Die Pazifikküste
Viel zu schnell sind die tollen Tage bei unseren Freunden Lisa + Andy vorbei und der Wetterbericht treibt uns regelrecht vorwärts, denn so langsam aber sicher scheint hier im Norden der Winter Einzug zu halten. Also packen wir unsere Siebensachen und fahren auf dem Trans-Canada Highway 1 bzw. dem Highway 5 Richtung Süden, wo wir kurz vor der USA-Grenze von einem ungemütlichen Schneegestöber gestoppt werden. Nur zu gerne hätten wir jetzt unseren Töff gegen eines dieser bequemen, warmen Motorhome-Ungetüme getauscht!Die dicken Nebelschwaden am nächsten Morgen lassen uns nochmals ins warme, knuddelweiche Bett kuscheln und wir warten so lange mit Aufstehen, bis sich ein paar Sonnenstrahlen über die Bergkette schieben und uns etwas Wärme versprechen. Bei Sumas überqueren wir die Grenze in die USA und sind erstaunt, wie problemlos und speditiv das auch in USA gehen kann. Keine doofen Fragen von wegen weshalb und wie lange wir die USA besuchen wollen. Einfach nur: "go ahead and have fun!"
Von der Whidbey Island wollen wir mit der Fähre nach Port Townsend übersetzen, was uns im letzten Moment auch tatsächlich gelingt, da sich Marco wieder einmal nicht an die Vorschriften hält und mitten auf der Strasse einen U-Turn dreht. Wir jumpen wie die letzten Mohikaner auf die Fähre. Während wir noch den Töff parkieren und abstellen, wird bereits die Bugklappe geschlossen und los geht die herrliche 30-minütige Überfahrt, auf welcher wir von quirligen Seehunden begleitet werden. Wer glaubt, dass wir beim Entladen der Fähre nun die Letzten waren, der täuscht sich gewaltig, denn genau unsere Kolonne wurde als erste von der Fähre gelassen. Wie heisst es doch so schön: Die Letzten werden die Ersten sein!!!
Mit 140 Bündeln Stickgarn im Gepäck - die Marco auf künstlerische Art auch noch irgendwo in unserem Gepäck verstaut - geht unsere Reise weiter durch den Olympic N.P. wo wir unsere Aufmerksamkeit vor allem dem Rainforest widmen. Auf dem "Hall of Mosses"-Trail lassen wir uns einfangen von dieser faszinierenden Regenwald-Atmosphäre. Es duftet herrlich nach frischer, feuchter Erde und die riesigen Farne spiegeln sich in den glasklaren Gebirgsbächen. Ich kann es nicht lassen, meine Hände in den weichen, alles überziehenden Moosteppich zu tauchen. Da und dort spriessen die herrlichsten Pilze aus dem Boden oder wachsen auf den umgestürzten Bäumen und spiegeln uns den Sinn von Leben und Sterben wieder. Sie bilden die Grundlage für neues Leben und so wachsen auf den Baumkadavern kräftige junge Baumriesen heran und schliessen damit den Kreislauf der Natur. Die Bäume in diesem Regenwald sind mit langen zotteligen Flechten behängt. Teilweise sieht es aus, als würden sie alte, lumpige Mäntel tragen und bei Nebel oder Dunkelheit könnte dies die perfekte Kulisse für einen Gruselfilm sein. Doch jetzt bei Sonnenschein wirkt es sehr beruhigend, ja ich würde sogar sagen märchenhaft.
Nach diesem erlebnisreichen Tag sind wir ganz schön "knuffi", als wir uns in Aberdeen nach einem Motelzimmer umschauen und dabei beim Checkin verdächtigt werden, noch mehrere Personen auf bzw. in unserem Töff mitzuführen. Über die riesige Columbia-River-Brücke gelange wir am nächsten Tag nach Astoria und von dort aus der Pazifikküste entlang bis nach Seaside, wo wir wieder einmal unsere Dreckwäsche auf Vordermann bringen (toll, jetzt haben wir wieder für ein paar Tage ausgestunken!!!).
Leider werden wir etwa auf der halben Strecke von Seaside nach Yachats von dicken Nebelschwaden begleitet, die sehr unangenehm unsere Klamotten durchdringen und uns eine Zeit lang ganz schön zum Schlottern bringen. In Yachats werden wir jedoch von herrlich wärmenden Sonnenstrahlen empfangen und damit ist die unangenehme Schlotteretappe gleich wieder vergessen. Wir geniessen die wilde Brandung und machen einen ausgedehnten Entdeckungs-Spaziergang über die schroffen Klippen. Wir sind immer wieder fasziniert von den herrlichen Seeanemonen, den orange und violette gezeichneten Seesternen, den tausenden von Muscheln, welche sich an den Klippen festkrallen und dem sich in der Brandung wiegenden Seetang. Und zu guter Letzt schenkt uns die Natur noch diese herrlichen, in kräftigen Farben schimmernden Sonnenuntergänge. Vielleicht ist dies das Paradies!
Nur mit Mühe trennen wir uns von diesem herrlichen Fleckchen Erde und fahren der Küste entlang weiter Richtung kalifornischer Grenze. Mitten in der City von Brandon reisst Marco plötzlich einen Stopp und dreht wieder einmal einen seiner berüchtigten U-Turns. Ein Schild mit der Aufschrift Cheese-Factory hat ihn zu diesem Manöver bewogen. Beim Betreten des Ladens leuchten seine himmelblauen Augen wie zwei glitzernde Sterne, denn da gibt es meterlange Käsestheken und der Besucher wird geradezu zum Käseprobieren aufgefordert. Blitzartig schnappt sich Marco einen Zahnstocher und schnauselt mit all den anderen Besuchern stundenlang (so kommt es mir jedenfalls vor) in den Käsemüsterli herum. Vor allem mit dem jungen deutschen Axel aus Dresden - der seit Monaten alleine mit dem Velo unterwegs ist - scheint er sich gut zu verstehen. Die beiden tratschen und naschen zusammen wie zwei Waschweiber, während ich mich mehr für die Käseherstellung interessiere. Vollgefressen klettert der rundum zufriedene Marco wieder auf seine Goldwing und wir fahren weiter nach Gold Beach, wo ich mit Schnauseln an der Reihe bin. Auf dem Weg vom Motel zur Beach gibt es riesige Brombeerstauden die geragelt voll mit herrlich süssen Beeren sind. Hhhmmm lecker! Ich kann nicht davon lassen, bis mein Mund und meine Finger vom Beeren ablesen ganz dunkelviolette sind. Tja, und so hatten wir schlussendlich beide einen Schlemmertag!
Über den von Redwoodbäumen gesäumten Highway 199 fahren wir ins Landesinnere und folgen ca. 200 Meilen lang dem Klamath- und dem Trinity-River. Eine absolut geile Strecke, die jedes Motorradfahrerherz höher schlagen lässt. Hier reiht sich eine Kurve an die andere und der entgegenkommende Verkehr lässt sich an einer Hand abzählen. Ein Stück weit werden wir leider von beissenden Rauchschwaden begleitet, die vom riesigen Big Bar Waldbrand kommen, der sich über ca. 99'013 acres ausgebreitet hat.
Hercules Marco beim Kräfte-
messen an einem der gigantischen
RedwoodbaumAuf dem Redwood-Freeway 101 und dem Highway 1 fahren wir wieder gegen Westen an die herrliche Pazifikküste. Wir lassen uns sehr viel Zeit als wir durch den Lebenskünstler-Ort Mendocino fahren und es uns in Gualala in einem echten Luxus-Motelzimmer mit Fireplace, Sprudelbadewanne und Privatbalkon mit Blick auf's Meer gemütlich machen. Was gibt es schöneres, als am Abend der wilden Meeresbrandung zu lauschen und die Sterne zählen und einfach die Seele baumeln zu lassen? In solchen Momenten fühle ich mich jeweils wie eine Königin der Nacht.
Nach einem gediegenen Z'morgen - mit frischen Croissants und Früchten - welches wir bei strahlendem Sonnenschein auf unserem Balkon geniessen - entschliessen wir erst gegen Mittag wieder weiterzufahren. Leider ist der erste Teil der uns bekannten Superstrecke für einige Stunden gesperrt, da gerade ein ganzes Haus auf einem Lastwagen den Berg hinauf transportiert wird. So bleibt uns nichts anderes übrig, als einen kurzen Umweg zu fahren um so auf der Stewarts Point Road ins brütend heisse Sonoma Valley zu gelangen. Vorbei an riesigen Rebenplantagen fahren wir mit einem Abstecher zum Petrified Forest - mit seinen jahrtausend alten versteinerten Bäumen - über die Golden Gate Bridge nach San Francisco.
Mit all den verrückten Amis erfreuen wir uns an der farbenfrohen Columbus-Day-Parade und bestaunen die Flugshow mit den Blue Angeles, welche mit ohrenbetäubendem Getöse über der Bay jagen. In Chinatown lassen wir uns vom asiatischen Markttreiben einfangen und bekommen vom vielen Herumlatschen ganz schön platte Füsse. Über den Skyline Blvd. verlassen wir den Schmelztiegel San Francisco und fahren durch das Chörnlibickernest Boulder Creek hinunter nach Monterey, wo wir dem traurigen Sterben eines von einem Hai gebissenen Seelöwens zusehen. Dem Ocean View Blvd. entlang fahren wir nach Carmel, wo wir uns kulinarisch verwöhnen lassen und uns darüber ärgern, dass der schicki-micki 17 miles drive für Töfffahrer gesperrt ist.
"Wie es Bändeli um es Gschänk" windet sich der Big Sur Highway der Pazifikküste entlang und wie Perlen sind die herrlichen Aussichtspunkte darauf aufgereiht. Mit einer durchdachten "stop and go"-Taktik fahren wir auf diesem Super-Highway nach San Simeon und erfreuen uns an den vielen verschiedenen Tieren, die wir auf unserer Fahrt beobachten können.
Geschwächt von einer ekelhaften Erkältung, die mich seit einigen Tagen quält, fahren wir dem Verkehrschaos Los Angeles entgegen, wo wir an der Hermosa Beach ein Motel direkt an der Beach finden und für einige Tage unseren Töff gegen die Inlineskates tauschen. Durchgerüttelt von einem kräftigen Erdbeben geniessen wir anschliessend ein paar herrliche Spätsommertage hier an der Beach und können einer absolut verrückten Investition einfach nicht widerstehen!
Über die neonglitzernde Spielerstadt Las Vegas fahren wir Richtung Süden nach Kingman, wo wir auf der Ranch unserer Kollegin noch ein paar erlebnisreiche Tage verbringen dürfen. Tja, und vor unserem Abflug in die Schweiz beschäftigen wir uns in Los Angeles noch ein paar Stunden mit Umbauarbeiten an unserer neu erworbenen Investition.
Und so geht der erste Teil unserer abwechslungsreichen Reise zu Ende. Der Lufthansa-Jumbo steht bereit und wir nehmen für ein paar Monate Abschied von diesem herrlichen Kontinent.