Camping-Story


Nach unserer eher missglückten Zeltaufstell-Trockenübung in Barrie (siehe Bericht: Zelt aufstellen mit Folgen...!), wagten wir uns heute optimistisch an unseren zweiten Versuch.

Wir wählten uns für diese Übernachtung bei Mutter Natur einen wunderschönen, im lichten Wald gelegenen Campingplatz im Fundy Nationalpark aus. Natürlich hatten wir am Vortag den "Maybe-Channel" (Wettervorhersage) "hinderschii und fürschii" studiert, um zu wissen, was Petrus in dieser Nacht vor hatte, denn so ganz trauten wir unserer Behausung aus ein paar mikkrigen Stängeli und einem dünnen Stöffchen doch nicht.

Der von uns ausgewählte Platz war nach typisch nordamerikanischer Art mit einem Holztisch-/bank sowie einer Feuerstelle mit Grill ausgestattet und von der Grösse für unser "dreimann/-frau" grosses Igluzelt einfach optimal!

Frohen Mutes packten wir unseren ganzen Campingkarsumpel aus und damit keiner merkte, was für blutige Camping-Anfänger wir eigentlich waren, drehten wir erst einmal ein paar Runden um den am Boden liegenden Zeltplunder und machten einen Schlachtplan.

Obwohl es mir ziemlich schwer viel, folgte ich Marco's Anweisungen ganz genau: "Jetzt muesch das Stängeli dete dur dä Kanal durezieh und dänn muesch es büge und i die schwarz Lasche inne drucke". Hey, wir konnten es selbst kaum glauben, im Nu hatten wir unser neues Zuhause aufgestellt und mit den  praktischen, selbstaufblasbaren Liegematten und den knuddeligen Schlafsäcken eingerichtet. Et voilà, fertig war unser Nachtlager. Voller Stolz begutachteten wir unser Werk und freuten uns auf einen gemütlichen Abend am Lagerfeuer.

Während Marco unsere Goldwing zum Holztransporter umfunktionierte und am Campingplatz-Eingang einen "Armload-Firewood" (Armladung Feuerholz) besorgte, dekorierte ich unseren Holztisch liebevoll mit einem kleine Wald-Arrangement aus Moos, Farn, Beeren und Tanzäpfchen. Jetzt stand unserem Nachtessen nichts mehr im Wege und auf dem Menuplan stand für heute: Hackfleischtätschli mit Corn on the cob (Maiskolben). Es war ein einfacher aber super feiner Z'nacht und zum Schluss gab's für Marco noch einen feinen Espresso vom Feuer aus seinem kleinen italienischen Camping-Espressomaschineli.

Doch leider gehört auch in freier Natur das Abwaschen zur Pflicht. So holte Marco im praktischen Faltkübel Wasser und wir machten uns gemeinsam an die Arbeit und hatten erst noch "dä Plausch" dabei.

Und dann kam das, worauf ich mich schon seit langem gefreut hatte: Marco spaltete Holz und wir machten ein richtig tolles Lagerfeuer. Wir waren bestimmt die Ersten auf dem ganzen Campingplatz, die um diese Zeit schon ihr Lagerfeuer entfachten - es ging noch mindestens 2 Stunden bis zum Einnachten und Marco war besorgt, dass unser Holzvorrat nicht reichen würde - aber ich konnte und wollte ganz einfach nicht mehr länger warten.

Unsere Rauchzeichen zogen einen kleinen Zigeunerjungen von einem benachbarten Platz an. Erst schaute er sich nur etwas schüchtern unsere Goldwing und den Trailer an. Nach einer Weile des Staunens kam er dann ganz vorsichtig auf uns zu geschlichen. Ich glaubte seinem Gesichtsausdruck entnehmen zu können, dass er uns nicht so ganz über den Weg traute und ihn einige Fragen quälten. Er ging auf Marco löcherte ihn regelrecht mit Fragen. Wir amüsierten uns köstlich über sein zigeunerhaftes Outfit und seine Fragerei. Von der Grösse her musste der Kleine so ca. 5-jährig sein.

Plötzlich sprang er auf und zischte durch das Gebüsch davon. Er muss wohl dem Duft von Mami's Abendessen gefolgt sein. Doch kaum hatte er den letzten Bissen hinuntergeschlungen, kam er auch schon wieder, mit seinen viel zu grossen Turnschuhen, dahergeschlurft.

Diesmal war seine Aufmerksamkeit ganz auf mich gerichtet. Er bestaunte den glitzernden Brillianten in meinem Nasenflügel und wollte wissen, wozu das denn gut sei. Aber damit nicht genug, er hatte noch viel mehr Fragen wie z.B.: "What's your name?" - "How old are you?" und "Who is that guy over there?" auf Lager und zeigte dabei mit seinen Wurschtlifingern zu Marco hinüber.

Er hatte anscheinend während des Nachtessens schon wieder vergessen, wer Marco war und so erklärte ich ihm: "That's Marco. He is my husband". Er schaute mich mit hochgezogenen Augenbrauen an und meinte altklug: "Oh, that's great. It seems he is a nice guy!".

Er blabberte mir den Kopf mit irgendwelchen schaurigen Geschichten aus dem neuesten Star Wars-Film voll und kam dabei richtig in Ekstase. Seine grossen dunkelbraunen Augen funkelten und waren weit geöffnet. Ich hörte ihm eine Zeit lang zu und als ich ihm erklärte, dass mir seine Schauermärchen richtig Angst machten, schaute er mich völlig entsetzt an und ich glaubte seinem Lachen auf den Stockzähnen entnehmen zu können, dass er wohl dachte: 'tyyypisch Weiber!'

Jetzt war ich nicht mehr interessant und so schlurfte er zu seinem "Kumpel" Marco hinüber um mit ihm ein Gespräch von Mann zu Mann zu führen. Er stellte sich neben Marco auf die Bank und stellte ihm nochmals 'zig Fragen, kreuz und quer durch den "Gmüesgarten". Auf einmal sah er ihm ganz tief in die Augen, legte ihm seine Patschhand auf die Schulter und fragte ihn: "Why don't you have children?"

Ufff, jetzt war guter Rat teuer! Und auf irgend eine, für mich leider nicht zu verstehende Art und Weise, erklärte ihm Marco, wieso wir keinen solchen kleinen Krümel haben. Es schien, dass der kleine Wicht mit Marco's Antwort nicht so ganz zufrieden war. Kopfschüttelnd sprang er vom Bank, verabschiedete sich mit einem flüchtigen "Bye, bye!" und trottete davon.

In der Zwischenzeit war es nun auch schon dunkel geworden und für den kleinen Knirps höchste Zeit ins Bett zu gehen. Wir genossen noch eine ganze Weile unser romantisch knisterndes Lagerfeuer und lauschten den Geräuschen der nachtaktiven Tiere.

Wir hatten eine gute, wenn auch etwas ungewohnte und vor allem kurze Nacht, denn um 6:00 Uhr wurden wir bereits von ein paar lauthals kreischenden Krähen geweckt. Tja, that's nature!

Zwischen Flut und Ebbe gibt es Gezeitenunterschiede von bis zu 12 Meter

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