Einreise - Chaos


6. Jan. 2000. Die zwei Monate in der Schweiz gingen wie im Flug vorbei und diesmal fällt uns das Abschied nehmen noch schwerer, denn nun wissen wir, wie schnell es ein Abschied für immer sein kann. Marco's Eltern begleiten uns wie immer auf den Flughafen und ich freue riesig, als ich sehe, dass sich Stefan - mein Bruderherz - so früh aus den Federn gequält hat um uns nochmals "Goodbye" zu sagen. Eine wirklich wahre Leistung, denn ich weiss, wie schwer im das frühe Aufstehen fällt!

Wieder fliessen ein paar dicke Abschiedstränen und die Umarmungen sind diesmal noch ein bisschen intensiver. Aber nichts desto trotz freuen wir uns - mit wieder mehr oder weniger heilen Knochen - unsere Weiterreise antreten zu können.

Es wird Zeit die Passkontrolle zu passieren. Noch einmal ein letzter Blick zurück und dann bringt uns die Rolltreppe hinunter zu den Gates, wo die Lufthansa-Besatzung schon darauf wartet, dass wir endlich einsteigen. Türe zu und los geht die Reise erst einmal Richtung Frankfurt und von da aus dann weiter nach Los Angeles.

Da ich einmal mehr als Marco über den grossen Teich nach Los Angeles geflogen bin, hatte ich genügend Flugmeilen gesammelt, um mein Economy-Ticket kostenlos in ein Businessclass-Ticket umzuwandeln. Marco fehlten dazu leider ein paar Meilen und so muss er nun mit einem stinknormalen Economy-Ticket reisen. Aber natürlich war mir schon von Anfang an klar, dass ich ihm meinen Businessclass-Sitz abtreten würde, da ich ein ganz bisschen kleiner bin wie er und besser in einem Economy-Sitz Platz finde. Am Boardingschalter in Frankfurt versucht Marco sein Glück nochmals, einen Upgrade für sein Ticket zu bekommen. "Können sie haben," antwortet die mürrische Angestellte, "aber das kostet für einen Weg US$ 1'200.-". Na ja, schon besser als die US$ 2'000.- die man uns auf dem Reisebüro dafür abknöpfen wollte, doch für unser Budget noch immer viel zu teuer. Also tauschen wir kurzerhand unsere Boradingpasses und ich setze mich als Marco Seewer in den Economy-Sitz und Marco als Gabriela Seewer in den Businessclass-Sitz. Was soll's, es sind ja nur ca. 10 Stunden Flugzeit und dann sind wir wieder zusammen.

Mit ohrenbetäubendem Dröhnen hebt der tonnenschwere Jumbo von der Startbahn ab und ich versinke in Gedanken, was wir auf unserer Weiterreise wohl diesmal so alles erleben werden. Eine freundliche Stimme weckt mich aus meinen Tagträumen auf: "Sind sie Gabriela Seewer?" fragt die junge Stewardess neben mir knieend. "Ja, die bin ich", antworte ich und wundere mich dabei, was sie wohl von mir will. "Ihr Mann sitzt mit ihrem Ticket da vorne in der Businessclass und hat uns gefragt, ob es möglich wäre, dass sie auch nach vorne kommen könnten. Da auf dem heutigen Flug noch genügend Plätze frei sind, hat meine Chefin entschieden, dass sie sich nach dem Essen für ein paar Stunden zu ihrem Mann setzen dürfen, solange, bis wir das zweite Essen servieren." Ich strahle über's ganze Gesicht und bedanke mich vielmals bei der netten Stewardess. Hey, that's a big deal! Jetzt kann ich es kaum noch erwarten, bis endlich das Essen serviert wird und ich mich für ein paar Stunden von der "Holzklasse" verabschieden kann. Dem eingebildeten Ehepaar neben mir scheint das Ganze überhaupt nicht zu gefallen. Sie reden kein einziges Wort mit mir, schauen mich nur herablassend an und als ich meine Siebensachen zusammenpacke höre ich wie die Frau ihren Mann in die Seite "stupst" und sagt: "Siehst du Ludwig, sooooo macht man das!"

Ganze 6 Stunden verbringe ich da vorne in der bequemen Businessclass, bis mich die Stewardess bittet, wieder auf meinen Platz in der Economy-Class zurückzugehen da nun das zweite Essen serviert wird. Als ich zu meinem ursprünglichen Platz zurück komme, scheint die ältere Dame wegen meines kostenlosen Klassenwechsels immer noch stinksauer auf ihren armen Ehemann Ludwig zu sein, denn die beiden reden bis zur Landung kein einziges Wort mehr miteinander. Was müssen die beiden nur für einen schrecklichen Flug gehabt haben.

Völlig entspannt entsteigen wir in Los Angeles dem dicken Jumbo und jubeln fast vor Freude, als wir sehen, dass heute fast keine Leute an den Einreiseschaltern anstehen. "Toll, heute geht's bestimmt schnell vorwärts", sage ich zu Marco und wirklich, im null-komma-nichts sind wir an der Reihe. Die Einreisebeamtin scannt unsere Pässe ein, schaut auf ihren Bildschirm und bemerkt misstrauisch: "Ihr seit aber sehr oft in der letzten Zeit hier in die USA eingereist! Kann ich Eure Retourtickets sehen?" Oh je, oh je, auch das noch, nun ist guter Rat teuer! Da wir das letzte Mal, bei unserem Rückflug in die Schweiz, die Tickets in Los Angeles gekauft haben, war das heutige Ticket (Schweiz - Los Angeles) das Retourticket. Ein Ticket zurück in die Schweiz haben wir leider noch gar nicht. Mit einem schüchternen Lächeln erklärt Marco ihr: "I'm sorry, wir haben kein Retourticket." Das scheint für die dicke Beamtin einfach zuviel des Guten zu sein. Kopfschüttelnd packt sie unsere Pässe und bittet uns: "Please, follow me!" Sie führt uns in einen Raum, wo ein Einreisebeamter an einem Tisch sitzt und vor ihm ein paar Einreisewillige darauf warten, bis sie an der Reihe sind und vor allen wartenden Leuten dem Einreisebeamten Rede und Antwort stehen müssen.

Als wir beide schliesslich an der Reihe sind, sitzt nur noch eine Frau im Warteraum und wir sind froh, dass wir unsere Story nicht vor der ganzen Vollversammlung vortragen müssen. Und jetzt geht die ganze Fragerei nochmals von vorne los und wir versuchen, auf jede Frage eine gezielte, kurze Antwort zu geben. Doch dann kommt nochmals so eine heikle Frage, die uns für eine kurze Zeit droht das Genick zu brechen: "Wo arbeitet ihr in der Schweiz?" (Achtung! Er will nicht wissen was wir arbeiten, sondern wo). "Wir haben unsere Jobs gekündigt, unser Haus verkauft und reisen hier in ganz Nordamerika mit dem eigenen Motorhome und dem Motorrad herum", erklärt ihm Marco nun mit aller Ehrlichkeit. "Wir waren im April letzten Jahres hier eingereist um dann in Kanada zur Schule zu gehen. Im Juli hatten wir einen schweren Motorradunfall .... bla, bla, bla." Ich drohe bald einzuschlafen und sehe uns in Gedanken schon wieder auf dem Abschiebeflug zurück in die Schweiz, während Marco dem Beamten den Kopf mit unserer ganzen Geschichte von USA-Ein- und Ausreisen vollquatscht. Doch es lohnt sich, denn plötzlich schaut der Einreisebeamte auf und meint: "Aha, dann seid ihr also reich!?" Marco schaut ihn für einen kurzen Moment verdutzt an und stimmt ihm dann mit einem verschmitzten Lächeln und einem kräftigen Kopfnicken zu: "Tjaaaa, so könnte man das nennen!" "Also wenn das so ist", meint nun der Beamte ebenfalls freundlich lächelnd: "Have a nice, safe trip!" und drückt uns einen 6-monatigen Aufenthaltsbewilligungs-Stempel in den Pass. Uff, das wäre geschafft, nun aber nichts wie raus hier!

Mit einem "give-me-five"-Händeklatsch eilen wir zum Gepäckförderband, wo unsere beiden Koffer immer noch geduldig auf uns warten. Wir denken schon, dass wir bald draussen sind, da sehen wir vor uns eine riesige Menschenschlage. "Hey, das sind doch die Leute aus dem Lufthansa-Jumbo die da warten!?" Und tatsächlich, weiter waren die auch noch nicht gekommen, denn die verrückten Amerikaner haben ein neues Zollkontrollsystem eingeführt, bei dem jeder mitgebrachte Koffer in einem Röntgenapparat kontrolliert wird. Und wie schnell - oder besser gesagt - wie langsam so etwas vor sich geht, versteht sich wohl von selbst. Also heisst es nochmals warten und viel Geduld haben. Doch schliesslich sind auch wir an der Reihe und können ohne weiteren Probleme passieren. Na ja, so hat das Fliegen doch immer wieder ein paar interessante Überraschungen für uns parat.

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