On the road again
Nachdem wir im Osten nicht gerade von motorradfreundlichen Strassen verwöhnt wurden, freuen wir uns jetzt um so mehr darauf, wieder etwas kurvenreichere Strassen vorzufinden. Ein deutscher Tourist allerdings, den wir vor einigen Tagen bei Moturis angetroffen hatten, jammerte uns die Ohren voll von wegen: "Jetzt war ich 14 Tage mit dem Motorrad hier in Californien unterwegs und bin immer nur geradeaus gefahren." Marco und ich sahen uns nur an und mussten uns das Lachen verkneifen. Wahrscheinlich war der Vollidiot die ganze Zeit auf den Interstates umhergegurkt und hat nichts, aber auch gar nichts von den herrlichen Nebenstrassen Californiens gesehen.Wir sind gespannt darauf, wie sich unsere neue Goldwing fahren lässt und wie wohl wir uns nach dem Unfall darauf fühlen. Die ersten Meilen aus Los Angeles heraus gehen wir noch etwas zaghaft an, doch als wir auf dem Hwy 1 der atemberaubenden Pazifikküste folgen, scheint der schlimme Unfall vergessen zu sein und die Tourenzahlen steigen kontinuierlich an (immer im Bereich der Speedlimite!!!).
Von Ventura aus schlängelt sich der Hwy 33 weiter nach oben über den Pine Mountain Pass und durch den Los Padres N.F. Zuverlässig wie erwartet trägt uns die Goldwing über den fast menschenleeren Super-Highway, bis wir uns in Bakersfield von den stetig steigenden Temperaturen (knapp 40 °!) in die Knie zwingen lassen und in einem herrlich klimatisierten Motel den ersten Stopp dieser Reise einlegen.
Auch heute morgen zeigt sich das Wetter wieder von der schönsten Seite und die Temperaturen sind schon wieder ganz angenehm. Wir folgen dem Hwy 178, der sich durch die Greenhorn Mountains dem Kern River entlang zum Isabella Lake schlängelt. Von dort fahren wir Richtung Norden und allmählich beginnt sich die Vegetation von der knochentrockenen Steppe in würzig duftende Nadelwälder zu ändern.
Immer höher hinauf schlängelt sich die Strasse und immer herrlicher wird die Fahrt. Kein Fahrzeug ist uns seit Stunden begegnet, seit wir diesem verzauberten Hwy entlang fahren. Plötzlich macht uns eine Tafel auf einen "100-Giants-Trail" aufmerksam, auf dem es einige beachtliche Baumriesen zu bestaunen gibt. Niemand auf der Welt weiss, wo wir uns im Augenblick befinden, weder in welchem Kaff, noch auf welcher Strasse. Ich liebe diese Freiheit und fühle mich rundum glücklich und zufrieden.
Durch den Giant Forest des Sequoia N.P. mit dem majestätischen Moro Rock und den gigantischen Mammutbäumen fahren wir mit unserem Bärenerlebnis Richtung Norden zum Yosemite N.P. der wie erwartet völlig von Touristen überlaufen ist. Um dem ganzen Gerangel so schnell als möglich zu entfliehen, wollen wir uns nur kurz eine der Attraktionen des Parkes, den Yosemite Fall ansehen. Doch der herrliche Wasserfall erweist sich heute als effektiver "Reinfall". Da es in den letzten Wochen in dieser Region sehr wenig geregnet hat, verirrt sich kein einziges Tröpfchen Wasser über die Felskante und all die vielen Touristen, inkl. uns, stehen darunter und schauen mit langen Gesichtern zum furztrockenen Wasserfall hoch. Tja, that's nature! Über die wunderschöne und viel weniger befahrene Tioga Pass Road verlassen wir den ansonsten wunderschönen Yosemite N.P. in östlicher Richtung.
Der Wind frischt unangenehm stark auf und der Himmel fängt sich bedrohlich an zu verdunkeln, als wir uns entschliessen, in einem Casino-Motel in Topaz Lake Unterschlupf zu suchen. Die Windböen sind so stark, dass sie einen Gartenstuhl und sogar Liegestuhl nach dem anderen in den Pool schubsen. Wir lachen uns halb krumm darüber und mit der abendlichen Unterwasserbeleuchtung sieht es wirklich toll aus. Let's have a Underwater-Party!
Erst 5 Tage ist es her, dass Marco und ich mit unserem vollgepackten Töff in Los Angeles gestartet sind und mit wachsender Übung gelingt es uns an diesem strahlend schönen Spätsommermorgen endlich auf Anhieb, unser Gepäck im Töff zu verstauen. Yeahhhh, we did it! Wir fühlen uns wie kleine Helden und wir haben bis jetzt noch überhaupt nichts von unserer in Los Angeles zurückgelassenen Ware vermisst.
Marco beim nervenaufreibenden
Töff-Packmarathon ..."Eines schönen Tages ...
werde ich den ganzen Plunder ...
irgendwo ins Meer schmeissen!"... doch mit viel Würgen, Fluchen
und Geduld schafft er es auch
diesmal, alles zu verstauen!Über den Monitor Pass reisen wir weiter nach Norden zum Lake Tahoe, der wie ein Juwel eingebettet zwischen kräftig grünen Nadelwäldern liegt und mit seiner Schönheit ebenfalls massenhaft Touristen anlockt. Doch auch wir lassen es uns nicht nehmen und werfen ein paar faszinierte Blicke in die Tiefe, bevor wir uns wieder ins Hinterland der Sierre Nevada verziehen und somit ein weiteres Mal mehr oder weniger der Zivilisation entfliehen. Am Abend dieses herrlichen Tages treffen wir nach 426 km im Sattel in Quincy ein, wo wir zwischen riesigen Motorhomes unser Zelt aufschlagen. Wir wundern uns über die unzähligen Zelte, die in Quincy auf dem Fairground stehen und erfahren etwas später, dass 3'700 Firefighter seit ein paar Tagen damit beschäftigt sind, einen 9'000 Hektaren Waldbrand in der Nähe von Quincy zu löschen. Aha, daher also die riesige Rauchwolke am Himmel!
Für heute steht mit dem Lassen N.P. schon wieder ein Höhepunkt auf dem Programm und obwohl es heute Sonntag ist, sind wir überzeugt, dass es in diesem Nationalpark nicht viele Leute haben wird. Wieso? Das ist uns selbst ein Rätsel, denn für uns ist er einer der schönsten Nationalparks und die wunderschönen Wanderwege laden geradezu zu einer kürzeren oder längeren Wanderung ein.
Auch für uns findet jetzt die Metamorphose vom Biker zum Wanderer statt. Bergschuhe statt Stiefel, Anorak statt Coretex-Jacke und Baseball-Mütze statt Helm und auf gehts zum fröhlichen Wandern. Wir haben uns für den Bumpass Hell-Trail entschieden, welcher uns in ein Gebiet bringt, wo es fürchterlich stinkt, brodelt und zischt. Es gibt hier wie im Yellowstone N.P. glasklare, kochendheisse Mineralpools, stinkend blubbernde Fumarolen, Dampf und Wasser speiende Geysire und viel, viel weniger Leute. Hier oben bist Du in einer anderen Welt und wir lassen uns sehr viel Zeit und bewundern dieses Naturschauspiel.
Beim smaragd farbenen Helen Lake finden wir einen gemütlichen Picknickplatz zwischen lichten Koniferen, wo wir in aller Seelenruhe unseren feinen Z'mittag geniessen und uns über die Weiterfahrt Gedanken machen. Vorbei am Summit Lake cruisen wir Richtung Nordeingang und sind froh, dass wir ein Zweirad mit Motor unter dem "Allerwertesten" haben, denn die Strecke bietet wieder einmal Motorradfreuden pur.
Ein wunderschöner, jedoch recht kühler heller Morgen lacht uns entgegen und wir freuen uns auf die Weiterfahrt durch das Gebiet von Whiskeytown. Paralell zur Interstate 5 fahren wir durch das Gebiet der Klamath Mountains Richtung Norden. Mitten durch die City des Westerndörfchens Weaverville und entlang dem Trinity River gelangen wir zum Scott Mountain Pass, der uns in spektakulären Kurven und Serpentinen immer Näher zur Staatsgrenze von Oregon bringt. Noch ein letztes Mal werfen wir einen Blick zurück zum imposanten Mt. Shasta mit seiner ewig schneebedeckten Kuppe und kehren dann California für eine Weile den Rücken zu. Etwas früher als sonst suchen wir uns heute ein gemütliches Motel und gönnen unseren Staub verklebten Klamotten ein warmes Bad in der Waschmaschine und uns eine erfrischende Abkühlung im Swimmingpool.
Immer weiter nördlich geht unsere Reise und heute wissen wir, dass es eine etwas längere Etappe geben wird, da wir zum Crater Lake N.P. hochfahren und auf dem Rim Drive um den See umrunden wollen. Inzwischen hat die Sonne ihre morgendliche Position erklommen und wieder einmal ist am stahlblauen Himmel kein Wölkchen zu sehen. Die Temperaturen steigen kräftig an und wir geniessen die herrliche Fahrt hinauf zum Parkeingang.
Vom Rim Village Visitor Center aus haben wir einen ersten herrlichen Überblick über den ganzen See und auf Wizard Island. Immer wieder stoppen wir und lassen uns einfangen von diesem bezaubernden Farbenspiel des stahlblau schimmernden Sees und dem Gedanken, dass vor tausenden von Jahren über dem ganzen See einmal ein riesiger Vulkan thronte. Es fällt uns schwer, uns von dieser Wunderwelt zu trennen, doch unser Entdeckungsdrang treibt uns auch heute wieder vorwärts.
Gestärkt von einem aufbauenden, energiespendenen Frühstück setzen wir uns über Elk Lake in Richtung Three Sisters in Bewegung, welche alle drei mit über 10'000 feet majestätisch in den Himmel ragen. Immer wieder versuchen wir, falls irgendwie möglich, dem Verkehr auszuweichen und wählen auch heute wieder ein Strasse, von der wir hoffen, uns etwas abseits des Touristenrummels zu bewegen.
Da der Verkehr immer weniger und die Strasse immer kurvenreicher und enger wird, sind wir sicher, dass wir uns richtig entschieden haben. Überglücklich gondeln wir auf dieser Traumstrasse dahin und denken, dass es noch Meilen so weitergehen wird. Doch plötzlich kommen wir aus dem Wald heraus auf eine Lichtung und wir bringen das Maul vor lauter Staunen nicht mehr zu. Vor uns breitet sich ein riesiges Lavafeld aus. Wir halten an und erkundigen uns auf der Schautafel darüber, dass es sich hier um den Lavastrom des Mt. Belknap handelt, der vor 1'700 Jahren regelrecht ausgelaufen ist und dessen Lavastrom sich über eine Fläche von rund 9'000 Hektaren ausgebreitet hat. Eine Landschaft, die wirkt, als sei sie nicht von dieser Welt. Der Mensch fühlt sich hier ganz klein und lernt ganz einfach wieder zu staunen!
Wir befinden uns seit ein paar Tagen mitten im Vulkangebiet, zu dem auch der Mt. Hood gehört, an dessen östlichem Fuss wir Richtung Washingtoner Staatsgrenze fahren.
Wir taumeln von einem landschaftlichen Höhepunkt zum anderen und für heute steht der Mt. St. Helens N.P. auf dem Programm. Eigentlich kennen wir das Gebiet um den Mt. St. Helens N.P. sehr gut, da wir diesem "Saukerl", der im Frühling 1980 ausgebrochen ist, schon zweimal einen Besuch abgestattet haben. Heute fahren wir ihn jedoch von Süden her an, eine Strecke, die wir noch nie gefahren sind.
Geschickt und voller Stolz lotse ich meinen Driver über menschenleere Strassen Richtung Norden und wir folgen den wenigen Hinweisschildern, die uns zum Mt. St. Helens weisen. Doch da, hinter der nächsten Kurve dann die Enttäuschung: Abrupt und ohne Hinweis auf der Karte endet der Asphalt und eine üble Schotterpiste mit Haarnadelkurven beginnt und fordert von Marco alle fahrerische Geschicklichkeit. Irgendwie gelangen wir schliesslich doch noch zum Mt. St. Helens und wir staunen darüber, wie schnell die Natur ihr Wunden schliesst. Doch der Anblick des Kraters versetzt uns auch heute wieder in unsagbares Staunen.
Rauschende Wildwasser, silbrig glänzende Wasserfälle und dahinter dunkel grüner Nadelwald. Und über allem steht die Sonne, welche die Landschaft in ein fast mystisches Licht taucht. Wollte man all das genau so malen, würden alle sagen: Wie kitschig. Für uns aber erfüllt sich in diesem und in zahlreichen anderen, ähnlichen Momenten dieser Urlaubsreise ein Traum. Ja, genau so hatten wir es uns vorgestellt. So sollte es bitteschön sein! Wir befinden uns im traumhaft schönen Mt. Rainier N.P. und entschliessen uns, zu einer der vielen hundert Wanderungen, die es hier im Park gibt.
Wie zwei alte Dampfloks schnauben wir den Alta Vista Trail hoch und erfreuen uns an der farbenprächtig blühenden Alpenflore, den tiefblau leuchtenden Seen und den zahlreich verzweigenden Bachläufen. Hier oben bist du völlig mit Dir und der Natur allein. Ich vergesse Zeit und Stunden in diesem Rausch und lasse meinen Blick über das sagenhafte Panorama gleiten. Ich glaube, ich bin im Paradies!
Als Kontrast zu soviel Naturschönheiten wagen wir uns heute in das Grosstadtchaos von Seattle. Wir sind ganz schön gespannt, wie wir Outdoor-Freaks uns da wohl fühlen. Quer durch die City fahren wir geradewegs hinunter zum Alaskan Way, wo sich die Piers befinden und wo wir uns mit feinem Seafood die Bäuche vollschlagen. All die Touristen-Shopps können uns kein Interesse abgewinnen und so entschliessen wir uns schon bald, weiter zum Space Needel zu fahren. Tja, wie erwartet gibt es da eine 'zig Meter lange Menschenschlange, die darauf wartet, mit einem der Aussenlifts in die Höhe befördert zu werden. Nein, wir haben wirklich keine Lust uns hier stundenlang anzustellen, nur um einmal von da oben herunter spucken zu können. Stattdessen entscheiden wir uns, im IMAX-Theater einen Film über Wölfe anzusehen. Es hat nur ein paar wenige Leute im Kino und der Film ist absolute Spitze.
Wir schlendern durch das Pacific Science Center - eine Art Technorama, einfach viel grösser - und drücken an 'zig Hebeln und Knöpfen herum. Es ist sehr interessant und wir haben jede Menge Spass dabei. Wie es sich für einen Outdoor-Freak gehört, statten wir dem riesigen Outdoor-Center REI noch einen Besuch ab und sind völlig überwältigt von diesem riesigen Store und dessen Angebot.
Über den wunderschönen North Cascade N.P. und das brütendheisse Okanogan Valley fahren wir hinauf zur Kanadischen Grenze wo wir in Osoyoos die Grenze nach British Columbia überschreiten. Unser Ziel ist es, noch vor dem grossen Schnee unsere Freunde Lisa und Andy zu besuchen, welche im Frühjahr 1998 nach Salmon Arm ausgewandert sind und dort ein Motel mit Campground/RV-Park führen. http://www.viewpointmotel.bc.ca
Wir passen unsere Reisegeschwindigkeit den vielen, wie die Henker rasenden Trucks an und treffen somit im frühen Nachmittag in Salmon Arm ein, wo wir mit herzlicher, schweizerischer Gastfreundschaft empfangen werden. Eigentlich wollten wir nur ein oder zwei Nächte bleiben, doch daraus wurden dann vier Nächte und ich glaube, wenn es in den Bergen nicht schon zu schneien begonnen hätte, wären wir auch gerne noch ein paar Tage geblieben. Wir fühlten uns hier puddelwohl und wir sind sicher, dass wir wieder einmal hierhin zurückkehren werden.