"CNIB, what's that?"
Eines morgens fragte uns Paul, ob wir Lust hätten, einen Tag beim CNIB (Canadian National Institute for the Blind = Kanadische Organisation für Blinde) als Volunteer (freiwillige Helfer) zu arbeiten. Wir stimmten alle sofort begeistert zu, obwohl wir nicht so recht wussten, was uns da überhaupt erwarten würde. Eigentlich war es egal, eines wussten wir jedoch mit Sicherheit, es würde eine Abwechslung zum gewohnten Schulalltag sein.Paul vereinbarte mit dem CNIB einen Termin auf die darauffolgende Woche und wir freuten uns riesig, uns dieser Herausforderung zu stellen. Yeah, endlich wieder einmal arbeiten!
Mary machte uns in der letzten Unterrichtsstunde noch auf ein paar wichtige Dinge aufmerksam, die wir bei unserem Besuch beim CNIB unbedingt beachten sollten: "Es ist sehr wichtig, dass ihr klar und deutlich sprecht, da euch diese Leute nicht sehen können. Versucht also nicht, wie ihr es hier tut, mit Händen und Füssen etwas zu erklären. Wenn ihr ein Wort nicht wisst, umschreibt es einfach. Okay?"
"Aye, aye teacher", war unsere übereinstimmende Antwort und wir waren überzeugt, dass dieser Tag für unsere Englisch-Konversation eine gute Übung sein würde. Doch da gab es noch zwei andere Punkte die wir zu beachten hatten: "Wir nennen die blinden Leute nicht 'Blind People' sondern respektvoll 'Visually Impaired People'. Einige von ihnen haben noch ein kleines Restsehvermögen und wären gekränkt, wenn man sie als blind bezeichnet. Was aber ganz, ganz, ganz besonders wichtig ist: 'No blind-jokes guys' (keine Blinden-Witze) an diesem Tag!" Alles klar! So fuhren wir am nächsten Morgen bewaffnet mit dem Englisch-Wörterbuch zum CNIB um uns nützlich zu machen.
Paul erklärte der Empfangsdame, dass wir nun eben die sind, welche er für heute hier abliefern müsse und dass er uns so gegen 16:00 Uhr wieder abholen würde. Mit einem hämischen Lächeln auf dem Gesicht verdrückte er sich schleunigst wieder und wünschte uns zum Abschied noch: "Have a nice day guys!"
Wir wurden in einen anderen Teil des Gebäudes geführt, wo uns Julie - sie ist hier der Boss und selbst seit mehreren Jahren blind - unsere Arbeitsplätze zeigte und uns einem älteren Ehepaar (Peggy und Tim) vorstellte, welche schon fleissig bei der Arbeit waren. Dann führte sie uns zum wichtigsten Teil des Büros: der Kaffeeküche. Hier gab es reichlich Kaffee, Softdrinks (Cola, Sprite etc.) und jede Menge Cookies (Guetzli). Hey, ich war mir sicher, dass ich mich hier wohl fühlen würde.
Aber eigentlich waren wir ja nicht zum Essen sondern zum Arbeiten hier und so stürzten wir uns gleich hinein ins grosse Vergnügen. Ziel des heutigen Tages war es, 1'800 Briefe zu verpacken! Der zu versendende Brief bestand aus drei A4-Blättern (oder wie die dieses komische Format hier auch immer nennen). Die Idee war es, dass immer 2 Personen in einem Team zusammen arbeiten. Die eine Person stellte das Mail zusammen und faltete die Papiere 3-fach (natürlich nicht so, wie wir es in der Schweiz machen). Die andere Person steckte den Brief in ein voradressiertes Couvert und klebte dieses zu.
No problem at all! Doch das hörte sich einfacher an, als es wirklich war, denn die Leute hier hatten noch nie etwas von selbstklebenden Couverts gehört und so galt es, jedes einzelne Couvert zuerst mit einem Schwämmchen anzufeuchten und dann zuzukleben. Es war eine feuchte Angelegenheit, aber was solls, auch dieses System funktioniert und keiner schien sich über dieses vorsintflutliche System aufzuregen!
Roger und Marco arbeiteten in einem Team zusammen. Roger war der "Folderman" (Faltermann) und Marco war der "Stickerman" (Klebermann). Ich arbeitete mit Marylin zusammen. Eine sehr flinke und lustige Person. Sie erzählte uns, dass sie vor einigen Jahren infolge einer Krankheit für 8 Monate blind war und durch eine erfolgreiche Operation ihr Augenlicht wieder erlangte und seit dem für Julie arbeitet. Sie liest ihr Briefe und Texte aus der Zeitung vor und arbeitet zusätzlich noch für einen Verlag, welcher Höhrspielkasetten für Sehbehinderte produziert. Marylin bespricht dort die Kasetten zum Beispiel mit einem Krimi, den sie aus einem Buch vorliest. "Wichtig dabei ist, dass ich meine Stimmlage bei verschiedenen Personen ändere und dass ich das Buch spannend vorlese, so dass die Zuhörer beim Abspielen der Kasetten nicht gleich einschlafen."
In der Zwischenzeit hatte sich der Raum mit Volunteers (freiwilligen Helfern) gefüllt und wir waren nun insgesamt 12 Personen. Es war ein geschnatter wie in einem Hühnerstall, doch jetzt ging die Post so richtig ab.
Vier der 12 anwesenden Personen waren blind und es war erstaunlich zu sehen, wie flink und präzise sie ihre Arbeit verrichteten. Marylin und ich hatten unser eigenes System ausgeklügelt und so waren wir um einiges schneller als alle anderen Teams. Besonders das Team Roger und Marco liess etwas zu wünschen übrig. Vielleicht lag es daran, dass Roger ein waschechter Berner ist und somit allen erklären musste, dass Bern "the capitol of switzerland" ist oder vielleicht waren sie deswegen so langsam, weil Marco einfach zu viel mit seinem Tischnachbarn Tim über weiss der Kuckuck was alles plauderte (die beiden schienen sich doch tatsächlich zu verstehen). Egal was es war, ab sofort nannten wir dieses Team nur noch: Blab-Team (Plauder-Team).
Erst als Tims Frau Peggy und meine Partnerin Marylin lauthals protestierten, klemmte sich das Blab-Team und Tim wieder hinter die Arbeit. Und nun legten sie ganz schön los. Mit dem Ergebnis, dass sie nach einer halben Stunde schon müde waren und dringend eine Kaffee- und Cookie-Pause einlegen mussten (lazy guys!).
Wir hatten wirklich sehr viel Spass zusammen und die Zeit verging wie im Flug. Natürlich wurden wir mit 'zig Fragen über uns, unsere Reisepläne und vor allem über "little Switzerland" gelöchert. No problem, wir sind uns so langsam daran gewöhnt!
Kurz vor Lunchtime waren wir mit der Arbeit schon fertig und wir freuten uns riesig auf die Big-Big-Pizza, die Julie für uns bestellt hatte. Die Arbeit und das Gequasel hatte uns ganz schön hungrig gemacht (nicht alle hatten sich zwischendurch mit Cookies vollgestopft!) und so stürzten wir uns förmlich auf die wagenradgrosse, saftige Pizza.
Nach dem Lunch boten uns Tim + Peggy an, uns in ihrem Auto zur Studentenwohnung zurückzufahren. Auf der Fahrt erzählten sie uns, dass sie zwei Mal die Woche zum Bowlen (Kegeln) gehen (Frage: wie kann eine stark sehbehinderte Frau bowlen?). Ich weiss es nicht und es ist eigentlich auch nicht wichtig; sie tut es ganz einfach, hat Spass dabei und ist glücklich und zufrieden!
Für uns war dies ein sehr erfolgreicher und interessanter Tag und ich bin sicher, dass wir uns noch lange daran erinnern werden.
Thanks for this great opportunity!
Zum Nachdenken:
Wisst Ihr, was uns Sehende von Blinden unterscheidet?
Sie sind viel feinfühliger als wir und haben ein super Gedächtnis.
Julie wusste am Ende noch von jeder Person ohne zu überlegen ganz genau den Namen. Ich dagegen konnte mir mit viel Mühe gerade mal die Hälfte merken. "That's the big different!"