Yogibär als Sozius
Nach dem allmorgendlichen "Packpuff" fuhren wir zum nächsten Motorrad-Dealer, um unserer neuen Goldwing den ersten Ölwechsel zu verpassen. Nach einigem "Bitti-Bätti" machte sich einer der angeblichen Motorradmechaniker an die Arbeit. So, wie der aus der Wäsche guckte, steckte ihm das Sandmänchen noch ziemlich tief in den Augen. Wir hatten wirklich keine Lust uns bei diesem herrlichen Wetter den halben Tag lang in der Werkstatt die Beine in den Bauch zu stehen und tigerten so immer wieder um ihn herum, dass er endlich vorwärts machte. Unser Ziel war heute der Sequoia Nationalpark mit seinen gigantischen Mammutbäumen und dafür wollten wir uns wirklich jede Menge Zeit lassen.Nach einer knappen Stunde Arbeit, ein paar fürchterlich ölverschmierten Händen und einer riesigen Öllache auf dem Werkstattboden (er hat bestimmt die Ölablass-Schraube gelöst und vergessen die Ölwanne darunterzustellen), konnten wir unsere Goldwing wieder entgegennehmen und unsere Reise Richtung Sequoia N.P. fortsetzen. Wir fuhren vorbei an riesigen Obstplantagen und deckten uns in einer Tankstelle vor dem Parkeingang noch mit einem feinen Lunch-Paket ein: Chickenstückchen und frittierte Kartoffelschnitze. Die freundliche Verkäuferin gab uns dazu noch zwei Kübelchen Ranchdressing mit und wir strahlten über beide Backen, als wir den leckeren Z'mittag in unserer Tasche auf dem Gepäckträger verstauten.
In weiten Kehren schraubt sich die herrliche Passstrasse immer höher hinauf zum Visitor-Center des Nationalparkes und das allein war schon ein Erlebnis, das jedes Motorradfahrerherz höher schlagen lässt. Wir holten uns im Visitor-Center Informationen über die Besonderheiten des Parkes, informierten uns über die Wachstums- und Fortpflanzungsbedingungen der Baumriesen und schauten uns die "putzigen", ausgestopften Tiere an, die angeblich hier im Park vorkommen sollen. Ein Schautafel zeigte ein Bild eines Campers, der von einem Bären wie eine Konsverendose aufgeschlitzt wurde. Wir standen staunend und irgendwie schmunzeln davor und meinten: "Das muss ja wohl ein "Riesenvieh" gewesen sein!"
Nichtsahnend verliessen wir das Visitor-Center und fuhren auf der von Baumriesen gesäumten Strasse hinauf zum Parkplatz des Moro Rock. Denn bevor wir uns an unseren feinen Z'mittag heranmachten, wollten wir erst noch den Moro Rock (2'000 M.ü.M) mit seinen "weiss-der-Kuckuck-wievielen" Treppenstufen besteigen. "Aufi geht's Burschi". Der Aufstieg war ganz schön happig und zum Teil muss man auf dem schmalen Pfad schon ganz schön schwindelfrei sein, doch dafür wird man ganz oben mit einer traumhaften Fernsicht belohnt. Vom Hunger und Glust getrieben, nahmen wir nach einer Weile des Aussicht geniessens den Abstieg in Angriff und lachten den wie alte Dampflocks schnaubenden Touristen, welche uns auf dem Trail entgegenkamen, freundlich ins Gesicht: "It's a piece of cake!"
Da es hier in der Nähe des Parkplatzes keine gescheite Möglichkeit gab seinen Z'mittag zu verdrücken, entschieden wir uns, zum "General Sherman Tree" hochzufahren und dort nach einem Picknickplatz Ausschau zu halten. Da der General Sherman Tree die eigentliche Attraktion im Park ist - man sagt, er sei das grösste lebende Ding auf der Erde - herrschte hier oben ein ganz schönes Touristen-Gerangel. Wir erwischten gerade noch einen der letzten Parkplätze und gleich gegenüber einen riesigen Stein, der sich uns als Picknickplatz geradezu anbot.
Mit knurrenden Mägen öffneten wir die Tasche und freuten uns auf unseren Z'mittag, doch da... ohhhh Scheisse! Die Ranchdressing-Kübbeli waren zerquetscht und das Dressing war in der Tasche verschmiert. Marco fluchte wie ein Rohrspatz und auch ich hatte jetzt überhaupt keine Lust, mich um die ganze Schweinerei zu kümmern. So putzte ich mit ein paar Servietten nur gerade mal den gröbsten Dreck weg und setzte mich zu Marco um auch noch etwas vom feinen Z'mittag abzukriegen.
Wir bissen gerade in unsere ersten Chicken-Stückchen, als wir auf der gegenüberliegenden Seite des Parkplatzes ein Gepolter und Geschrei hörten. Wir schauten hinüber und glaubten, dass dem ungeschickten Japaner die Kühlbox den Abhang hinunter gesaust sei. Doch die Aufregung der Leute war für eine "hundskommune" Kühlbox viel zu gross und wie wir jetzt sahen, verstaute er die vermeintlich vermisste Kühlbox gerade im Kofferraum seines Wagens. Das musste etwas anderes gewesen sein - nur um alles in der Welt was?!
Und dann auf einmal jagte ein Adrenalinstoss durch meinen Körper. Meine Nackenhaare sträubten sich und mir blieb im wahrsten Sinne des Wortes der Bissen im Munde stecken. Als ich mich wieder einigermassen gefangen hatte, puffte ich Marco in die Seite und schrie: "Ein Bär, da ist ein richtiger, lebiger Bär!"
"Wo, wo, wo?" wollte Marco wissen und da sah er ihn auch schon schnüffelnd auf uns zukommen. Er schnüffelte mit seiner feuchten Stupsnase an unserer mit Dressing verschmierten Tasche herum, packte sie mit seiner Schnauze und wollte sie gleich davonschleppen. Doch eine junge, verwegene Touristin hielt ihn mit ein paar lauten Worten von diesem Vorhaben ab. Er liess tatsächlich von der Tasche ab und wir konnten diese in Sicherheit bringen. Aber jetzt schien er erst den eigentlichen Food zu riechen. Er streckte seine Nase in die Luft, sah zu uns herüber und war entschlossen, uns jetzt tatsächlich unseren Z'mittag streitig zu machen. Wir hatten ja schon viel über Bären gehört und gelesen, doch jetzt, da sich wirklich einer auf uns zu bewegte, sah die Sache auf einmal nicht mehr so lustig aus. Wir schauten uns ziemlich verwirrt an und machten uns dann schleunigst aus dem Staub.
Keinen Moment dachten wir daran, Yogibär den Food streitig zu machen. Respektvoll überliessen wir ihm unseren feinen Z'mittag: "Go ahead, enjoy your lunch, Yogibear!" Die junge Touristin war jedoch damit überhaupt nicht einverstanden und sie erklärte uns, dass Bären einfach nie genug kriegen und anschliessend nach noch mehr Food suchen. Doch da war der "Fressack" auch schon am Picknickplatz, packte sich eines der Pouletbeinchen, entfernte sich ein paar Meter und verdrückte es in einer Seelenruhe. Jetzt oder nie! Auf das Kommando der Touristin packten Marco und sie den restlichen Z'mittag, speedeten zum nächsten bärensicheren Abfalleimer und warfen alles hinein. Noch einmal ging Meister Petz schnüffelnd zu unserem Picknickplatz zurück und verschwand dann aber gottseidank knurrend, weil er nichts mehr fressbares fand.
Unsere erste Begegnung mit Yogibär! Die Aufgregung ist an der
Fotoqualität sichtbar!!!"That's it", hörte ich einige der Gaffer sagen und auch Marco war davon überzeugt, dass unser Brummbär nun genug hatte und für heute von der Bildfläche verschwunden war. Mir war nach diesem Vorfall irgendwie nicht nach grossen Bäumen ansehen zu Mute und ich entschied beim Töff zu bleiben und die Tasche zu putzen.
Marco war mein Adrenalinspiegel jedoch ziemlich egal und er schloss sich mit seiner Kameraaustrüstung bewaffnet dem Touristenstrom an, der im Gänsemarsch zum General Sherman Tree marschierte. Auf dem Parkplatz befanden sich nun nur noch ein paar wenige Leute und niemand störte sich daran, dass ich um unseren Töff herum eine riesige Auslegeordnung machte und unsere Tasche reinigte. Feinsäuberlich packte ich danach alles wieder ein und war gerade damit beschäftigt das Riesending auf dem Gepäckträger festzuschnallen, als ich neben mir dieses bekannte Schnüffeln bemerkte.
Ach nein, da war er schon wieder und schnüffelte mit seiner feuchten Nase an unseren Töffjacken herum, die ich auf den Töffsattel geelgt hatte. Blitzschnell schnappte ich ihm die Jacken vor der Nase weg und brachte mich ein paar Schritte entfernt in Sicherheit. Ich hoffte, dass er den Geruch vom verschütteten Dressing in der Tasche nicht mehr riechen konnte, doch auf einmal kam mir in den Sinn, dass sich im einen Seitenfach noch M&M's, Bonbons und Kaugummis befanden. Mir kam das Bild vom Visitor-Center mit dem aufgeschlitzten Camper wieder in den Sinn und mir wurde Angst und Bang bei dem Gedanken an die vielen Süssigkeiten.
Der Brummbär schlich um den Töff herum und streckte seine Schnüffelnase in die Höhe. Jetzt schien er etwas essbares gewittert zu haben. Er stand auf die Seite des Töffs, stelle sich auf die Hinterbeine und stieg elegant mit einem Bein auf das Soziatrittbrettchen um so an die Tasche auf dem Gepäckträger zu gelangen.
So, nun war es mit meiner Geduld endgültig zu Ende und so langsam aber sicher hatte ich die Schnauze voll von diesem verfressenen Yogibär. Erst unseren Food klauen und dann auch noch auf unserer neuen Goldwing mitfahren wollen: "Nein, jetzt isch würklich gnueg Heu dunne!" Wütend warf ich die Jacken auf den Boden und ging wütend auf ihn zu. Ich stellte mich neben ihm ihn Position, holte tief Luft, stampfte auf den Boden, klatschte in meine Hände und schrie ihn an: "get out of here you crazy Bear!"
Er muss sich unglaublich erschrocken haben ob meinem Geschrei. Jedenfalls sprang er mit einem Satz vom Töff und rannte davon. Ein paar Meter entfernt blieb er stehen, drehte sich nochmals um und murrte etwas zu mir herüber. Jetzt tauchte endlich ein Ranger auf und jagte den armen Kerl ganz in den Wald davon. Der Ranger kam anschliessend zu mir und fragte mich, ob alles in Ordnung sei. Ja, ausser ein paar zittrigen, weichen Knien, einem kleinen Loch in der Tasche und einem Loch im Soziasattel, von einer seiner Bärenkrallen, war wirklich alles okay.
Das Herz pochte mir immer noch bis zum Hals, als mir der Ranger erklärte, dass es sich hier um einen etwa 2-jährigen, noch nicht ganz ausgewachsenen Schwarzbären handelt, der hier seit ein paar Tagen in der Gegend herumstreunt. Zur Sicherheit der Park-Besucher werden sie ihn nun einfangen und irgendwo ins Hinterland bringen, wo er keinen Schaden mehr anrichten kann. Auf einmal tat mir der "kleine" Knuddelbär wirklich leid, denn eigentlich ist es doch sein Revier aus dem er vertrieben wird und er muss sich zwischen den vielen Touristen und Autos doch sehr unwohl und verwirrt fühlen.
Als kurze Zeit später Marco von seiner Big-Tree-Exkursion zurückkehrte, erzählte ich ihm voller Aufregung, was sich hier in der Zwischenzeit so alles abgespielt hatte und beichtete ihm vom defekten Töffsattel. Wir waren beide froh, dass dieser Vorfall so glimpflich ausgegangen war und wir versprachen uns, zukünftig etwas vorsichtiger zu sein mit Food in Bärengebieten. Doch trotz alledem, das erlebte Abenteuer ist mit nichts aufzuwiegen.
Fazit: Auch Bären wissen, was für ein Motorrad man(n) fährt!