Pick up the Töff and Trailer


Nachdem wir uns in den vergangen Tagen auch mehrmals nach dem Eintreffen unseres Töff's erkundigt hatten, bekamen wir gestern schliesslich das Okay. Unser Töff samt Trailer ist endlich in Chicago eingetroffen. Hey, so cool! Also machten wir uns frühmorgens in einem Taxi auf den Weg durch das Verkehrs-Chaos von Chicago. Es war ein stetiges Stop-and-go und mir war schon nach kurzer Zeit "Kotzübel" von dieser schrecklichen Rüttel-Schüttel-Fahrt. Was war ich froh, als wir endlich bei der Lagerhalle der Transportfirma ankamen und aus diesem Schaukelstuhl von Auto aussteigen konnten. Ich schwor mir, nach den Taxi-Horror-Trips der vergangen Tage, nicht so schnell wieder in ein Taxi einzusteigen.

Während Marco draussen wie ein Wachhund unser Gepäck bewachte stand ich mit all den "big Trucker-Guys in the line" und wartete darauf, endlich an die Reihe zu kommen. Ich fühlte mich wie eine Maus zwischen einer Horde Elefanten-Bullen, die mich jedoch so vorsichtig behandelten, als ob ich zerbrechen könnte. Auf meiner Stirn stand wohl: "handle with care".

Etwas ungläubig schauten mich die Jungs an als ich erklärte, ich wäre hier um den Töff und den Anhänger abzuholen. "Do you have a truck?", war die Frage und ich verneinte mit einem Lächeln auf den Lippen - sah ich etwas so aus, als ob ich einen Truck fahren könnte?. Nun ja, als ich dann endlich damit herausrückte, dass mein Mann draussen wartete, sah ich, wie der Boss sichtlich aufatmete. Was er jedoch immer noch nicht verstand war, wie wir den Töff und Trailer ohne Truck transportieren wollten. ,Hat der noch nie etwas von Töfffahren gehört?‘ fragte ich mich ernsthaft. Als er dann endlich begriffen hatte, was wir vor hatten - nämlich den Töff samt Anhänger in seiner Lagerhalle auszupacken, unser Gepäck aufzupacken und loszufahren – war schliesslich ganz Feierabend.

Er weigerte sich ganz energisch, diesem Vorhaben zuzustimmen, weil die beiden Fahrzeuge wie zwei Weihnachtsgeschenke verpackt und verschnürt auf Holzpaletten festgezurrt in der Lagerhalle standen. Er konnte sich nicht vorstellen, wie wir den Anhänger bzw. den Töff von den Paletten herunterhieven wollten. "It's not possible" erklärte er mir immer wieder, und beteuerte, dass er jegliche Verantwortung für unser Vorhaben ablehne. "It isn't safety!", meinte er kopfschüttelnd, doch so schnell gab ich nicht auf und mit einem Augenzwinkern sagte ich zu ihm: "Oh come on Buddy, it's really not a problem for us". Und dann endlich, nach langem Hin und Her stimmte er unserem Plan schliesslich doch noch zu.

A very nice Boy fuhr die beiden Palette zum Tor, wo wir sofort von einer Menge Schaulustiger umringt waren, welche uns mit Fragen löcherten. Selbstverständlich liess sich auch der Boss das Spektakel nicht entgehen und stand staunend in der Menge. Nachdem die Standardfragen nach Kubik, Preis etc. geklärt waren kam schliesslich die alles entscheidende Frage nach unserem eigentlichen Vorhaben. Als wir den Männern erklärten, dass wir für ca. 2 Jahre in Nordamerika umherzureisen wollten, herrschte für einen Moment einfach nur RUHE! Der Boss realisierte als Erster, was dies bedeutete und schrie mir ins Ohr: "Oh Jesus, it's absolutely crazy!" Dann hielt er seine riesige Hand neben mir hoch und forderte mich kopfschüttelnd auf: "Come on Baby, give me five!" Ich klatschte mit meiner nur halb so grossen Hand auf seine riesige Pranke und ab sofort waren wir "The number 1" in dieser ölverschmierten, düsteren Lagerhalle.

Jeder der nun die Halle betrat musste sich vom Boss persönlich – ob er wollte oder nicht – unsere Story anhören und wir wurden weiterhin mit 'zig Fragen bombardiert.

Als hätten wir das schon tausendmal gemacht, legten Marco und ich Hand an und hatten im null-komma-nichts den Töff und Trailer ausgepackt und von den Paletten gerollt. Während ich unser Gepäck im Trailer und Töff verstaute, schloss Marco die Batterie an, füllte Öl und Benzin ein und startete mit unglaublichem Stolz unser Superbike.

Mit unzähligen guten Wünschen "take care", "have fun" und "have a nice trip" wurden wir schliesslich von den Trucker-Boys verabschiedet. Ich drehte mich noch einmal um, um mich zu vergewissern, dass mit dem Trailer alles in Ordnung ist und dabei sah ich, wie einer der Trucker freudestrahlend mit unserem leeren Koffer - welchen wir ihm überlassen hatten - davon schritt. Wir waren glücklich, ihm damit eine Freude gemacht zu haben.

Auf dem Interstate-Chaos verliessen wir Chicago und fuhren immer Richtung Osten der kanadischen Grenze entgegen.

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