unserer Streifung genauso Schuld ist wie ich, ist einfach weitergefahren. Für heute habe ich vom Camperfahren echt die Schnauze voll und so wie's aussieht, lässt mich Marco momentan auch gar nicht mehr fahren. Gottseidank ist es jetzt nur noch ein kurzes Stück bis zum RV-Park, denn ohne Rückspiegel zu fahren ist schon eine etwas mulmige Sache, nur gut dass wir Walti mit seinem riesigen RV in unserem Windschatten haben. Tja, so hat eben jede schöne Reise auch ab und zu einmal seine Schattenseiten, gerade so wie bei einer Mondfinsternis!
Marco und Walti fahren am Nachmittag ins Dorf Mulege und finden dort einen Glaser, der unseren Spiegel sofort für läppische 60.- Pesos (ca. SFr. 10.-) repariert. Wie wir anhand des Spiegelgehäuses feststellen können - welches übrigens ausser ein paar kleinen Schleifspuren noch völlig intakt ist - haben sich die beiden Spiegel nur um ca. 1 cm touchiert, doch das hat gereicht!
Bei einem leckeren Spanferkel-Barbecue und einem eisgekühlten Margarita-Drink versöhnen wir beide uns wieder und ich bin froh, dass wir diesmal noch mit einem "blauen Auge" davon gekommen sind!