Hey, das war doch ...
"Schrillllll!" Unbarmherzig schrillte uns der Reisewecker an diesem Sonntag morgen um 5:00 Uhr aus dem Schlaf. Ja, es war tatsächlich schon Zeit zum Aufstehen, da wir für heute einen Platz auf der ersten Fähre über den St. Lawrence River gebucht hatten.Völlig verschlafen schauten wir einander an und wir wären eigentlich lieber noch etwas aneinander gekuschelt, als in dieser Herrgottsfrühe schon aufzustehen. Aber da nützte alles Müden und Stöhnen nichts, denn es war wirklich allerhöchste Zeit. Noch mit Sandmännchen in den Augen schlüpften wir aus dem warmen, weichen Bett und quälten uns in die kalten, steifen Motorradklamotten. Good morning!
Als uns jedoch draussen die ersten Sonnenstrahlen entgegen lachten und wir auf der wunderschönen, zu dieser Zeit noch menschenleeren Strasse Richtung Les Escoumins fuhren, war der Aufstehfrust schon wieder vergessen.
Wir folgten den Hinweisschildern, die uns um sieben Ecken zur Anlegestation der Fähre führen sollten. Die Strasse wurde von Meter zu Meter schmaler und die Schlaglöcher nach jeder Kurve grösser. "Hier sind wir bestimmt falsch, da kann nie und nimmer die Anlegestation sein", gab Marco voller Zweifel zu bemerken. Aber ich war mir sicher, dass wir ganz genau den Hinweisschildern gefolgt waren und bat ihn, einfach noch ein Stück weiter zu fahren.
Und dann auf einmal war die Strasse zu Ende und wir standen vor einer riesigen Baustelle direkt am Fluss. Nur zwei bereits schon wartende Autos und die vor Anker liegende Fähre "L'Héritage I" liessen uns wissen, "Yes, you are right here!"
Nach typisch schweizerischer Pünktlichkeit waren wir natürlich eine ganze Stunde zu früh an der Anlagestelle und so verbrachten wir die Wartezeit indem wir dem Quai entlang schlenderten und auf den gemächlich, in der Morgensonne dahin fliessenden St. Lawrence River hinaus schauten.
Ich war gerade zum 'zigsten Mal damit beschäftigt, meine dauernd runterrutschenden Socken hochzuziehen (diese nervigen Scheissdinger werden keine Wäsche mehr benötigen), als ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung im Wasser bemerkte. 'Was war denn das? Das war doch nicht etwa ... oder etwa doch ...?'
Auf einmal waren mir die blöden Socken völlig egal, ich wollte nur noch wissen, was sich da gerade im Wasser bewegt hatte. Gespannt schaute ich auf den Fluss hinaus und dann auf einmal tauchte das unbekannte Etwas wieder auf und diesmal konnte ich es ganz deutlich sehen und diesmal sogar hören.
Unglaublich, nur ein paar wenige Meter vom Ufer entfernt tauchte in stoischer Ruhe ein Wal aus dem Wasser und stiess eine riesige Wasserfontaine in die Luft. Yeah! Ich machte einen Freudensprung und war nun wirklich mit einem Schlag hellwach. So nahe hatte ich noch nie einen Wal gesehen. Was für ein Glückstag!
Völlig aufgeregt rannte ich zu Marco, der wieder einmal mit einer wildfremden Person am Quatschen war, und erzählte ihm von meiner tollen Entdeckung. Ich fühlte mich wie Kapitän Ahab als er Mobby Dick gesichtet hatte. Mit dem Unterschied, dass ich kein Holzbein, dafür aber wieder eine heruntergerutschte Socke hatte (es ist unglaublich, wie einem solche Scheissdinger ärgern können).
Natürlich glaubte mir mein lieber Mann erst nicht so recht, und meinte, dass ich wohl noch etwas träume, doch da tauchte der Wal auch schon wieder auf und diesmal sah ihn auch Marco. Mit einem Mal herrschte an der Anlegestelle helle Aufregung. Jeder wollte natürlich den Wal sehen und je länger wir auf den Fluss hinaus schauten, um so mehr Wale entdeckten wir. Am Schluss zählten wir eine Gruppe von 5-7 Walen, welche in Ufernähe auf Futtersuche waren.
Durch das gratis Whale-Watching verging die Zeit wie im Flug und auf einmal hiess es: "Ready to go!" Es war höchste Zeit, die Fähre für die Überfahrt zu beladen und wir mit unserem Mega-Vehikel wurden erst einmal zur Seite gebeten, da man für uns einen speziellen Platz auf dem Kahn vorgesehen hatte.
Geduldig warteten wir, bis alle Autos an Bord verstaut waren und man uns grünes Licht zum Verladen gab. Vorsichtig fuhr Marco die Rampe empor und auf einmal... "Oh nein, so ein Mist!" Mit Schrecken sahen wir, dass die Auffahrtsrampe so idiotisch konstruiert war, dass man entweder mit vier Rädern (sprich Auto) oder mit 2 Rädern (sprich Töff) darauf hochfahren konnte. Für unseren schmalspurigen "Quitschi"-Trailer sah es jedoch ziemlich schitter aus, zumal der Absatz zwischen den Spurrampen viel zu hoch war, als dass wir einfach mit Anlauf hätten darüber hinwegfliegen können.
So, und jetzt war Marco's Können und meine Muskelkraft gefragt. Marco fuhr den Töff über die rechte Rampe auf die Fähre, bis der Trailer an der Rampenkante anstand. Nun versuchte ich mit Leibeskräften und einem gewaltigen Urschrei, den Trailer anzuheben, während Marco ganz dosiert Gas gab.
"No chance!" Mir schien, als würde ich an einem Felsen rütteln. Das Mistding bewegte sich keinen Zentimeter vom Fleck. Mit meinem Urschrei konnte ich zwar den Trailer nicht in Bewegung versetzen, dafür wurden aber vier Mann der Schiffsbesatzung auf uns Aufmerksam, welche uns zu Hilfe eilten.
Eines schwor ich mir, wenn wir es jetzt, mit vereinten Kräften nicht schaffen würden, das verflixte Ding an Bord zu hieven, dann mussten einige von Marco's Unterhosen daranglauben. Mit einem lautstarken, französischen "hau-ruck"-Kommando und Marco's richtigem Dreh am Gasgriff klappte es schliesslich. "Et voilà!"
Die Laderampe wurde hinter uns geschlossen und die Goldwing "for your safety" am Schiffsboden festgezurrt. In einer 90-minütige Fahrt überquerten wir den hier knapp 30 km breiten St. Lawrence River.
Wir gönnten uns während der herrlich ruhigen Überfahrt eine Ruhepause und genossen ein typisch französisches Frühstück mit leckeren, backfrischen Croissants.
Das Entladen unseres Vehikels war wesentlich einfacher, da die Rampe hier in Trois-Pistoles etwas "gscheiter" konstruiert war. Tja, so können kleine Dinge auf einmal zu einem schier unüberwindbaren Problemchen werden!