City-Slickers in Arizona


Wie fast jedesmal wenn wir im Westen der USA unterwegs sind, hatten wir auch diesmal wieder einen Abstecher nach Arizona geplant, um unsere Schweizer-Kollegin auf ihrer Ranch zu besuchen.

Von Los Angeles fuhren wir in die sich stetig verändernde Neonglitzerstadt Las Vegas, wo wir uns vor allem die neu eröffneten Casinos Bellagio, Paris und Venecia anschauten und uns ob den gierig spielenden Leuten an den einarmigen Banditen amüsierten.

Wir wussten, dass dieses Spektakel hier das absolute Gegenteil zu dem vor uns liegenden Ranch-Aufenthalt sein würde, doch jetzt genossen wir für 2 Nächte einfach mal diesen Rummel und bestaunten mit 'zig tausend anderen Touristen das bunt glitzernde Lichtermeer und die fantastisch inszenierte Wasserfontainen-Show auf dem See vor dem Bellagio Casino.

Absolut nicht zu übersehen war in dieser Prunk- und Glitzer-Metropole der eher exotisch wirkende Typ auf seinem vollgepackten Töff. Marco war wie immer neugierig und quatschte den Fremdling einfach an: "Hi, nice Bike. Where're you from?" Eigentlich verriet uns ja das Kuchenblech grosse Nummernschild an seinem Töff schon, dass er aus irgend einer Ecke Deutschlands kommen musste, aber man wird ja wohl noch fragen dürfen!

Der junge Mann stellte sich uns vor als Toni aus Hanover, der seit weiss der Kuckuck wie lange schon alleine mit seiner 57-er BMW unterwegs war. Er kurvte wie wir von einem Ort zum anderen und dachte auch erst wieder ans nach Hause gehen, wenn er keine Kohle zum Weiterreisen mehr hatte. "We hope it will never end!"

Wir ereiferten uns regelrecht in unseren Erzählungen, gaben uns gegenseitige Tipps und lachten uns über unsere Stories halb krumm. Die Zeit verging wie im Fluge und das Toni kein Kind von Traurigkeit ist wurde uns klar, als ganz zufällig ;-) ein hübsches, junges Fräulein in einem Mietauto des Weges gefahren kam, ihm stürmisch und mit glänzenden Äuglein um den Hals fiel und sich gleich erkundigte, wo er denn heute nacht schlafe. Aha, so läuft das heute also! Wir tauschten noch schnell unsere Adressen aus und liessen die beiden Turteltauben alleine. Ich bin sicher, die beiden verbrachten die Nacht auch mit Spielen!!!

Am nächsten Morgen verliessen wir Las Vegas wieder auf dem Highway Richtung Süden und überquerten auf dem Hover Dam die Grenze von Nevada nach Arizona.

Die Ranch unserer Kollegin Beatrice liegt etwas östlich von Kingman, direkt an der legendären Route 66 und ist flächenmässig etwa so gross wie der ganze Kanton Schaffhausen. Auf den riesigen, offenen Weiden züchtet sie wirkliche prachtexemplare von frei lebenden Rindern. Zurzeit sind allerdings nur etwa 700 Stück Vieh auf den 'zig Weiden verteilt, welche sich an dem für uns Stadtmenschen knochendürr scheinenden Gras laben und ihren Durst an einer der wenigen Wasserstellen löschen.

Neben den Rindviechern gibt es auf der Ranch auch noch ein paar wenige Vogelstrausse und so an die 30 Pferde. Also so ganz genau konnte Beatrice uns die Frage nach der Anzahl Pferde nicht beantworten, aber auf eines mehr oder weniger kommt es bei soviel Platz und Freiheit auch nicht drauf an.

Als Beatrice und ihr Mann Chuck gegen Abend von den Weiden zurück kamen, brachten sie ein knapp 1 Wochen altes Kälbchen mit, welches von seiner Mutter verstossen wurde und nun fürchterlich Hunger hatte. Es war vom Transport ein wenig verängstigt und schrie aus Leibeskräften nach seiner Mutter.

Beatrice bereitete für das arme kleine Tierchen eine riesige Schoppenflasche Kuhmilch-Ersatz zu, doch zuerst mussten wir das Kälbchen noch vom Trailer ausladen und in ein sicheres Gehege bringen. Wir staunten nicht schlecht, wieviel Kraft so ein kleines Geschöpf schon hat, doch Cowgirl Beatrice hat mit Tieren Erfahrung und wusste genau, wie sie das Kälbchen anpacken musste, damit es ihr nicht abhaute. Und jetzt kam der interessante Teil, der kleine Schreihals bekam endlich etwas zu futtern.

Erst traute es der grossen weissen Schoppenflasche mit dem orange farbenen Riesennuggi nicht so recht, doch als es merkte, dass sich darin herrlich lauwarme Milch befand, nuggelte es ganz gierig an der Flasche. Im Nu hatte es alles weggeschlürft und wir hätten eigentlich gerne noch etwas nachgefüllt, doch Chuck, mit seiner jahrelangen Cowboy-Erfahrung riet uns davon ab, da das kleine Ding sonst ganz fürchterlich "de Schiesser" bekommen würde. Nun hatten auch wir einen deftigen Z'nacht verdient. Es gab saftig gegrillte T-Bone-Steaks, Bratkartoffeln und Cowboy-Bohnen und wir diskutierten bis spät in die Nacht hinein über ihr Cowboy- und unser Zigeunerleben.

Ich weiss nicht mehr, ob mich am anderen Morgen die heulenden Kojoten oder der mit 'zig Diesel-Loks und unzähligen Wagons vorbei ratternde Santa-Fe-Express aus dem Schlaf riess. Eigentlich wurscht, denn ich wollte an diesem herrlichen Morgen sowieso nicht noch länger im Bett "herumtrolen". Beatrice und Chuck waren natürlich schon längst wieder auf den Beinen und voll an der Arbeit. Zum Z'morgen kochte uns Beatrice eine richtige Cowboy-Omelette: Tacos mit einer Hackfleisch-Rührei-Füllung (nicht nur ein Ei!!!) und echte Cowboys schmieren noch etwas Ketchup darüber. Nach diesem deftigen Frühstück waren wir für den heutigen Tag gestärkt und das konnten wir wahrlich gut gebrauchen, denn für uns war heute ein fast richtiger Cowboy-Arbeitstag.

Wir fuhren mit dem Chevy-Truck in den westlichen Teil der Ranch und kontrollierten dort die Wassertanks, damit das weidende Vieh hier draussen auch wirklich genügend frisches Wasser zum Trinken hat. Danach überquerten wir einen Teil der Weiden und kontrollierten im Vorbeifahren die Zäune. Schwache Stellen markierten wir mit farbigen Bändern, damit die Cowboys sehen, wo der Zaun repariert werden muss.

Batrice und Chuck waren am Nachmittag zu einer Familienfeier eingeladen. Auf dem Weg dorthin wollten sie ein paar Stück Vieh mitnehmen und bei einer Viehauktion abliefern. Dafür mussten aus einer Herde von ca. 30 Tieren 6 - 7 zum Verkauf stehende Rindviecher aussortiert werden. Wow, das war vielleicht ein Spektakel! Chuck trieb die ganze Herde in ein Gatter und jetzt galt es, ein Tier nach dem anderen an sich vorbeirennen zu lassen und Beatrice zuzuschreien, in welches Gehege sie es leiten sollte. Beatrice musste blitzschnell reagieren und das Gattertor dementsprechend öffnen oder schliessen.

Marco und ich sassen wie zwei kleine Cowboys oben auf dem Gehege und schauten gespannt dem aufregenden Treiben zu. Wir waren froh, da oben in Sicherheit zu hocken, denn plötzlich trabte die ganze Herde mit lautem Gemuhe auf Chuck und Beatrice los. Die beiden konnten sich nur noch mit behenden Sprüngen auf's Gatter in Sicherheit bringen und sind nur haarscharf den spitzigen Hörnern der daher donnernden Trampelherd entkommen.

Na ja, lustig haben die kühnen Hechtsprünge der beiden schon ausgesehen, doch so ganz ungefährlich ist die Sache aber doch nicht, wenn da ein Dutzend dieser beachtlichen Longhorn-Viecher in vollem Garacho auf einen zugetrampelt kommen.

Eines der Tiere, ich glaube es war ein Bulle, raste in diesem Chaos mit voller Wucht durch das Eisenrohr-Gatter. Aber hallo, das gab einen fürchterlichen Knall und die 6 cm dicken Eisenrohre waren verbogen wie zwei Gitterstäbli von Oma's altem Backofenrost.

Nachdem sich die Staubwolke gelegt und die Tiere sich wieder einigermassen beruhigt hatten, versuchten es die beiden nochmals und diesmal klappte der Viehtrieb tatsächlich. Yupiiieee! Jetzt galt es nur noch, die störrischen Viecher in den Trailer zu laden und dafür zu sorgen, dass sie während des Transports nicht umpurzeln und sich dabei verletzen. Aber die Rindviecher standen - wie bei uns die Menschenmassen am Skilift - so nahe beieinander, dass an ein Umfallen gar nicht zu denken war.

In dem ganzen Viehtrieb-Schlamassel hatte keiner bemerkt, dass Tipi auf drei Pfoten dahergehumpelt kam und fürchterlich winselte. Ich ging zu ihm hin und sah, dass er einen dieser fürchterlichen Kakteen-Dornen in der Pfote stecken hatte und dass er wollte, dass man ihm diesen entfernte. Er schaute mich mit seinem herzerweichenden Hundeblick an und brach mir damit vor Mitleid wirklich fast das Herz. Als der Dorn entfernt war und ich ihm gut zuredete, dass nun alles wieder okay wäre meinte Beatrice lachend: "So, hat der schlaue Kerl dich wieder einmal erwischt. Er kann sich die Dornen sehr gut selber aus den Pfoten entfernen, aber wenn er spürt, dass jemand Mitleid hat mit ihm, lässt er sich lieber helfen". So bin ich also diesem Schlaumeier ganz schön auf den Leim gegangen. Dieser sass immer noch neben mir und schaute mich nur mit seinem Unschuldsblick an.

Beatrice und Chuck hatten sich für die Familienfeier in Schale geschmissen und machten sich nun mit ihrem Viehtransport im Schlepptau los Richtung Süden. Wir machten es uns noch etwas im Garten gemütlich und warteten ungeduldig auf unseren Arbeitseinsatz. Heute abend waren wir für die Fütterung der "Raubtiere" verantwortlich.

Zuerst waren die Strausse und die ganze Hundemeute (insgesamt ca. 8 Hunde) an der Reihe und dann kam das gehörnte Fleckvieh dran. In der Scheune luden wir ein paar von den "sackschweren" Heuballen auf die Ladefläche des kleinen Pickups und fuhren damit zum Gehege, wo die Kühe und Bullen schon sehnsüchtig auf ihr Futter warteten.

Tja, und jetzt standen wir zwei Greenhorns ziemlich ratlos vor den Longhorns und wussten nicht so recht, wie man so einen tonnenschweren Heuballen einfach so "schwupps" über das gut 2 Meter hohe Gatter wirft. Die Rindviecher schauten unseren ersten Versuchen ziemlich misstrauisch und kopfschüttelnd zu. Einige von ihnen "muhten" uns sogar aus und andere suchten sich schon verzweifelt die Krümel der letzten Fütterung im Gehege zusammen. Auch die Hunde Tipi, Snow und die Hundebabies schauten uns nur mitleidig an. Doch wir gaben nicht auf! Mit einer von Marco ausgeklügelten Technik und ein paar Urschreien schafften wir es schliesslich doch noch, den widerspenstigen Heuballen über das Gatter zu schmeissen. Yeahhhh, give me five!

 

Cowboy Marco auf dem
Weg zum Pferde füttern

Nun waren die sieben Pferde an der Reihe, die momentan im Headquarter als Arbeitspferde eingesetzt wurden. Ihre Fütterung war wesentlich einfacher, da wir den Heuballen verzetteln und in den Trog verteilen mussten und diesmal wurden wir mit freudigem Pferdegewieher belohnt. Jetzt fehlte nur noch unser Jüngstes, das kleine nimmersatte Kälbchen. Chuck hatte es am Morgen untersucht und dabei entdeckt, dass es ein Zipfelchen hat und somit nannten Marco und ich es Norman, genau wie das Kälbchen aus dem Film City-Slickers.

Cowgirl Gaby beim Schöppeln 
von Kälbchen "Norman"

Ganz genau hatte mir Beatrice erklärt, wie ich den Riesenschoppen für den Kleinen zubereiten musste und ich war ganz schön aufgeregt, als ich mit der lauwarmen Milchflasche unterm Arm Norman's Gehege betrat. Noch nie in meinem Leben hatte ich ein Kälbchen mit der Schoppenflasche gefüttert und auf einmal hatte ich fürchterliche Zweifel, ob ich das als computerorientierter Stadtmensch überhaupt schaffen würde.

Vorsichtig ging ich auf Norman zu, der es sich in der schattigen, kühlen Ecke des Geheges gemütlich gemacht hatte. Er sprang gleich auf seine noch etwas unstabil wirkenden Steckenbeinchen, als er die ihm bekannte Schoppenflasche in meiner Hand sah und schaute mich mit seinen grossen Kulleraugen an. Langsam gingen wir aufeinander zu und Norman deutete mir mit einem sanften Stubbser an mein Bein an, dass er nun endlich etwas zu trinken haben wollte. Mit kräftigen Zügen sog er an der Flasche und ein unglaubliches Glücksgefühl machte sich in mir breit. Das ist es, was für mich Erfolg bedeutet und mit keinem Geld der Welt zu kaufen ist!

Da in Los Angeles noch einige Arbeit auf uns wartete, mussten wir uns wohl oder übel nach ein paar herrlichen, erlebnisreichen Tagen von diesem idyllischen Ort schon wieder verabschieden.

Was für Arbeit in Los Angeles auf uns wartete, könnt Ihr in der Story "SURPRISE" nachlesen. Viel Vergnügen!

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