Der Schlemmer-Sonntag
In Cavendish schlugen wir unser Zelt für zwei Nächte auf einem riesigen Campingplatz auf, der mit einem Laden, Spielplatz, Game-Room, Waschsalon und sogar einem Swimmingpool ausgestattet war. Auf den einzelnen Stellplätzen gab es sogar Wasser- und Stromanschluss. Was für ein Luxus!Die Feuerstellen waren diesmal ins Erdreich eingelassen und durch einen grossen Eisenring geschützt. Aha, das bot sich ja geradezu an, einmal etwas feines direkt auf dem Feuer zu kochen.
Während ich mir noch überlegte, was für Zutaten ich für mein Geköch einkaufen musste, sahen wir, wie ein paar Plätze weiter eine Familie frischen Lobster (Hummer) kochte. Oh boy! Uns lief das Wasser im Mund zusammen und wir wünschten uns nichts mehr, als auch einmal so ein Schlemmermahl zubereiten zu können. Aber wie kocht und vor allem wie öffnet man so einen gepanzerten Kerl?
Ich wollte es nun einfach wissen und so marschierte ich kurzentschlossen mit Marco im Schlepptau los zu den glücklichen Nachbarn um sie mit meinen Fragen zu löchern. Sehr hilfsbereit erklärten sie uns das Vorgehen und demonstrierten auch gleich, mit welchen einfachen Mitteln - sprich Axt - so ein Ding zu öffnen sei. Hey, that's it!? Jetzt waren wir uns einig, dass dies unser morgiger Sonntags-Braten sein würde. Für diesen Abend begnügten wir uns noch mit einer feinen Pizza vom Pizza-Delight.
Doch die perfekte Feuerstelle forderte mich geradezu heraus, heute schon etwas leckeres auszuprobieren und so kauften wir nach dem Abendessen alles Nötige ein um auf dem offenen Feuer ein typisches, "Schwiizer-Buurebrot" zu backen.
Marco war für das Feuer zuständig und da wir für das Backen ganz viel Glut brauchten, heizte er so richtig toll ein. Unterdessen fing ich an, den Teig für unser Brot vorzubereiten und als ich so kraftvoll zu kneten begann, wollten die gwundrigen Nachbarn natürlich wissen, was wir denn da machten.
"Hey, that's great!" Sie waren von unserer Idee völlig begeistert und versicherten uns, dass sie so etwas während ihrer jahrelangen "Umhereise-Karriere" noch nie gesehen hätten. Doch so ganz trauten sie uns das doch nicht zu und mit einem "wir-wollen-dann-mal-sehen"-Lächeln auf den Lippen, schlichen sie sich davon.
Ich muss sagen, es war auch für mich eine Premiere und ich war ziemlich nervös. In einer sauber ausgestatteten Küche mit einem elektrischen Backofen, bei dem man die Temperatur auf's Grad genau regeln kann, ist das für mich normalerweise kein Problem, aber hier, in freier Natur und mit einem Pfaditopf als Backofen ...!? Ach was, es wird schon klappen!
Der Teig entwickelte sich prächtig und wir waren beide ganz schön aufgeregt, als wir ihn endlich in den Pfaditopf legten und in die Glut stellten. Noch etwas Glut auf den Deckel, damit die Hitze auch von oben kommt und dann hiess es abwarten und Tee trinken.
Nach einer knappen halben Stunde gab ich schliesslich das Okay, um das Geheimnis zu lüften. Nicht nur wir, sondern auch unsere Nachbarn warteten gespannt auf den Moment, als wir den Pfaditopfdeckel abhoben. "Yeah!" Uns lachte ein herrlich duftendes, goldbraunes Brötli entgegen. "Give me five!" Wir vollführten einen Freudentanz und waren unheimlich stolz auf unser knuspriges Buurebrötli.
Renée und Stefanie - die beiden süssen kleinen Mädchen unserer Lobster-Nachbarn, die schon den ganzen Nachmittag Marco "nachhöseleten" - machten uns darauf aufmerksam, dass man auf der noch vorhandenen Glut wunderbar Marshmallows rösten könnte. Sie waren sofort Feuer und Flamme, als wir es ihnen erlaubten und rannten gleich los, um sich Stecken und einen riesigen Sack dieser zuckersüssen Marshmallows zu holen. Dann zeigten sie uns Greenhorns, wie man auf echte, amerikanische Art Marshmallows röstet und diese isst, ohne dass man sich dabei den Mund verbrennt oder die ganzen Finger verklebt. Mmmhhh! Ich muss sagen, es schmeckt wirklich lecker, aber nach 4 Stück gab ich auf, denn die warme Zuckermasse war selbst mir zu süss.
Am nächsten Morgen konnten wir es kaum erwarten, bis wir endlich unser selbstgebackenes Brötli anschneiden konnten. Es war einfach perfekt und eine riesige Abwechslung zu dem nordamerikanischen Schlabber-Brot.
Sofort nach dem Frühstück machten wir uns auf die Suche nach einem Fischmark um frischen Hummer für's Nachtessen zu kaufen. Direkt am Hafen des kleinen Fischerdörfchens wurden wir schliesslich fündig. Da gab es einen wunderschönen Fischmarkt mit vielen, fangfrischen Fischen. Der Verkäufer erklärte uns, dass wir am Abend nochmals vorbeikommen sollen, da wir keine Möglichkeit hatten, den Hummer bis zum Abend kühl zu halten. Gute Idee. Doch wir konnten der Versuchung nicht widerstehen und so kauften wir uns für den Z'mittag ein "kleines" Stück Cod-Fisch. Unglaublich, einen so zarten, wohlschmeckenden Fisch - natürlich absolut ohne Gräten - hatten wir noch nie gegessen.
Völlig vollgefressen legten wir uns nach diesem vorzüglichen Lunch in die Mittagssonne und warteten darauf, bis es endlich Abend wurde und wir unseren Hummer kaufen bzw. zubereiten konnten. In unseren Schlemmer-Träumen merkten wir Idioten nicht, dass uns die Sonne ganz schön auf den Pelz brannte und wir schon selbst wie zwei gegarte Lobster aussahen. Oh boy, ich glaube, wir werden nur noch älter!
Und dann endlich war es soweit. Wieder machten wir ein riesiges Feuer in unserem Feuerring und während ich alles für den Z'nacht vorbereitete, fuhr Marco zum Fischmarkt und kaufte zwei frische Hummer ein. Das Wasser im Pfaditopf kochte und war bereit, den ersten Hummer aufzunehmen. Doch jetzt standen wir vor einem echten Problem: Wer von uns beiden brachte es über's Herz, das lebende, zappelnde Tier ins Wasser zu schmeissen? Fast schon wollten wir die beiden langbeinigen Freunde wieder zum Fischmarkt zurückbringen, als sich Marco kurzentschlossen einen der gepanzerten Kerlchen packte, die Augen schloss und ihn ohne noch lange zu zögern ins heisse Wasser tauchte. Hätten wir es nicht getan, wären sie bestimmt in einem anderen Kochtopf gelandet.
Mit ein paar gekonnten Axthieben teilte Marco den gargekochten, nun "zündroten" Hummer - welcher uns mit seiner Farbe tatsächlich Konkurrenz machte - entzwei und mit seinem zweckmässigen, allzeit bereiten Victorinox-Tool knackten wir die Einzelteile auf. Wir genossen das leckere, zartschmeckende Fleisch mit einem Buttersäuceli und wie schon am Nachmittag machte ich dazu feine "Brathärdöpfeli". Vom herrlichen Duft angelockt schlichen einige Zeltnachbarn mit weit herausragenden Stilaugen und wässrigem Mund an unserem Campingtisch vorbei.
Tja, wir waren mächtig Stolz auf unser Magic-Dinner und genossen es in vollen Zügen. Dieses Weekend war ein richtig tolles Schlemmer-Wochenende, noch dazu mit vielen netten Bekanntschaften und einer neuen Hautfarbe!