Barranca del Cobre
10.-12. Feb. 2000. Für zwei Nächte lassen wir unsere RV's hier auf dem Campground in Los Mochis stehen und steigen um in den Zug, welcher uns in den Barranca del Cobre - oder besser bekannt als Cooper Canyon (Kupfer-Schlucht) - fährt.
Der Barranca del Cobre liegt in der Sierre Madre Occidental und ist vier Mal grösser und 90 Meter tiefer als der Grand Canyon. Die Zugfahrt durch die spektakuläre, urwüchsige Landschaft des Canyons muss schon ein Erlebnis für sich sein und so sind wir sehr gespannt, als wir heute morgen um 6:00 Uhr den Zug besteigen und zu unserer Erlebnisfahrt in die Berge starten. Draussen ist noch stockfinstere Nacht als wir den Bahnhof von Los Mochis verlassen, doch ganz allmählich schiebt sich die Sonne üb er die Berggipfel und taucht die Landschaft in ein warmes, helles Licht.
Mit der aufgehenden Sonne erwachen auch die Tiere und die Menschen, welche entlang der Bahnlinie in ihren einfachen Hütten leben. Ein neuer herrlicher Tag bricht an und steckt für uns wieder voller Überraschungen und Wunder.
Im Zug lernen wir zwei nette Pärchen kennen - Eloisa + Fred sowie Lorna + René (den wir aber alle Bryan nennen) - die wie wir auch auf dem Campground ihre RV's parkiert haben und für zwei Nächte nach Creel im Cooper Canyon fahren.
Der Zug rattert und quietscht über die Geleise und führt uns in zum Teil schwindelerregender Fahrt den Felswänden entlang hinauf nach Creel. Auf dieser Strecke von ca. 370 km überwindet der Zug knapp 2'500 Höhenmeter und benötigt dafür ganze 10 Stunden Fahrzeit. Ab und zu erinnert ein im Tobel liegendes Zugswrack darauf hin, dass diese Strecke wohl nicht so ganz ungefährlich ist und irgendwie wird mir plötzlich ganz mulmig im Bauch.
In Divisadero hält der Zug für ca. ½ Stunde an und wir geniessen einen atemberaubenden Blick über den Canyonrand in sagenhafte Tiefe der Schlucht. Wir kaufen bei einer indianischen Mamá ein paar frische Tacos, bei einem kleinen Jungen noch warme Empanadas (Apfeltaschen) und schauen den jungen Indianerfrauen beim Korbflechten zu. Von hier aus ist es nur noch ein kurzes Stück bis nach Creel und wir sind echt gespannt, in war für einer Absteige wir heute übernachten werden, denn im von uns ausgewählten Hotel hatte es bei der Reservierung keine Zimmer mehr frei und so wurden wir kurzerhand in ein anderes Quartier umplaziert.
Ein Schepper-Klepper-Shuttlebus holt uns zusammen mit vier weiteren Touristen vom Bahnhof ab. Wir holpern über die Kopfsteinpflaster besetzten Strassen sowie ein paar massive Speedbumps (Bodenschwellen) und albern zusammen rum, dass wir für 250.- Pesos (ca. 38.- SFr.) - für 2 Pers. pro Nacht inkl. Nachtessen + Frühstück - wahrscheinlich gerade mal eine Hängematte in einem Palapa (Strohhütte) vorfinden werden und unser Nachtessen wahrscheinlich mit ein paar fetten Cucarachas (Küchenschaben) teilen müssen. Da plötzlich hält der Busfahrer vor einem halb verlotterten Haus an und fordert uns auf auszusteigen.
"Tja, ja, ja! Das ist ein toller Scherz", lachen wir alle schallend, lehnen uns hochmütig wieder in unsere Plastik bezogenen Sitze zurück und warten darauf, dass die Fahrt endlich weiter geht. "No, no amigos, das ist kein Scherz sondern das von Euch gebuchte Motel", gibt uns der freundlich lächelnde Busfahrer zu verstehen. "Oh Gott!" Jetzt ist uns allen das Lachen vergangen und wir schauen ganz schön doof aus der Wäsche. Keiner von uns kann sich entscheiden auszusteigen und jeder lässt dem anderen den Vortritt. Insgeheim hoffen wir noch immer, dass dies wirklich alles nur ein übler Scherz unseres Busfahrers ist - wir würden es ihm sogar verzeihen - und der sich wieder hinters Steuerrad klemmt.
Doch da öffnet sich die massive Haustüre und eine hübsche junge Frau bittet uns mit einer freundlichen Geste einzutreten und begrüsst uns mit einem liebenswürdigen: "Willkommen in der Jugendherberge von Creel". Wir stehen mitten in der grossen Küche und sind umgeben vom feinen Duft des vorbereiteten Nachtessens.
"Wir führen Euch gleich zu den Zimmern und wir sind sicher, dass es Euch hier gefallen wird", muntert uns die junge Lady auf, "und ab 18:00 Uhr gibt's dann hier unten Nachtessen." Sie führt uns in den Hinterhof, wo völlig verwinkelt die einzelnen Zimmer liegen. Und tatsächlich, wir sind von unseren Nachtlagern angenehm überrascht. Es sind einfache, aber hübsch eingerichtete Doppelzimmer mit einem eigenem Badezimmer und die Zimmer sind tadellos sauber. Marco und ich sind uns sicher, dass wir hier gut schlafen werden.
Doch zuerst knurrt uns der Magen und der feine Duft aus der Küche, der uns so verheissungsvoll um die Nase streicht - weist uns den Weg zum Essraum. Da stehen zwei grosse, massive Holztische um welche die halbe Welt zusammenrückt. Da sitzen Traveler aus Deutschland, Kanada, Russland, Tschechien, Belgien, Holland, Mexiko, Österreich, Israel, Frankreich, Japan, der Schweiz und weiss der Kuckuck woher sonst noch und es gibt für alle das gleiche zu essen: Bohnensuppe, Spaghetti mit Fleischklöschen, gedämpftes Gemüse, Kartoffelstock und sebstverständlich Tortillas. Jeder spricht hier Englisch - so gut er eben kann - und die ganze Welt scheint sich zu verstehen! Todmüde sinken wir nach diesem ereignisreichen Tag ins Bett und freuen uns auf den morgigen Ausflug in den Canyon.
7:08 Uhr! Ein Pastor entlockt der kleinen Kirchenglocke ein paar scherbelnde Töne und läutet damit den neuen Tag ein. Ein würziger Duft von frisch gebratenen Eiern lockt uns an den Frühstückstisch und statt Kaffee gibt es hier in der Jugendherberge warme Schokolade, die uns Power (Energie) für den ganzen Tag geben soll.
Kurz nach 9:00 Uhr besammeln wir drei uns zusammen mit Eloisa, Fred, Lorna und "Bryan" zu unsere Tour nach La Bufa. Die Tour soll eigentlich um 9:30 Uhr starten, doch als jetzt, um 10:00 Uhr noch immer kein Bus da ist, werden die Männer ungeduldig und machen den Organisatoren Beine. In diesem Moment fährt der Bus vor und wir glauben unseren Augen nicht zu trauen. Es ist die selbe klapprige Kiste - mit den Gartenstuhl ähnlichen Sitzbänken - in welcher wir gestern vom Bahnhof zur Herberge geholpert sind.
"Forget it!" rufen wir im Chor, denn für heute steht eine 5-stündige Fahrt auf dem Programm und etwa die Hälfte davon auf ungeteerten Bergstrassen. "Solche Scherze könnt ihr vielleicht mit Donald Duck machen - der hat ein weich gepolstertes Hinterteil - aber auf keinen Fall mit uns", schlagen die Männer Radau. Jetzt bricht mexikanische Hektik aus und um 10:30 Uhr steigt unsere kleine Gruppe in einen bequemen Subarban-Van ein und los geht die abenteuerliche Canyon-Fahrt.
Vorbei am Arareco-See und dem Elefantenfelsen fahren wir zu den Canyons, wo wir die herrliche Aussicht in die verschiedenen Schluchten geniessen und die Höhlensiedlungen der Indianer unter den Felsvorsprüngen bewundern, die übrigens heute immer noch bewohnt werden.
Da Cäsar, unser Chauffeur, sein Lunchpaket vergessen hat, halten wir unterwegs in einem kleinen Dorf an, damit er sich in einem Restaurant etwas Z'mittag kaufen kann. Die Wirtin bereitet gerade frische Burritos zu und Marco und Walti können es natürlich nicht lassen, auch ein paar dieser Köstlichkeiten zu probieren.
Die Zeit hier im Dorf scheint stillgestanden zu sein. Gekocht wird auf dem Holzherd, gewaschen von Hand im Steintrog vor dem Haus und in der Küche hängt ein totes Schwein über dem Küchentische, während im Hinterhof die Hühner nach Futter scharren und daneben eine Kuh ihr Kälbchen säugt und zwischen alledem rennen die kleinen Kinder vergnügt umher. Die Leute hier sind scheu aber freundlich und strahlen sehr viel Ruhe und Zufriedenheit aus.
Ab Samachique ist dann Schluss mit der geteerten Strasse und wir sind heilfroh, dass wir in dem gut gefederten und gepolsterten Van sitzen können. Die Strasse wird immer schlechter und schmaler und der Abhang immer steiler. Gut durchgeschüttelt geniessen wir - jedenfalls einige von uns - die Aussicht in den tiefen Canyon. Nur Lorna ist Angst und Bange. Sie rutscht immer weiter zu Bryan rüber und stöhnt voller Angst: "Der Cäsar fährt bestimmt mit Absicht so nahe an den Abgrund hin. Wer werden bestimmt noch abstürzen!" Aber das ist ganz einfach nicht mehr Platz auf dieser nun Bachbett ähnlichen, steilen Schotterpiste.
Marco und Gaby
auf dem Fussmarsch in
den Barranca del CobreKurz vor La Bufa setzt uns Cäsar ab, drückt jedem von uns ein eher dürftiges Lunchpaket in die Hand und fordert uns auf, noch ein Stück den weg hinunter zu wandern. "Ich werde Euch dann in ca. einer Stunde da unten abholen", verspricht er uns und dann verabschiedet er sich mit einem Lächeln auf den Stockzähnen. "Na toll!" Gerade überwältigt sind wir nicht von dieser Idee. Aber wir ziehen los und geniessen auf dem halbstündigen Fussmarsch auf dem staubigen, steilen Weg unseren Lunch und die etwas fülligere Lorna kommt tatsächlich noch zu ihrem lang ersehnten Freiflug. Sie rutscht auf einem Stein aus und purzelt prompt um. Bryan kann sie gerade noch vor ihrem gefürchteten Sturz in den Canyon retten ... Nein, nein, so schlimm ist es dann doch nicht. Ausser ein paar Schürfungen hat sie sich gottseidank nichts getan.
Wir sind froh, als uns unser Tourguide endlich wieder von diesem "vom Winde verwehten" Treffpunkt abholt und uns die lange Strecke aus dem Canyon zurückbringt. Auf unserer Rückfahrt begegnen wir einem der im Canyon lebenden Tarahumara-Indianer in seiner typischen, hemdähnlichen Kleidung und seinen Riemensandaletten. Die Tarahumara-Indianer sind bekannt als sehr gute, schneller Läufer.
Etwas weiter vorne treffen wir auf ein paar Indianer-Kinder, die mit ihren bunten Trommeln eine Ziegenherde vor sich her treiben. Cäsar erklärt uns, dass es bei den hier lebenden Indianern Tradition ist, dass jedes Kind ab ca. 3 Jahren ein paar Ziegen zugeteilt bekommt, für die es dann ganz alleine verantwortlich ist und über die nur das Kind alleine bestimmen darf.
Neben diesen interessanten Erlebnissen war die Fahrt nach La Bufa nichts besonderes. Wir sind jedoch sicher, dass wir dem Barranca del Cobre nochmals einen Besuch abstatten werden und wir uns dann mehr Zeit lassen und uns besser vorbereiten werden.
Nach einer turbulenten Nacht - ein paar Agrarstudenten aus Los Mochis hatten hier im Motel "grande fiesta" - ist es heute morgen schon wieder Zeit für die Rückfahrt nach Los Mochis. Zwei kleine Jungs mit riesigen Knopfaugen bieten uns ihre bunt gewebten Wollbänder und die handgeschnitzten Puppen zum Kauf an. Für ein paar wenige Pesos kaufen wir je eines dieser farbenprächtigen Bänder und da der kleine Junge für Walti kein Retourgeld hat, drückt er ihm einfach noch eine Holzpuppe in die Hand und verschwindet "Adios amigo!" in der Menschenmenge.
Der Zug ist heute knallvoll und wir haben Glück, dass jeder von uns noch einen Platz erwischt. Wie schon auf der Hinfahrt hält der Zug in Divisadero für eine gute halbe Stunde und wir nutzen die Gelegenheit, um uns nochmals ein paar Tacos zu kaufen und den Indianerinnen bei ihren Handarbeiten zuzusehen. Eine junge Indianerin ist gerade mit dem Flechten eines kleinen Körbchens beschäftigt. Ich setze mich neben sie auf den Boden und schaue ihr interessiert bei ihrer Arbeit zu.
Sie benutzt zum Flechten Agavenfasern, Tannennadeln und Grashalme. Ich versuche ihren flinken Fingerbewegungen zu folgen, doch meine Augen verlieren sich immer wieder im Gewirr dieser Flechtbündel. Kurz bevor wir wieder in den Zug einsteigen müssen, beendet sie ihr Kunstwerk. Es ist wunderschön geworden und die schüchterne Indianerin ist mir nur vom Blickkontakt so sympathisch geworden, dass ich ihr dieses Körbchen als ein Erinnerungsstück gleich abkaufe.
Viel zu schnell ist die Zeit vorbei und der Schaffner ruft das letzte Mal zum Einsteigen. Wir geniessen noch einmal die Fahrt durch den sagenhaften Canyon und der nahende Sonnenuntergang taucht die schroffen Felswände in ein warmes rot-braunes Licht, bis die Sonne schliesslich als feuerroter Ball ganz hinter den Bergen verschwindet.
Um 22:00 Uhr treffen wir in Los Mochis ein und wir sind froh, dass Walti's Jeep noch unversehrt auf dem Bahnhof-Parkplatz steht. Todmüde hüpfen wir in den Jeep und fahren Richtung Campground los. Doch weit kommen wir nicht! An der Kreuzung hält uns eine Polizeistreife auf, weil das linke Vorderlicht an Walti's Jeep defekt ist. Für die hiesige Polizei ein gefundenes Fressen!
Der mürrische Beamte fordert Walti auf, das Licht zu flicken. 'Witzbold!' "Wo denn, jetzt mitten in der Nacht", will Walti von dem Beamten wissen. Eigentlich wissen wir alle genau, worauf des der Beamte abgesehen hat und so fragt ihn Walti gerade heraus: "Na sag schon, wieviel Pesos willst Du haben?" Der Beamte zuckt mit den Schultern und sagt: "Gib mir was Du willst."
Walti drückt dem korrupten Beamten 100.- Pesos in die Hand und wir machen uns aus dem Staub. Doch etwas weiter vorne sehen wir schon die nächste Polizeistreife stehen und die sind bestimmt genauso scharf auf einen kleinen Zustupf, wie der Beamte vorhin.
In diesem Moment hält neben uns ein Auto und ein freundlicher Mexikaner fragt: "Kann ich Euch helfen?" Walti schaut in der Dunkelheit etwas genauer hin und erkennt ihn jetzt: "Hey, das ist doch José Luis! Der Lehrer den wir im Zug kennengelernt haben." Wir sind froh, dass wir unseren mexikanischen Amigo hier zu dieser späten Stunde antreffen. Walti schildert ihm unser Problem und ohne gross zu überlegen bietet er uns an, uns bis zum RV-Park zu begleiten. Und siehe da, auf einmal ist keine hinterhältige Polizeikontrolle mehr an uns und unserem defekten Licht mehr interessiert!
Wie gut, wenn man weltweit Freunde hat!