Erholung in Barrie


27. Juli 1999. Genau 1 Monat nachdem wir uns in Barrie von unseren Freunden Mary und Paul verabschiedet haben, sind wir jetzt wieder auf dem Weg zurück, um uns bei ihnen von unseren Verletzungen zu erholen und auf andere Gedanken zu kommen.

Von Port Hawkesbury aus fahren wir im Mietauto und einer riesigen Portion Angst im Nacken nach Halifax. Von hier aus haben wir einen Flug nach Toronto gebucht. Freundliche werden wir am Checkin-Schalter von einer Mitarbeiterin begrüsst. Als sie jedoch sieht, wie viele Gepäckstücke wir anschleppen wird sie schlagartig kreideweiss. Nachdem sie dann auch noch das Gewicht zusammen addiert hat, wechselte ihr Gesichtsausdruck von einem zwanghaften Lächeln zu einer mitleidigen Miene. Sichtlich verwirrt erklärte sie uns, dass auf diesem Flug leider nur 20 kg Freigepäck pro Person plus ein Handgepäck erlaubt sind, wir dagegen bringen stolze 104 kg Gepäck auf die Waage (ohne Handgepäck!). Im Klartext heisst das, dass wir 64 kg zuviel dabei haben und diese mit CD$ 5.- pro Kilo zu bezahlen haben. Mit nervösen Fingern tippt sie auf ihrem Rechner herum und hält uns die gewaltige Summe von CD$ 320.- unter die Nase.

Natürlich hatte sich Marco schon beim Buchen des Fluges nach dem maximal Gewicht erkundigt und so wussten wir, was auf uns zukommt und dass wir für's Übergepäck so zwischen CD$ 300.- und 350.- bezahlen müssen. Wir konnten regelrecht sehen, wie ihr ein Stein vom Herzen fällt, als wir der Mitarbeiterin erklären, dass wir vom Reisebüro bereits über die Kosten des Mehrgepäcks informiert wurden. Ihr freundliches Lächeln und ihre rosige Gesichtsfarbe kehren wieder zurück. Freundlicherweise rundet sie noch 4 kg Übergewicht ab und verrechnete uns schlussendlich nur gerade CD$ 300.-.

Aufgrund meiner Verletzungen kommt mir der nur gut 2-stündige Flug so lange wie ein Transatlantikflug vor. Hinter mir sitzt ein "langes Elend", der nicht recht weiss, wohin er seine langen Beine verstauen soll und somit dauernd seine spitzen Knie in den Rücken drückt. Völlig "knuffi" kommen wir beide schliesslich in Toronto an und stellen uns sehr nervös ans Gepäck-Förderband (schliesslich sind wir gebrannte Kinder!).

'Kommt es oder kommt es nicht!?' Ungeduldig warten wir darauf, dass das Blinklicht endlich angeht und das Förderband die ersten Gepäckstücke ausspuckt. Einige davon sahen sehr mitgenommen aus und da kommt sogar ein einzelner, abgerissener Rucksackgurt auf dem Band daher.

"Yeah!" Mit einem Freudenschrei entdecken wir das erste unserer insgesamt 5 Gepäckstücke. Nur noch ein paar Meter trennen uns davon und wir machen uns bereit, es endlich in Empfang nehmen zu können. Doch da, was ist das? "Hey, stopp! Das ist unser Koffer!" schreie ich wie eine Furie lauthals durch die Menge. Am gegenüberliegenden Ende des Förderbandes hat sich doch tatsächlich jemand unser sehnlichst erwartetes Gepäckstück geschnappt und ist schon dabei, es auf sein "Wägeli" zu hieven. Völlig aufgeschreckt durch meine lautstarke Zurechtweisung bemerkt die Schlafmütze, dass dieses schwere Ungetüm nicht sein Koffer ist und legt ihn vorsichtig auf's Förderband zurück.

Mit meinem Geschrei habe ich mir eine gewisse Autorität am Förderband verschafft und es scheint, als würde nun jeder zweimal schauen, bevor er sich ein Gepäckstück vom Band schnappt. Wir erkennen unsere Gepäckstücke gut, denn es sind die einzigen, die mit neongelben Klebern mit der Aufschrift: "ATTENTION, VERY HEAVY" versehen sind. Uff, erleichtert atmen wir auf, als schliesslich auch noch das letzte unserer tonnenschweren Gepäckstücke dahergeschaukelt kommt.

Mary begrüsst uns herzlich und hat uns in der Studentenwohnung das gleiche Zimmer - welches wir während unserer Schulzeit bewohnten - mit Blumen und einem herzlichen Willkommenskärtchen hergerichtet. Wir spüren, dass wir hier ganz herzlich Willkommen sind und uns für ein Weilchen einfach wohl fühlen und erholen können. Es ist ein bisschen wie nach Hause kommen.

Tja, und aus einem Weilchen wurde schliesslich ein ganzer Monat, und was wir da so erlebt haben, werde ich Euch jetzt kurz berichten:

Neben unseren Gastgebern sweetheart Mary und crazy Paul drücken momentan 5 Englisch-Studenten/-innen die Schulbank. Rahel und Carola, zwei hübsche Girls aus dem Züri-Oberland, Beat der Träumer - welcher uns jedoch in einer Woche wieder verlässt, Hans vom Appenzellerland, mit Spitzname: Johnny-Cool und Christoph, ein waschechter Schwabe. Für eine Woche hat sich auch die kleine Koreanerin Jin-Joo, eine ehemalige Studentin dieser Schule, bei uns in der Studentenwohnung eingenistet. Wir sind ein lustiger Haufen und haben sehr viel Spass zusammen. Natürlich gilt auch für uns jetzt wieder die Hausordnung in welcher als erster Punkt steht: "English only!"

Carola, Rahel und Gaby
beim Z'nacht kochen

 

Die Zeit vergeht wie im Flug und neben den diversen Zahnarzt- und Arztterminen sind wir mit dem Zusammenstellen von diversen Listen für die Versicherungen beschäftigt. Daneben nehmen wir uns sehr viel Zeit, um uns am Pool auszuruhen oder mit den Studenten zum Minigolf, zum Shopping oder ins Kino zu gehen. So gut es geht nehmen wir auch an den Aktivitäten wie Wandern, Horseback-Riding und Dampflockfahrt teil.

Leider kann ich nicht zum Horseback-Riding mitgehen, da es meine Verletzungen noch nicht zulassen und ich mich zu allem Übel auch noch mit dem "Dünnpfiff" herumquäle. Also galoppieren die drei "City-Slickers" - Marco, Johnny-Cool und Christoph - alleine los. Wie uns das Trio am Abend erzählt, hatten sie sehr viel Spass dabei. Sie klagen zwar über ihre schmerzenden Hinterteile, aber ein echter Indianer kennt keine Schmerzen!

Marco hat die Genesungszeit hier sichtlich genossen. Umsorgt von so vielen, hübschen "Girls" sind die Schmerzen schon bald vergessen und Lachen ist einfach immer noch die beste Medizin.

Wanderung in den Algonquin N.P.
Marco, Rahel, Mary und Gaby

Tja, wer von den Männern würde dazu schon nein sagen, wenn er mit 3 Girls unter einem Dach wohnen, im Hot-Tub sitzen oder in den Ausgang gehen kann. Ich hatte manchmal alle Hände voll zu tun um auf ihn aufzupassen!

Von unseren düsteren Gedanken abgelenkt, fangen wir so ganz allmählich an, unsere Weiterreise zu planen. Anfangs noch etwas zaghaft, nimmt unser Traum mit dem Buchen des Fluges, dem Bestellen des neuen Töffs und dem Einkaufen der neuen Ausrüstung plötzlich wieder greifbare Formen an.

Und so haben wir uns entschieden:
Wir werden Anfang September nach Los Angeles fliegen, dort unseren neuen Töff entgegennehmen und dann unsere Reise fortsetzten.

Don't give up, face your fears, live your dreams!

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